„Schwäbisch denka, schreiba, bleiba“, herausgegeben von Wolfgang Wulz, stellt Texte aus einem Mundartwettbewerb vor. Eine Geschichte aus dem Kreis Böblingen hat die Jury berührt.
„Vor ogfähr fenf Johr han i mein Opa gfonda.“ Mit diesen Worten beginnt die Erzählung „En ganz koschtbarer Fund“ von Gabi Weber-Urban. Darin berichtet die Gäufeldenerin von ihrer Annäherung an ihren im Zweiten Weltkrieg gefallenen Großvater. Der Text ist im vergangenen Herbst mit einem Sebastian-Blau-Preis für schwäbische Mundart ausgezeichnet worden – und findet sich nun in dem neu erschienenen Buch „Schwäbisch denka, schreiba, bleiba“, eine Sammlung von 33 Gedichten und Geschichten, verfasst von den Preisträgern sowie von weiteren ausgewählten Teilnehmern des Mundartwettbewerbs.
In ihrer Erzählung berichtet Weber-Urban von ihrer Wahrnehmung des Großvaters, die sich in ihrer Kindheit ausschließlich auf Fotos und die Erinnerungen ihrer Großmutter und Mutter stützt. „Mei Muddr hot ihrn Vaddr verständlicherweis saumäßig vermisst. (...) Aus dr Sicht von meiner Muddr war ihr Vaddr zeitläbens ihr Held en Hochglanz (...).“ Erst in der Corona-Zeit liest Weber-Urban die Feldpostbriefe ihres Großvaters, die auf ihrem Speicher schlummern. Über sie lernt sie den Menschen hinter den Familienerzählungen kennen. „Was i dort gfonda han, isch koi Hochglanzheld, sondern an ganz netter Mensch, a richtiger Pfondskerle, mit Ecka ond Kanta (...). Ich bin so froh, dass i mein Opa endlich gfonda han.“
Authentisch, persönlich, berührend
Wolfgang Wulz aus Herrenberg, Jurymitglied des Blau-Preises, Vorsitzender des Vereins schwäbische mund.art und Mit-Herausgeber des neuen Buches, zeigte sich beeindruckt von ihrem Text. „Die Geschichte hat die Jury sehr mitgenommen“, sagt er. Der Text sei authentisch, persönlich und berührend. „Ich fand ihn ganz wunderbar."
Eine andere Herangehensweise an seine Erzählung wählte Wolfgang Häring aus Gärtingen. Auch er befasst sich mit der Geschichte seiner Familie – seine Mutter floh während des Krieges aus Pommern auf die Ostalb. Häring schreibt allerdings hauptsächlich in Hochdeutsch mit schwäbischen Einsprengseln. Der Leser erhält auf diese Weise ein Gefühl für die beiden doch sehr unterschiedlichen Kulturen, die damals aufeinandertrafen. Ein Thema, dass aktueller kaum sein könnte.
Auch Lyrik ist in dem Band vertreten. Jürgen Seibold aus Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) etwa befasst sich in „Dahoim“ mit dem Thema Heimat. Und Klaus Schmidt aus Esslingen hat Gedichte über Maultaschen und Schwäbische Flora und Fauna beigesteuert. Beide Autoren wurden im Herbst ebenfalls mit einem der sechs Blau-Preise bedacht.
Das Buch „Schwäbisch denka, schreiba, bleiba“ steht in einer langen Tradition: Seitdem der Blau-Literaturpreis vergeben wird, werden einige der eingesandten Texte in einem Band veröffentlicht. So entstand „s menschelet“ im Jahr 2002, 2008 erschien „s goht älleweil weiter“ gefolgt von „Ens Blau nei gschrieba“ in 2018. Warum man ein Buch, das fast nur in Schwäbisch verfasst worden ist, lesen sollte? „Der Dialekt kann so viel ausdrücken, was man in der Hochsprache nicht sagen kann“, sagt Wulz. „Es ist eine Sprache für das Herz und den Verstand.“
„Schwäbisch denka, schreiba, bleiba. Gedichte und Geschichten“, herausgegeben von Hanno Kluge, Pius Jauch und Wolfgang Wulz. Verlag BoD, Hamburg 2025. Erhältlich im Buchhandel und online unter https://buchshop.bod.de.
Sebastian-Blau-Preis
Namensgeber
Sebastian Blau ist das Pseudonym des langjährigen Herausgebers und Chefredakteurs der Stuttgarter Zeitung, Josef Eberle, der zu einem bedeutenden Dialektdichter wurde.
Auszeichnung
Der Sebastian-Blau-Preis wird in wechselnden Kategorien alle zwei Jahre in Rottenburg, dem Geburtsort Eberles, vergeben. Er soll das Bewusstsein für den Wert des Dialekts stärken.