Daimler investiert in Sindelfingen einen zweistelligen Millionenbetrag in seine Manufaktur. Dort erfüllt der Hersteller die ausgefallenen Wünsche einer sehr gut betuchten Klientel. Der Markt wächst, der technische Aufwand ebenso.
Dass Mercedes-Benz alles andere als Arme-Leute-Autos baut, ist weithin bekannt. Sonderwünsche der Kundschaft mit ganz dickem Geldbeutel gaben der Marke sogar einst ihren Namen: Er geht auf Mercédès Jellinek zurück, die Tochter des österreichischen Diplomaten und Autohändlers Emil Jellinek. Dieser bestellte um 1900 bei Gottlieb Daimler erst einen, später 36 Rennwagen und taufte sie auf den Namen seiner Tochter – die Geburt einer Weltmarke. 124 Jahre später schickt die sich an, die exklusivsten Wünsche ihrer Kunden in einer vergrößerten Manufaktur in Sindelfingen zu erfüllen.
Die gab es zwar bisher auch schon. Doch neu ist das sogenannte Studio, in dem die individuellen Bauteile von Hand in die Edelkarossen eingesetzt werden. „Wir investieren einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag in die Manufaktur“, sagt Produktionsvorstand Jörg Burzer. Das sei zwar weitaus weniger als in die neue Lackiererei, für die im kommenden Jahr auf dem Sindelfinger Werksgelände der Grundstein gelegt werden soll. Aber eben doch ein nennenswerter Betrag. Warum? „Weil sich der Markt für Sonderwünsche gut entwickelt“, sagt Burzer. Wie gut, das lässt er nicht raus.
Offenbar legen Mercedes-Kunden weltweit wachsenden Wert auf exklusive Extras. „Made in Sindelfingen“ habe sich zu einem eigenen Gütesiegel entwickelt, weshalb man beim Konzern mit Stern nicht lang überlegen musste, wo man das Studio baut. Die Nähe zum Center of Excellence neben dem Kundencenter dürfte ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Tatsache, dass mit S-Klasse, Mercedes-Maybach und EQS drei der Konzern-Prunkstücke von den hiesigen Bändern rollen.
Angesiedelt ist das neue Studio im Erdgeschoss des intern „EHO“ genannten Gebäudes Nummer 14, einem repräsentativen Neubau für das höhere Management. Fast alles in dem Studio dreht sich um Lack und Leder: Gutbetuchte können aus 80 exklusiven Farbtönen ihren Lieblingslack auswählen, mit der Hand über erlesene Ledersorten streichen und das passende Material für die Zierleisten in ihrem nächsten Benz begutachten. Vogelaugenahorn oder doch lieber Wurzelnuss? Alles da.
Der Clou dabei: Während die Kunden sich ihren Mercedes oder Maybach zusammenstellen, setzen unmittelbar daneben erlesene Mitarbeiter die konfektionierten Teile in die Nobelkarossen ein. Auf Wunsch darf die Kundschaft sogar später live dabei sein, wenn der eigene Edel-Benz vollendet wird. „Man muss dann allerdings relativ schnell sein, denn wir wissen im komplexen Produktionsprozess erst kurz vorher, wann es soweit ist“, sagt Jörg Burzer. Der wohl verblüffendste Moment wartet allerdings bei der Lackauswahl.
Verblüffend: Apple-Brille für die Lackauswahl
Mithilfe der neuen VR-Brille Vision Pro von Apple können die Kunden schon vorab die Farbe ihrer S-Klasse beäugen, als stünde sie lebensgroß vor ihnen. An einem Pult demonstriert Mercedes-Produktmanagerin Laura Kurz den Effekt: Der Kunde legt ein handtellergroßes Lackmuster auf eine Sensorplatte, und siehe da: Wie in einem Computerspiel legt sich die Farbe in Windeseile auf die virtuelle Karosserie. „Wir denken darüber nach, diese Technik auch unseren Händlern zur Verfügung zu stellen“, sagt Marketing-Experte Peer Giesler.
Die wirklich detailverliebte Handarbeit geschieht allerdings ein paar Gebäude weiter, in Bau 3/10. Hier befindet sich die eigentliche Manufaktur. Der Ort, an dem rund 200 handwerklich sehr geschickte Mitarbeiter Lenkräder von Hand mit Leder umnähen, Familienwappen in Kopfstützen sticken, Fahrzeugschlüssel in edle Schatullen verpacken und die Aussparungen der Haltegriffe im Dachhimmel mit Ziernähten umkränzen.
Doch ist Mercedes gemäß dem eigenen Anspruch hier wirklich an der Weltspitze? Nicht ganz, sagen Branchenbeobachter unter vorgehaltener Hand. Zum einen seien die Schwaben erst relativ spät auf den Zug der Individualisierung aufgesprungen. Zum anderen biete vor allem eine Edelschmiede in dieser Disziplin noch exquisitere Qualität: Rolls-Royce. Bei den distinguierten Briten sei sogar die Maserung des Zierholzes in den Armaturen perfekt symmetrisch. Wenn nicht, werde von Hand mit winzigen Pinseln nachgemalt.
Dennoch: „Wir sind hier stolz auf unsere hohe Fertigungstiefe“, sagt der Leiter des Maybach-Produktmanagements, Alexander Duwendag. Der Beruf des Fahrzeug-Innenausstatters werde bei Mercedes gehegt und gepflegt. Teilweise arbeiten mehrere Generationen einer Familie in der Manufaktur, die früher Abteilung Sonderwunsch hieß. Duwendag führt vorbei an unzähligen Garnituren Rinderleder, die einer peniblen Qualitätskontrolle unterzogen werden: Finden sich darin Mastfalten? Halsriefen? Oder ist die Adrigkeit zu dick? Was nicht höchsten Ansprüchen genügt, fliegt raus.
Wobei, stimmt nicht ganz: „Wir haben lediglich 20 Prozent Verschnitt, und selbst den verkaufen wir noch mal weiter“, sagt Duwendag. Daraus entstehen dann Geldbörsen oder Schlüsselanhänger. Veganes Leder sei zwar grundsätzlich auch im Angebot, „doch die Nachfrage danach ist verschwindend gering“, sagt er. Leder sei außerdem schon immer ein beliebtes Material der Polsterung. Und verarbeitet werde nur, was bei der Fleischproduktion als Abfall anfalle. Der Konzern habe zudem in einen neuartigen Leder-Scanner investiert, der zehnmal schneller sei als der Mensch.
Jedes denkbare Motiv auf der Motorhaube
Überhaupt scheut Mercedes keine Kosten und Mühen, seine ohnehin schon edlen Vehikel mithilfe technischer Raffinessen noch weiter zu verfeinern. Eine neue Technologie namens Pixel Paint erlaubt es etwa, auf Kundenwunsch hochauflösende Bilder auf die Motorhaube zu lackieren. Und eine künstliche Intelligenz berechnet den optimalen Weg der Fahrzeuge durch die Endmontage im Studio, die ja kein Fließband kennt, sondern nur Einzelanfertigungen. Im Schnitt sollen am Tag 20 Autos aus der Sindelfinger Edelschmiede rollen. Aufgrund der steigenden Nachfrage wechselte man kürzlich von dem Ein- in den Zweischichtbetrieb.