Der Kunstverlag Art 28 errichtet ein neues Kunstmuseum in Tübingen – und lässt die anderen Häuser nebenbei alt aussehen. Nun ist eine Diskussion um den Namen entbrannt.
Die Bauzeit ist beeindruckend: Erst vor wenigen Wochen fand der erste Spatenstich statt, im Oktober soll die Gebäudehülle bereits stehen – und im Februar wird das Neue Kunstmuseum Tübingen dann auch schon eröffnet. Tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche, mehrere Sonderausstellungen pro Jahr plus kleinere Projekte unbekannter Künstler, Veranstaltungen, Museumsshop. Außerdem, so hofft zumindest Bernhard Feil, werden fortan 100 000 Besucherinnen und Besuchern pro Jahr das neue Ausstellungshaus besuchen.
Bernhard Feil betreibt mit Stephen Hamann den Kunsthandel und Verlag Art 28 in Tübingen, auf dessen Gelände der Neubau für sechs Millionen Euro errichtet wird – und auf eigene Kosten betrieben werden soll. „Wir finanzieren das komplett“, sagt Feil. Trotzdem stößt das Projekt und vor allem dessen Name in Tübingen nicht nur auf Begeisterung. Das Kuratorium der Kunsthalle Tübingen befürworte „Initiativen für die Gegenwartskunst“, sagt etwa die Kunstsammlerin Carolin Scharpff-Striebich, die Kuratoriumsmitglied der Stiftung Kunsthalle Tübingen ist. „Die Namensgebung allerdings finden wir nicht richtig und irreführend.“
Gemeinderat soll den Namen diskutieren
Auch die CDU-Gemeinderätin Julia Mayer stört, dass mit dem Namen Fakten geschaffen werden, die der Stadt eines Tages bitter aufstoßen könnten, denn wenn man selbst neue Projekte initiiere, seien künftig Namen wie „Neues Kunstmuseum Tübingen“ oder „Kunstmuseum Tübingen“ blockiert. Auch in Leserbriefen in der Regionalpresse wurde bereits Unmut geäußert, dass das Privatmuseums sich quasi mit fremden Federn schmückt, weil der Name suggerieren könne, dass es sich um ein öffentliches Projekt der Stadt handle. Und meine man mit „neu“, dass die anderen Museen alt seien?
Bernhard Feil will das so nicht sehen und sich nicht „kannibalisieren, das ist nicht unser Interesse“, sagt er. Inhaltlich werden sich das Neue Kunstmuseum und die Kunsthalle Tübingen sicher nicht in die Quere kommen. Feil, der wie Stephen Hamann aus der IT-Branche kommt, hat früh begonnen, James Rizzi zu sammeln. Der New Yorker wurde bekannt mit bunten Wimmelbildern mit lachenden Hochhäusern, Herzchen und küssenden Paaren. Inzwischen hat Art 28 Rizzis kompletten Nachlass und das Markenrecht abkauft und wird in einer Dauerausstellung Rizzis einstiges New Yorker Atelier nachbauen mit originalen Möbeln, Gegenständen und Kunstwerken. „Wir stellen das ,look and feel’ seines Lofts nach – mit Colaautomat und Kaffeeautomat“, sagt Feil.
Tübinger Verlag hat die Rechte am James-Rizzi-Kosmos
Die Art 28 GmbH & Co. KG agiert auf vielen Feldern. Sie verlegt Editionen von Künstlern und ist Schnittstelle zwischen ihnen und Sammlern und Ausstellungshäusern. Art 28 vergibt aber auch im Auftrag von Künstlern Lizenzen und betreut die Produktion von Konsumartikeln. James Rizzis Motive finden sich zum Beispiel auf Trinkflaschen, Teedosen oder Kaffeetassen, seine Wimmelbilder schafften es auch schon auf Briefmarken, Kühlschranktüren oder einen VW New Beetle.
Art 28 besitzt inzwischen auch die größte Sammlung von Janosch und hat die Janosch-Ausstellung konzipiert, die derzeit in der Stadthalle Balingen zu sehen ist. Hier war auch schon Rizzi zu Gast. „Die Zusammenarbeit mit Balingen will ich nicht ausschließen“, sagt Bernhard Feil, im Fall von Rizzi aber sollen große Sonderausstellungen fortan ausschließlich im eigenen Haus in Tübingen stattfinden.
Mit Gregor Gysi im Gespräch über Veranstaltung
Auch wenn das Ausstellungsprogramm erst im Oktober bekannt gegeben wird, ist schon klar, dass es eine Retrospektive zu Otmar Alts farbenfrohen und märchenhaft anmutenden Bildern geben wird und man auch mit Ottmar Hörl im Gespräch ist. Außerdem will man in den Kinosaal mit LED-Leinwand Schulklassen einladen und das Museum als kulturellen Treffpunkt etablieren. Man sei bereits mit dem Politiker Gregor Gysi im Gespräch.
Die kurze Bauzeit sei der Bautechnik geschuldet, die sich am Industriebau orientiere, so Feil. Deshalb sei das Museum schnell zu bauen und bezahlbar. Finanziell möglich werde der Dauerbetrieb des Museums auch, weil man wenig Personal benötige. „Wir kommen aus der IT, das hat den Vorteil, dass wir viel automatisieren können und auf Innovation und viele neue Dinge setzen“, sagt Feil. Das Firmengelände besaß man bereits, der Standort in der Nähe der Neckarauen ist aber noch aus anderen Gründen vorteilhaft. „Wir kriegen die Haltestelle vor die Türe gebaut“, sagt Bernhard Feil stolz, denn am Firmengelände entsteht eine neue Haltestelle der Regionalbahn. Mit der Stadt und der DB sollen bereits Gespräch laufen, ob die Station „Tübingen Neues Kunstmuseum“ genannt werden kann.
Neues Kunstmuseum Tübingen
Architektur
300 Tonnen Stahl werden bei dem neuen Museum zum Einsatz kommen, die Fassade der Stahlkonstruktion wird aus Aluminium und Glas bestehen. Der Entwurf stammt von dem Ingenieurbüro Albert J. Eisele aus Villingen-Schwenningen. Auf dem Dach und an den Fassaden sollen Photovoltaik-Anlagen angebracht werden, sodass das Gebäude die Effizienzhaus-Stufe 40 erfüllt, also nur vierzig Prozent Primärenergie benötigt.
Erlebnis
In dem Museum von Art 28 wird Technik eine große Rolle spielen. Ausstellungen sollen multivisuell und multimedial gestaltet werden. Werke, die in dem Ausstellungshaus nicht im Original gezeigt werden können, will man mithilfe von Projektions- und Großbildtechnologie reproduzieren. Die Kunst soll auch immer wieder in die Lebenswelten der Künstler eingebettet werden.
Standort
Das neue Museum von Art 28 entsteht auf dem Gelände des Unternehmens in der Schaffhausenstraße in Tübingen. Dort befinden sich schon jetzt Büro und Galerie des Kunsthandels und -verlags.