Gemütlicher Beton in der irritierten Stadt – Das internationale und interdisziplinäre Kulturfestival eröffnet neue Perspektiven. Foto: Die irritierte Stadt

Auf gemeinsames Erleben und Austausch setzen Christine Fischer und Martina Grohman, die Kuratorinnen des neuen Stuttgarter Kulturfestivals „Die irritierte Stadt“. In Corona-Zeiten wird das zur Herausforderung. Wir stellen das Format vor der Premiere vor.

Stuttgart - Stellen Sie sich vor, Sie müssten über zig menschengroße Nacktschnecken steigen, um auf dem Stuttgarter Marktplatz ein Kilo Kartoffeln kaufen zu können. Oder dass dutzende Raucher die Feinstaubmessung am Neckartor mit dicken Zigarren in schwindelerregende Höhen treiben. Und was passiert eigentlich, wenn eine Meute Seniorinnen sich extravagant in Schale wirft und dort tanzt, wo sonst nur Partyvolk die Nacht zum Tag macht? Solche Bilder gehören von 21. Juli an für sechs Tage zur Stuttgarter Realität: „Die irritierte Stadt – Ein Fest der Künste“ heißt das interdisziplinäre Festival, das Christine Fischer vom Eclat-Festival für Neue Musik mit der Rampe-Leiterin Martina Grohmann kuratiert hat.

Es ist eine besondere Schau unter ungewöhnlichen Bedingungen, denn eigentlich sind größere Ansammlungen nach wie vor tabu. Und doch könnte der Zeitpunkt kaum passender sein, um über das Leben von Stadt-Menschen mit ihren Problemen, Bedürfnissen­ und Wünschen nachzudenken: Kaum ein Ereignis hat unsere Wahrnehmung vom vertrauten Lebensraum derartig verändert wie die Corona-Pandemie und der Lockdown. Die Idee zum Festival stammt allerdings­ aus Vor-Corona-Zeiten.

Kulturschaffende aus Hong Kong, Berlin, Paris und Stuttgart

„Künstler wollen sich heute mit anderen Disziplinen verbinden“, erklärt Christine Fischer ihren Ausgangspunkt, „es gibt aber keine Festivalstrukturen, die diesem interdisziplinären Denken eine Plattform bieten.“ Das wollten die beiden Intendantinnen ändern. Vor gut zwei Jahren setzten sie sich erstmals mit der Idee zur „irritierten Stadt“ auseinander. Mit ins Boot kamen vier weitere Institutionen der freien Kultur-Szene, so entstand ein Großprojekt unterschiedlicher Ausdrucksformen und Ansätze. „Stadt, Bund und die Baden-Württemberg-Stiftung haben mitgezogen, so konnten wir das Festival auf starke Beine stellen. Die Förderzusage kam vor einem guten Jahr. In so kurzer Zeit ein so riesiges Ding zu stemmen, ist ein enormer Akt“, sagt Fischer nicht ohne Stolz.

Es gibt ein Symposium, diverse Performances, virtuelle und unangekündigte Formate, die es zu entdecken gilt. „Das ist sehr subversiv“, sagt Fischer, die mit ihren Kolleginnen aus der Not ständig wechselnder Auflagen eine Tugend macht. Die Kulturschaffenden kommen unter anderem aus Hong Kong, Johannesburg, Dresden, Berlin, Paris, und Stuttgart und setzen sich mit Fragen auseinander, die überall eine gewisse Rolle spielen, aber speziell vor dem Stuttgarter Hintergrund betrachtet werden.

Interaktion ist auch in Pandemie-Zeiten möglich

Die Internationalität des Konzepts ist eine Stärke, aber auch eine Herausforderung. „Drei unserer Künstler leben in Afrika, die können nicht anreisen“, sagt Fischer. „Deren Projekte mussten vollkommen verändert werden.“ So war etwa „Chameleon Home“ von Kieron Jina ursprünglich für fünf Stuttgarter Wohnungen mit deren Bewohnern konzipiert. „Jetzt passiert das digital, das Publikum tritt in eine Zoom-Video-Konferenz ein und in fünf virtuelle Räume. Dort sind fünf Performer, die über eine Kamera im Raum agieren. Kieron Jina schafft damit ein Format, das im Hinblick auf die Pandemie vielleicht noch lange wichtig sein wird.“ Martina Grohman ergänzt: „Der digitale Raum war auch schon vor Corona eine wichtige Facette unseres Programms. Wie viele gesellschaftliche Prozesse finden im digitalen Raum statt! Der Shutdown hat diesen Fragen einen riesigen Schub gegeben.“

Während Projekte wie „Chameleon Home“ durch Überarbeitung gerettet werden konnten, gibt es für die Chorperformance „Circles“ kein grünes Licht. Ursprünglich­ sollten sich über 300 Chorsänger auf einem öffentlichen Platz in einer Kreisformation bewegen. Immerhin greift der Physiker Robert Löw „Circles“ in seinem Vortrag auf. Er befasst sich mit Schwarmintelligenz und schlägt eine Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft. Für „Circles“ wird zudem ein digitales Tool entwickelt, das eine Interaktionen zwischen Choristen auch in Pandemie-Zeiten ermöglichen soll.

Viele der beim Festival vorgestellten Ideen sind komplex und anspruchsvoll, dennoch richten sich die Kuratorinnen nicht bloß an ein kunst- und kulturaffines Publikum. „Wir wollen Momente schaffen, in denen Menschen einander zuhören können. Das Partizipative ist das Wesentliche“, sagt Christine Fischer. So hat etwa der Künstler Hendrik Quast für seine Arbeit „Dancer with Cancer“ mit Krebspatienten und Betroffenen-Organisationen gearbeitet und Nora Jacobs sucht für ihre Schneckenperformance noch Mitkriechende aus der Bevölkerung.

„Andere Wahrnehmung der eigenen Stadt ermöglichen“

Schon bei einer Auftaktveranstaltung im Bohnenviertel sei man mit Bürgerinnen und Bürgern schnell ins Gespräch gekommen, erzählt Martina Grohmann. „Als wir unseren Festival-Prolog am Züblin-Parkhaus hatten, fiel mir auf, dass ein enormer Durst da ist auf einen offenen Ort des Austauschs, wo es nicht sofort um Verhandlungen geht, sondern ums Zuhören und Nachdenken.“

Die Krawalle in Stuttgart vor wenigen Wochen haben beide nachdenklich gestimmt. „Eigentlich steht hinter der offenen, liberalen Erzählung von Stuttgart eine extreme Hierarchie“, findet Grohmann. „Allein in der Geografie der berühmten sozialen Halbhöhenlage ist das ganz manifest. Ich glaube, da überdeckt das kommunizierte Image der Stadt viele Brüche, die zwischen den gesellschaftlichen Segmenten herrschen.“ Das Festival sehen die Kuratorinnen als Chance, über solche Probleme nachzudenken: „Unsere Hoffnung ist, eine andere Wahrnehmung der eigenen Stadt zu ermöglichen. Und das geschieht nur durch Irritation“, sagt Christine Fischer.

Hintergründe und Infos

Das Festival findet vom 21. bis zum 26. Juli an verschiedenen Orten statt. Es soll eventuell in den kommenden Jahren als Biennale stattfinden. Programm und Tickets unter: www.irritiertestadt.de

Die Macherinnen: Neben Martina Grohmann (Theater Rampe) und Christine Fischer (Eclat-Festival) sind Elke aus dem Moore (Akademie Schloss Solitude), Isabelle Ohst (Produktionszentrum Tanz und Performance) und Laura Oppenhäuser (Freie Tanz- und Theaterszene) am Programm beteiligt.

Die Künstler kommen aus verschiedenen Nationen und Städten, es gibt Vorträge, Diskussionen und virtuelle Raumerkundungen, Performances mit Musik, Tanz, Schauspiel und Film. Interessenten für Nora Jacobs’ Schneckenperformance schreiben an: norajacobs@gmx.com.

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