Aus den neuen Schornsteinen kommen deutlich weniger Schadstoffe als bisher aus den alten Kaminen im Hintergrund. Foto: Jürgen Brand

Das neue Gasheizkraftwerk Gaisburg ist zwar noch im Probebetrieb, läuft aber schon auf Hochtouren. Ab sofort werden dort rund 60 000 Tonnen weniger Kohlendioxid als bisher in die Luft geblasen.

S-Ost - Jeden Freitag streiken Schüler und Studierende für den Klimaschutz, auch am heutigen 1. Februar wieder (siehe Artikel unten). Dabei werden sie gegen den gerade von der Kohlekommission beschlossenen Kohleausstieg erst im Jahr 2038 protestieren, sie fordern den Ausstieg bis spätestens 2030. Im Stuttgarter Stadtteil Gaisburg ist das längst geschehen. Das dortige Kohleheizkraftwerk ist seit vergangenem Jahr abgeschaltet, die Kohlehalde am Neckar längst leer. Seit Ende vergangenen Jahres läuft das neu gebaute Gasheizkraftwerk im Probebetrieb und sorgt mit der dort produzierten Fernwärme an kalten Wintertagen schon für warme Wohnungen beispielsweise in Gaisburg und in anderen Teilen des Stuttgarter Ostens und darüber hinaus. Zwar kommt auch noch aus einem der alten Schornsteine Qualm, der wird aber ebenfalls von einer Gasturbine, die für die Zeit des Probebetriebs noch als Sicherheitsreserve mitlaufen muss, erzeugt. Mit der Inbetriebnahme des neuen Kraftwerks werden nach Angaben der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) in Gaisburg ab sofort pro Jahr rund 60 000 Tonnen Kohlendioxid weniger als bisher in die Luft geblasen, auch der Ausstoß von Feinstaub und Schwefeldioxid ist deutlich niedriger als bisher.

In Altbach und Münster wird noch Kohle verbrannt

Auf dem Areal des neuen Kraftwerks, wo in den vergangenen Monaten viele Arbeiter betoniert, geschweißt, gehämmert und geschraubt haben, ist es vergleichsweise ruhig geworden. Gerade wird das sogenannte Baustromnetz abgebaut, es wird nicht mehr benötigt. Der 40 Meter hohe Wärmespeicher ist rundum verkleidet, abgeschottet und in Betrieb. Der Kraftwerksblock selbst ist komplett eingehaust. Drinnen ist es fast menschenleer, ganz vereinzelt sind noch Maler unterwegs, die hier und dort noch letzte Farbe verteilen.

Drinnen laufen große, blau lackierte Elektromotoren auf Hochtouren und erzeugen einen schrillen, hochfrequenten Ton, der auf Dauer nur mit Ohrstöpseln zu ertragen sind. Sie pumpen die in den großen Gaskesseln gleich nebenan erzeugte Wärme in das Fernwärmenetz. Zusammen mit der Fernwärme aus den Kraftwerken Altbach und Münster werden so rund 25 000 Wohnungen, 1300 Firmen – darunter auch das Daimler-Werk Untertürkheim gleich gegenüber am anderen Neckarufer – und 300 öffentliche Einrichtungen in Stuttgart und der Region mit Fernwärme versorgt. In Altbach und auch in Münster wird dafür allerdings auch noch Kohle mit entsprechendem Schadstoffausstoß verbrannt.

1-Mann-Betrieb in der neuen Anlage

Der Projektleiter Jens Ra­thert von der EnBW hätte „sein“ neues Kraftwerk gerne schon etwas früher hochgefahren – aber es gab keinen Grund dafür. „Wir hatten einen zu warmen Herbst“, sagt er, also wurde auch keine zusätzliche Fernwärme benötigt, wofür die neue Anlage in Frostperioden sorgen muss. „Aber jetzt geht schon alles ins Netz.“ Im Probebetrieb werden die mächtigen Gasmotoren und der Betrieb der Gaskessel immer wieder nachjustiert, werden die optimalen Einstellungen für die Pumpen und Ventile gesucht. Am 3. Mai wird das neue Gasheizkraftwerk ganz offiziell in Betrieb genommen. Dann wird es vom Müllheizkraftwerk Münster aus gesteuert, in der neuen Anlage selbst wird künftig nur noch ein Mitarbeiter vor Ort sein.

Während sich der Kraftwerksbetrieb drinnen einregelt, wird draußen auch in diesem Jahr noch einiges passieren. In den kommenden zwei, drei Wochen soll, je nach Wetter, die Fläche zwischen Kraftwerk, Wärmespeicher und den anderen Anlagen hergerichtet werden, um den Speicher herum werden insgesamt 70 Bäume gepflanzt. Die beiden ungleich größeren Öltanks gleich nebenan müssen noch in diesem Jahr abgebaut werden. Das ist Bestandteil der Genehmigung für das neue Kraftwerk gewesen. In den alten Kraftwerksteilen wird dann ebenfalls im Laufe des Jahres mit der eigentlichen Stilllegung begonnen, die ebenfalls einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Was mit den Kraftwerksgebäuden, den Schornsteinen und beispielsweise auch mit dem neueren Teil der riesigen Kohleförderanlage geschehen wird, ist ebenso offen wie die künftige Nutzung der bisherigen Kohlehalde.

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