Hypochonder tingeln von Arzt zu Arzt. Der Stuttgarter Chefarzt Holger Salge über die Ursachen der Störung und über das neue Behandlungskonzept in der Sonnenbergklinik.
Obwohl die ersten Schriften zur Hypochondrie bis ins Altertum zurückreichen, wissen wir erstaunlich wenig über die Erkrankung. Was die Behandlung der Angst vor Krankheiten so komplex macht, erklärt Holger Salge, Chefarzt der Sonnenbergklinik im Interview.
Herr Salge, Sie planen in der Sonnenbergklinik ein neues Behandlungskonzept zu Hypochondrie. Gibt es steigende Zahlen?
Das ist schwer einzuschätzen, weil die Betroffenen in der Regel nicht zum Psychotherapeuten kommen, sondern zu verschiedenen Ärzten gehen, im Gesundheitssystem „umherkreisen“. Aber ihr Leidensdruck ist hoch und die Erkrankungen neigen zur Chronifizierung. Sie belasten das Gesundheitssystem mit hohen Kosten, weil immer wieder somatische Diagnostik eingefordert und durchgeführt wird.
Wie genau ist denn Hypochondrie definiert? Ein Arzt wollte mir dies auch mal diagnostizieren, am Ende war es leider ein Blinddarmdurchbruch.
Es ist ein Teil des Problems, dass sich die Problematik gar nicht so ganz leicht fassen lässt. Im amerikanischen Klassifikationssystem DSM-V taucht die Erkrankung ebenso nicht mehr auf wie im ICD 11, vermutlich weil sie so schwer greifbar ist. Das Zentrale ist: Die Menschen haben körperliche Symptome – Missempfindungen, Schmerzen, alles Mögliche. Aber das Entscheidende ist, dass diese Symptome zu einer ausgeprägten Angst führen, zu einer Angst, oder zu der Überzeugung, an einer schweren, sogar lebensbedrohlichen Krankheit zu leiden. Und sie erleben sich von diesen Krankheitsängsten enorm okkupiert.
Und dann machen sie ständige Arztbesuche?
Die Betroffenen wenden sich mit ihrer Besorgnis an einen Arzt. Dann wird Diagnostik gemacht, und der Arzt sagt, dass er nichts findet. Das führt leider nur sehr kurz, für Stunden oder Tage, zu einer leichten Beruhigung. Dann tritt am selben Organ oder an einer anderen Stelle wieder eine Symptomatik auf oder die vorübergehende Beruhigung verschwindet und der Teufelskreis geht von vorne los. Arzt und Patient finden da kaum raus.
Wie lässt sich das abgrenzen vom heutigen Gesundheitskult? Viele sind den ganzen Tag damit beschäftigt, ihren Körper zu optimieren.
Das ist ein Zeitgeist-Phänomen, das sich eher einer narzisstischen Gesellschaft zuordnen lässt. Das würde ich sehr deutlich abgrenzen von Menschen, die an einer schweren Hypochondrie leiden. Was bei dem von Ihnen genannten Gesundheitskult eindeutig fehlt, ist diese Angst oder Überzeugung schwer erkrankt zu sein, und auch die Konsequenzen, die sich daraus ergeben – nämlich ständige Diagnostik und medizinische Abklärung.
Aber dann gibt es viele, die gar nicht zum Arzt gehen, sondern zu Heilpraktikern, die ihnen bestätigen, dass etwas nicht stimmt, wie dass das Leber-Chi durcheinander sei.
Als Psychoanalytiker bin ich natürlich immer mit den unbewussten Anliegen von Menschen beschäftigt. Die in ihrer Frage angedeutete Konstellation funktioniert nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Das (unbewusste) Bedürfnis, dass sich jemand kümmert oder dass es eine Erklärung gibt, findet Widerhall. Wenn es mein Leber-Chi ist, dann bin ich als Person mit meinen inneren Konflikten entlastet, weil es eine Erklärung gibt.
Viele wollen auch einfach jemanden, der ihnen zuhört, das ist ja auch legitim. Aber was wäre bei Ihrem Therapiekonzept zur Hypochondrie jetzt neu oder anders?
Natürlich ist dieses Bedürfnis legitim, wird aber schweren Formen der Hypochondrie nicht hinreichend gerecht. Wir möchten die Betroffenen in einer Gruppe von Patienten behandeln, die alle unter diesen oder ähnlichen Schwierigkeiten leiden. Das Behandlungsangebot auf Menschen mit der gleichen oder ähnlichen Erkrankung zu treffen, sich im anderen wiedererkennen, hat sich auch schon in anderen Schwerpunkten unserer Klinik bewährt, zum Beispiel bei unserer Abteilung für Patientinnen mit Essstörungen, Traumafolgeerkrankungen oder für Patienten der zweiten Lebenshälfte. Wir würden das multimodal angehen: Gruppen- und Einzeltherapie, Körper-und Bewegungstherapie, Musiktherapie, Sporttherapie und auch Sozialtherapie verbinden sich unter Rückgriff auf eine belastbare Krankheitstheorie zu einem Gesamtbehandlungskonzept.
Welche Ängste stecken dahinter?
Die Hypochondrie gehört zu den Störungen, bei denen der Körper oder Körpersymptome eine große Rolle spielen. Es gibt viele Hinweise dafür, dass die Menschen in der Beziehung zu sich selbst lebensgeschichtlich stark beeinträchtigt sind, wobei diese Beeinträchtigungen den Betroffenen oft nicht zugänglich sind. Ein Beispiel wäre ein Baby, dessen Mutter nach der Geburt eine postpartale Depression erleidet. Die Mutter ist da, aber gleichzeitig nicht richtig. Das Baby ist früh im Leben auf sich selbst zurückgeworfen. Das kann dazu beitragen, dass der Körper, Körperempfindungen anders erlebt, wahrgenommen, verarbeitet, bewältigt werden als bei jemandem, der eine weniger belastete Beziehung zur Mutter oder beiden Eltern entwickeln konnte.
Wie häufig kommt das vor?
Grundsätzlich steht zu befürchten, dass psychische Störungen mit im Vordergrund stehenden körperlichen Symptomen in der Zukunft häufiger auftreten werden, da der Bezug der Generationen sich verändert, Eltern womöglich immer weniger in der Lage sein werden, den eigenen Kindern bei der Bewältigung und dem Verständnis ihrer Gefühle und Impulse behilflich zu sein.
Was ist die Herausforderung bei einer hypochondrischen Störung?
Die Erkrankung gilt daher als schwer zu behandeln, weil es keine Erinnerung gibt. Die zugrunde liegenden Schwierigkeiten kann der Therapeut nur sehr indirekt erschließen. Insofern sind solche Krankheiten Domäne eines psychoanalytischen Verständnisses – was sehr beziehungsorientiert vorgeht und auch sehr auf die nonverbale Kommunikation achtet.
Können Sie mir ein Beispiel geben?
Ich hatte vor einigen Jahren einen Patienten in Behandlung, der immer in Schwellensituationen Ängste bekam. Schwellensituationen sind im psychotherapeutischen Verständnis Situationen, in denen ein neuer Lebensabschnitt beginnt, wie die Einschulung, Rente oder ähnliches. Im Falle meines Patienten kam es einige Monate vor dem Abitur plötzlich zu Herzängsten. Er war sehr musisch interessiert. Sein Vater war ein erfolgreicher Ökonom und wollte den Sohn in seinen Fußstapfen sehen. Er geriet in einen inneren Konflikt zwischen den Wünschen des dominanten Vaters und seinen eigenen musischen Interessen. In dieser Situation entwickelte er Herzängste. Alle waren mit seinen Ängsten beschäftigt, die anstehende Entscheidung „verschwand“ dahinter – ein unbewusster Aufschub. Sein Problem war die Angst vor eigener Aggressivität gegenüber Menschen, die er gleichzeitig liebte.
Wie langwierig ist so eine Therapie bei einer hypochondrischen Störung?
Das sind aufwendige Behandlungen, zumindest bei schwerer Hypochondrie, die nicht mit 12 Behandlungsstunden zu bewältigen sind, oder sogar einen stationären Aufenthalt in einer Fachklinik notwendig machen. Diese Notwendigkeit gerät oft in Konflikt mit dem Trend zu kürzeren Behandlungen. Aber in der Behandlung geht es darum, den Patienten einen besseren Zugang zu sich selbst zu ermöglichen – mehr Gespür und mehr Gefühl für sich selbst zu entwickeln. Und das funktioniert nicht über kurze Behandlungen oder kognitive Ansätze wie „Ich muss mich mehr abgrenzen“.
Auf sozialen Netzwerken taucht der Trend zur „Abgrenzung“ ständig auf.
Gerade in den sozialen Netzwerken zeigt sich ein Problem unserer Gesellschaft eklatant: In der ständigen Selbstbezogenheit gelingt kein authentischer Kontakt zum anderen. Und einfache Lösungen haben dort Hochkonjunktur. Aber aus der medizinischen Forschung wissen wir: Je mehr geforscht wird, desto komplexer werden die Zusammenhänge. Und warum sollte es im Bereich des Seelischen anders sein? Das spannende Phänomen im Kontext der Hypochondrie ist dabei: Die ersten Schriften zur Hypochondrie reichen ja bis ins Altertum zurück. Umso mehr wundert es, wie wenig wir auch 2000 Jahre später über die Hypochondrie wissen und besonders wie wenig in den letzten Jahren in die Erforschung oder das tiefere Verständnis dieser doch weitverbreiteten Krankheitssymptome investiert wurde.
Woran könnte das liegen?
Das hat sicherlich ganz verschiedene Ursachen. An der Schnittstelle von Körper und Seele braucht man als Psychotherapeut Kompetenzen in beiden Bereichen – somatische und psychotherapeutische Kenntnisse. Und die zugrunde liegenden seelischen Schwierigkeiten sind ausgesprochen komplex und entziehen sich der Kategorisierung in einfache Ursache-Wirkungs-Konstellationen.
Die fallen vielleicht lange nicht auf, weil sie von Arzt zu Arzt gehen.
Die Patienten werden auch „herumgereicht“, weil Ärzte und Therapeuten nicht zufrieden sind, weil die Behandlungen nicht schnell erfolgreich sind. Das trägt dazu bei, dass auch die Behandler irgendwann in eine resignierte Haltung geraten. Und das sind alles Phänomene, die zur Aufrechterhaltung und Chronifizierung beitragen. Aber in der Begegnung mit solchen Patienten liegt eine Herausforderung und deshalb sind wir wirklich voller Enthusiasmus und werden das neue Behandlungsangebot gerne anschieben.