Zwangloses Essen auf dem Marktplatz: Das erste Agapemahl im vergangen Juli kam so gut an, dass es nun regelmäßig stattfinden soll. Foto: factum/Archiv

Gebete am Mittag, spirituelle Spaziergänge, Liebesmahle für alle: Die Theologin Inge Kirsner erklärt, was es damit auf sich hat. „Wir machen die Kirche, die wir selber erleben wollen“, sagt sie.

Ludwigsburg - - Der Ludwigsburger Marktplatz könnte zu einem religiösen Zentrum der Stadt werden. Die dort beheimateten Kirchen haben sich zur Ökumene am Markt zusammengetan und Angebote entwickelt, die wenig mit dem althergebrachten Bild von Religion und Glaube zu tun haben. „Unser Programm ist eine Art Eröffnung für eine neue Kirche“, sagt die Hochschulpfarrerin Inge Kirsner.
Frau Kirsner, künftig gibt es an drei Wochentagen ein Marktgebet. Wer bitteschön soll denn mitten am Tag in die Kirche gehen?
Dieses Gebet findet an den Markttagen statt, die Leute sind also ohnehin in der Stadt, um ihre Einkäufe zu erledigen. Wenn um 12 Uhr sehr mächtig die Kirchenglocken läuten, kann man einen Break machen. Der katholische Theologe Johann Baptist Metz hat einmal gesagt: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung.“ Das Marktgebet ist eine Unterbrechung, ein Innehalten.
Wie läuft so ein Marktgebet ab?
Die Veranstaltung dauert ungefähr zehn Minuten. Man spricht gemeinsam ein Gebet, singt einen ganz leichten Kanon, es gibt ein kurzes Wort zum Tag und eine stille Minute. Das Marktgebet bietet eine Gelegenheit zum still werden, danach geht man raus und wieder seinen Geschäften nach. Es ist ein ganz niederschwelliges Angebot. Man muss keiner Konfession angehören, man muss sich einfach anlocken lassen.
Wie ist das Marktgebet entstanden?
Wir haben festgestellt, dass die evangelische Kirche oft wie eine Fototapete wirkt. Viele Touristen lassen sich davor ablichten. Wir wollen aus dieser Fototapete heraustreten, quasi dreidimensional werden. Deshalb wollen wir dort nicht nur Gottesdienste feiern, sondern auch viele andere Angebote machen.
Ein Agapemahl zum Beispiel. Was hat es damit auf sich?
Ein solches Mahl gab es bereits im vergangenen Juli anlässlich des Reformationsjubiläums. Damals haben wir auf dem Marktplatz eine lange Tafel aufgebaut, an der man en passant Platz nehmen, essen und miteinander ins Gespräch kommen konnte. Das war so gut und kam so gut an, dass wir das öfter machen wollen. In dieser Form hat einst ja auch mal das Abendmahl angefangen. Ohne die hohe liturgische Bedeutung, die es heute hat – die aber manche abschreckt. Das Agapemahl ist anders – zwangloser, offener. Übersetzt bedeutet es Liebesmahl.
Sie und Ihre Mitstreiter haben auch eine Broschüre in Arbeit, die zu spirituellen Orten führt. Aus welchem Grund?
Wir wollen nicht nur kirchliche Orte neu bespielen, eine Unterbrechung des Alltags kann es überall geben. Bei der Überlegung, welche Orte wir gerne aufsuchen, die uns Kraft geben, sind jedem von uns gleich einige eingefallen. Die wollen wir zugänglich machen für alle. Die Broschüre wird am Bahnhof und im MIK erhältlich sein.
Was ist denn spirituell am Posillipo-Tunnel im Blühenden Barock?
Allein schon der Name! Es stammt von Pausilypon, das ist griechisch und bedeutet gramstillender Aufenthalt. Man kann also hindurch gehen und seine Sorgen im Tunnel lassen. So sollte Kirche sein: Dass man als neuer Mensch rauskommt. Insgesamt stellen wir einige bekannte und viele weniger bekannte Orte vor. Die wenigsten haben auf den ersten Blick mit Spiritualität zu tun, aber alle sind leicht zugänglich.
An der ökumenischen Religionsoffensive sind sechs Gruppen beteiligt. Bestimmt war es sehr kompliziert, sich zu einigen, oder?
Wir verstehen uns schon lange nicht mehr als Konkurrenz, wir haben ja dasselbe Anliegen. Warum sollten wir unsere Angebote nicht auch zusammen machen. Wir möchten mitten in der Stadt einen Ort der Begegnung bieten. Auf dieser Ebene haben wir uns alle getroffen.
Was erhoffen Sie sich vom neuen Programm?
Dass die Leute Lust auf Kirche haben. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen ein ganz festes Bild von Kirche haben, ein Bild von früher. Speziell die jungen Leute glauben, Kirche ist langweiliger Gottesdienst mit langweiligen Liedern. Dabei machen wir auch so viel anderes. Wir machen die Kirche, die wir selber erleben wollen. Unser Programm ist eine Art Eröffnung für eine neue Kirche.

Viele Christen, ein Ziel

Akteure
Inge Kirsner ist die Pfarrerin der Ökumenischen Hochschulgemeinde, die auch zur Ökumene am Markt gehört. Die anderen Gruppen sind: das Haus der Katholischen Kirche, die Evangelische Citykirche, die Katholische Kirchengemeine zur Heiligsten Dreieinigkeit, die Evangelischen Stadtkirchengemeinde und die katholische Erwachsenenbildung.

Angebote
Das neue Marktgebet findet dienstags in der evangelischen Kirche statt, donnerstags im Haus der katholischen Kirche und samstags in der katholischen Kirche. Bestehende Angebote der jungen Gemeinschaft sollen gestärkt werden. Dazu gehören unter anderem die Fridayhour im Keller der Friedenskirche (nächster Termin: 9. März, 19.30 Uhr) sowie die Meditationskurse im Haus der Katholischen Kirche (20. Februar, 19 Uhr).

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: