Eine Organspende rettet einer Dreijährigen das Leben: Lynn Rappmann aus Freiberg im Landkreis Ludwigsburg hat vor sieben Jahren ein neues Herz bekommen. Heute geht es dem Mädchen fast uneingeschränkt gut.
Lynn feiert dreimal Geburtstag. Kürzlich, Ende Juni, ihren zehnten. Davor, im Mai, gibt es zwei weitere Tage, die die Familie aus Freiberg im Alltag innehalten lassen. Gut sieben Jahre ist es nun her, seit die damals knapp dreijährige Lynn wiederbelebt wurde und zweieinhalb Wochen später ein Spenderherz transplantiert bekam. An ihrem Herzgeburtstag wird auch immer eine Kerze angezündet – für das unbekannte verstorbene Kind, durch dessen Herz Lynn heute leben kann.
Plötzlich geht es dem Kind immer schlechter
Während der Schwangerschaft wurde klar, dass das Herz des Kindes von Meike und Malte Rappmann nicht so funktioniert, wie es soll. Direkt nach der Geburt bekam Lynn deshalb einen Herzschrittmacher. „Es hieß, mit dem kann sie alt werden“, sagt ihre Mutter Meike Rappmann rückblickend.
Es kam anders. Kurz vor ihrem dritten Geburtstag, Meike Rappmann war mit dem zweiten Kind schwanger, ging es Lynn immer schlechter. „Die Ergebnisse beim Kardiologen waren zwar in Ordnung, aber sie war so müde und machte kein Pipi mehr“, berichtet die Mutter. Die Ärzte vermuteten zunächst eine Blasenentzündung. Erst im Olgäle kam heraus, dass ihr Herz so schwach war, dass die Blase schlicht nicht mehr funktionierte. „Der Kardiologe dort sagte: Es sieht gar nicht gut aus, und es kann sein, dass sie nur noch eine Herztransplantation retten kann.“
Ein Abschied vielleicht für immer
Hinzu kam, dass nicht klar war, ob Lynn die Narkose überhaupt übersteht. Eine Situation, mit der die Eltern in den kommenden Wochen wieder und wieder konfrontiert wurden: der Abschied vom eigenen Kind, vielleicht für immer. Vor dem Flug mit dem Helikopter ins Klinikum nach Freiburg, vor allen weiteren OPs.
Dann, in Freiburg, Lynn hatte gerade einen neuen Herzschrittmacher bekommen, klingelte plötzlich nachts um halb zwölf bei den Eltern das Handy: nach einem Herzstillstand musste das Mädchen eine Stunde lang reanimiert werden. Zwei Tage später bekommt Lynn ein Kunstherz eingesetzt, mit dem es ihr ein bisschen besser ging. „Aber es war klar, dass sie nur mit einem Spenderherz überleben kann.“ Meike und Malte Rappmann waren so gut wie rund um die Uhr bei ihrer Tochter, wieder ein Abschied in den OP, am Kunstherz hatte sich ein Hämatom gebildet. „Und wir wussten nicht, ob wir sie wiederbekommen. Das war sehr emotional, aber wir wollten es Lynn nicht merken lassen, wir wollten ihr Kraft geben.“ Noch am gleichen Abend kam der Anruf: Ein Spenderherz ist gefunden. Wir hatten dem Arzt beim Rausgehen noch einen ruhigen Dienst gewünscht“, berichtet Meike Rappmann. Und schiebt nach: „Als der Anruf kam, hatte ich gerade eine Gabel mit einer Olive in der Hand.“ Es sind diese kleinen, vermeintlich unwichtigen Details in einer hoch dramatischen Geschichte. Die die 39-Jährige ganz ruhig erzählt. Wie sie das macht? „Ich kann es gar nicht sagen, vielleicht ein Schutzmechanismus“, sagt Meike Rappmann. „Es war so viel Schlimmes, aber wir gehen sehr offen damit um.“
Anfangs habe sie sehr viel geweint. Dann dachte sie sich: „Das Einzige, was ich meinem Kind geben kann, ist Kraft. Diese Erkenntnis hat mir sehr geholfen.“ Hinzu kam die Unterstützung durch ihren Mann Malte. „Wir haben uns gegenseitig Kraft gegeben.“ Fast drei Monate war die Familie im Freiburger Uniklinikum. Unterstützung gab es dort auch durch den Verein Herzklopfen, eine Elterninitiative herzkranker Kinder, die den betroffenen Familien zur Seite steht.
Zurück ins Leben gekämpft
Nach der rund elfstündigen Transplantation kämpfte sich die knapp Dreijährige zurück ins Leben, musste wieder laufen und essen lernen und lernen, den Kopf eigenständig zu halten. Etwas eingeschränkt ist sie durch einen Schlaganfall, den sie während der OP erlitt, der ihre linke Körperhälfte lähmte. Heute spielt sie Harfe. „Lynn ist eine Kämpferin“, sagt ihre Mutter. „Sie hat das alles im Zeitraffer nachgeholt.“ Als das Mädchen noch im Krankenhaus sagte: „Mama, ich will laufen“, sei das ein ganz wunderbarer Moment gewesen.
Erinnerungen an Momente wie diese sind Teil des Herzgeburtstags. Die Familie schaut sich die Fotos aus der Zeit im Krankenhaus an. „Die Kinder verlangen richtig danach“, sagt Meike Rappmann. „So können wir das ein Stück weit verarbeiten. Es ist Teil des Lebensweges.“
Organspende
Wartezeit
Lynn wartete nur neun Tage auf ihr Spenderherz, „eine ungewöhnlich kurze Zeit“, wie ihre Mutter Meike Rappmann weiß.
Ausweis Organe dürfen in Deutschland nur entnommen werden, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt hat. Deshalb ist ein Organspendeausweis so wichtig, betont Meike Rappmann. „Auch für die Angehörigen, damit sie wissen, was im Sinne des Verstorbenen gewesen wäre, und vielleicht ist es auch ein Trost, dass jemand anderes so weiterleben kann.“ Für den Empfänger bedeute die Spende „unheimlich viel Lebensqualität und geschenkte Lebensjahre. Ich möchte nicht darüber nachdenken, was gewesen wäre, hätte Lynn kein Spenderherz bekommen“, so die Mutter.
Informationen zum Thema Organspende gibt es im Internet unter www.organspende-info.de. Dort kann man auch einen Organspendeausweis bekommen.