Die Automobilindustrie steht am Scheideweg. Klar ist schon jetzt: in den kommenden Jahren werden viele Arbeitsplätze wegfallen. Foto: Stockwerk-Fotodesign - stock.ado/ado

In den Regionen Stuttgart und Neckar-Alb wird bis 2040 jeder dritte Arbeitsplatz in der Automobilbranche verschwinden. Die Wirtschaftsförderung schlägt Alarm.

Der aktuelle Daimler-Schock sitzt tief. Aber letztlich ist diese Entwicklung nur ein Teil des Problems. Denn schon jetzt klingeln überall die Alarmglocken. Der Motor des wirtschaftlichen Erfolgs in der Region, die alles dominierende Automobilindustrie, ist ins Stottern geraten. Das Wort Stellenabbau ist in aller Munde. Die unausweichliche Transformation der Branche hin zur Elektrifizierung und Digitalisierung hat längst begonnen. Die Folgen werden dramatisch sein.

 

Was droht? Und was kann man tun? Diese Fragen hat die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) an Experten weitergereicht. Die beim Stuttgarter IMU-Instituts und dem Institut für Fahrzeugkonzepte des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrttechnik in Auftrag gegebene Studie beleuchtet speziell die regionale Situation in den Teilnehmern der Cars-2.0-Initiative, also in den Regionen Stuttgart und Neckar-Alb – und sie zeichnet ein dunkles Bild. Als Grundlage diente die landesweite Strukturstudie 2023 zur E-Mobilität. Diese haben die Fachleute aktualisiert und eine Ist-Analyse sowie konkrete Handlungsempfehlungen für die Car-2.0-Region entwickelt. Das sind die wichtigsten Ergebnisse.

Der Ist-Zustand

In der Kernbranche „Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen“ haben die Car-2.0-Regionen 2023 allein rund 90 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, das sind zwei Drittel des gesamten Kfz-Umsatzes in Baden-Württemberg. Aktuell können in der Region gut 240 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte dem Cluster Automobilwirtschaft zugeordnet werden. Doch der Wandel ist vorgezeichnet: Unter der Annahme, dass sich die aktuelle Entwicklung fortsetzt, werden bis 2030 bereits neun Prozent der Arbeitsplätze, also mehr als 20 000 Stellen wegfallen. Solle der Markthochlauf elektrifizierter Fahrzeuge schneller als geplant funktionieren, gehen die Experten sogar von einem Minus von 16 Prozent – knapp 38 000 Stellen aus. Bis 2040 liegt das Beschäftigungsminus dann bei 34 Prozent: Rund 83 000 der bisherigen Stellen wird es nicht mehr geben. Bei entsprechenden Anstrengungen könne in dieser Zeit durch Komponenten für den elektrischen Antriebsstrang, die Ladeinfrastruktur und beim automatisierten Fahren rund 13 500 neue Stellen entstehen. Das reicht bei weitem nicht aus, um das Minus zu kompensieren

Handlungsempfehlungen für die Region

Soll die Transformation gelingen, ist ein breites Maßnahmenbündel notwendig, das von günstigen Rahmenbedingungen für die Unternehmen selbst bis hin zur Ladeinfrastruktur für Fahrzeuge mit alternativen Antriebsenergien und zum Einsatz automatisierter Fahrfunktionen geht. Allgemein müsse die Landespolitik Grundlagen und Rahmenbedingungen für die industrielle Wertschöpfung in Baden-Württemberg konsequent zukunftsfähig ausbauen.

Aber es gehe auch um spezielle Aufgaben für die Regionalpolitiker in den Regionen Stuttgart und Neckar-Alb: So seien die Verfügbarkeit von Flächen für industrielle Nutzung und eine effizientes Flächenrecycling sowie der Ausbau der Ladeinfrastruktur für mit Batterien und mit Wasserstoff angetriebene Fahrzeuge von zentraler Bedeutung. Auch die Versorgung der Unternehmen mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen und die Versorgung mit Wasserstoff gehört zum Maßnahmenkatalog. Zudem könnten die Beschäftigten selber erheblich zum Gelingen der Transformation beitragen, indem sie mit neuen Qualifikationen und Kompetenzen den Wandel in den Unternehmen beschleunigen können, Die Unternehmer müssten dafür Qualifizierungsangebote für Mitarbeiter bündeln. Zudem müssten die Firmen die Produktion für Elektromobilität intensivieren das automatisierte Fahren nicht aus den Augen verlieren.

Rahmenbedingungen verbessern

Die Standortentscheidungen treffen zwar allein die Unternehmen. Sollen die Produktionsstandorte in der Region gesichert werden, müssten aber die Wertschöpfungsketten möglichst vollständig erhalten bleiben. Politische und gesellschaftliche Akteure könnten und müssten deshalb günstige Rahmenbedingungen, neben Flächen auch die Akzeptanz von Industriearbeit, schaffen. Auf einem Gebiet sei die Region Stuttgart aber bereits jetzt gut aufgestellt: Denn das Cars-2.0-Projekt erfülle seine Aufgabe als Innovationsverbund von Forschung, Entwicklung und Produktion. Es bündele zahlreiche Forschungs- und Hochschuleinrichtungen, die die Unternehmen in der Transformation unterstützen könnten.

Das sagt der Wirtschaftsförderer

Als Geschäftsführer der WRS war Michael Kaiser der Auftraggeber des Gutachtens. Seine Erkenntnisse: „Uns ist also schon seit Langem klar, mit welchen Herausforderungen die Region wird rechnen müssen, und wir machen darauf auch permanent eindringlich aufmerksam. Wir fördern die Diversifizierung, also den Aufbau neuer Kompetenzen, Technologien und Produkte. Dabei stehen Innovation, Nachhaltigkeit und Digitalisierung im Fokus.“ Noch sei das Bewusstsein, dass sich etwas ändern müsse, nicht bis in alle Firmenspitzen vorgedrungen. Oft fehle es auch an dem notwendigen Know-how, wie man sich im Einzelfall optimal für die Transformation aufstellen könne. Hier unterstütze die WRS mit verschiedenen, zugeschnittenen Maßnahmen.

Wo Kaiser die größten Probleme sieht

Neben den dringend notwendigen Gewerbeflächen für die Region Stuttgart müsse der Bürokratieabbau im Vordergrund stehen. Eine weitere Herausforderung sei die Arbeitskräftegewinnung, vor allem von hoch qualifizierten ausländischen Fachkräften. Das müsse schneller und unbürokratischer gehen.

Weitere Zahlen

Analyse
In der CARS 2.0-Region gibt es rund 500 kleinere und mittlere Unternehmer, die als Zulieferer aus Branchen wie Metallgewerbe, Elektrotechnik, Maschinenbau oder Kunststoffverarbeitung zum Automobilcluster zählen. Weitere für den Automobilcluster elementare Unternehmen und Institutionen kommen aus dem Dienstleistungssektor, wie beispielsweise Ingenieurdienstleister, IT- und Softwareschmieden, Design- und Kommunikationsdienstleister, Forschungseinrichtungen und Hochschulinstitute.

Gründe
Zum starken Rückgang bis 2040 tragen der Wegfall des Verbrenners Mitte der 2030er Jahre (-56 000 Beschäftigte gegenüber heute), der Trend einer insgesamt leicht schrumpfenden Branche (-23 000 Beschäftigte) und der Rückgang im Kfz-Gewerbe durch geringere Wartungs- und Reparaturvolumina elektrifizierter Pkw (-10 000 Beschäftigte) maßgeblich bei. Gegenrechnen kann man die Effekte des demografischen Wandels: Die Zahl der Beschäftigten soll bis 2030 um 6,5 Prozent sinken. Dieser Effekt wird immerhin dazu beitragen, den Abbau von Stellen sozialverträglicher zu gestalten. hol