Unter dem Motto „Bildung für alle“ startet die Esslinger Volkshochschule zusammen mit verschiedenen Partnern eine „Straßen-Uni“. Vom Wohnungslosen bis zum Bildungsbürger sind alle zum tiefschürfenden Diskurs auf Augenhöhe eingeladen.
„Bildung für alle“ heißt das Motto der Volkshochschulen. Sie verstehen sich als Bildungseinrichtungen, die jede und jeder nutzen kann – unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten, vom kulturellen und religiösen Hintergrund und vom Bildungsstand. Doch die Hürden sind für diejenigen, die noch nicht den Weg in Bildungs- und Kultureinrichtungen gefunden haben, oftmals hoch. Die Esslinger Volkshochschule möchte auf solche Menschen zugehen. Dafür haben VHS-Betriebsleiter Claus Lüdenbach und sein Team mit der Straßen-Uni ein neues Format entwickelt – vom Wohnungslosen bis zum wohlbestallten Bildungsbürger sind alle zum tiefschürfenden Diskurs auf Augenhöhe eingeladen. Die erste Veranstaltung mit dem Theologen Wolfgang Huber hat Lust auf mehr gemacht.
„Dienstleister fürs ganze Volk“
„Wir sind Dienstleister fürs ganze Volk“, hat Claus Lüdenbach schon häufiger betont. Und er versteht das Debattieren als Kernelement einer Demokratie. Doch er weiß auch: „Unsere Angebote können noch so interessant sein – viele Menschen erreichen wir mit den klassischen Formaten und auf den übliche Wegen nicht.“ Deshalb hat Lüdenbach die Straßen-Uni aufgelegt: Dieses Angebot soll niederschwellig alle Menschen ansprechen – unabhängig vom persönlichen Hintergrund ist jeder und jede dort willkommen. Eingeladen wird nicht nur über die gewohnten Kommunikationswege – bestimmte Gruppen werden gezielt durch Flyer oder direkte Ansprache kontaktiert. Mit dem Jobcenter, der Evangelischen Gesellschaft, dem Verein Heimstatt, dem städtischen Sozialamt und dem Förderverein der VHS unterstützen verschiedene Partner das Projekt, und sie nutzen ihre Kontakte, um auf die Angebote der Straßen-Uni aufmerksam zu machen.
Astrid Mast, die Chefin des Jobcenters Landkreis Esslingen, begrüßt die Initiative der Volkshochschule. Sie ist vor Jahren mit dem Anspruch angetreten, „nah bei den Menschen“ zu sein – Bildung ist für sie „ein Schlüssel zum Erfolg“. Deshalb weisen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Jobcenter-Kundschaft gezielt auf die Termine der Straßen-Uni hin. Wertschätzung ist für Claus Lüdenbach ein zentraler Aspekt bei der Straßen-Uni. Das fängt bei der Auswahl der Veranstaltungsorte an: „Wir wählen bewusst nicht irgendein Hinterzimmer, sondern ein attraktives Ambiente aus. Die Werbe-Flyer sind aufwendig gestaltet, die Referenten sind hochkarätig, und hinterher gibt es etwas zu essen und zu trinken. Auch das zeigt, dass uns die Gäste wichtig sind.“ Vor allem aber soll jeder in der Straßen-Uni, die in der warmen Jahreszeit durchaus auch mal ihrem Namen Ehre machen und hinaus ins Freie gehen darf, ohne Scheu vor großen Namen seine Fragen und Anliegen formulieren und seine Ansichten vertreten. Ganz nach Lüdenbachs Credo, dass man sich der Wahrheit in der Politik am besten im Diskurs nähert.
Gleichberechtigt zur Bildung
Wie er sich das neue Format vorstellt, hat die Premiere im Blauen Saal im Faulhaberschen Haus in der Augustinerstraße 22 gezeigt, wo vor langer Zeit die VHS zu Hause war: Da war der frühere Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, zu Gast. Der renommierte Theologe sprach abends auf Einladung der VHS im Schauspielhaus der Württembergischen Landesbühne vor großem Publikum über die „Ethik der Digitalisierung“ – zuvor unterhielt er sich in kleiner Runde mit dem Publikum der Straßen-Uni über Fragen der Moral. Für Huber passte das Thema zum Format: „Das Elementare an der Moral ist, dass die Menschen gleichberechtigt sind. Das muss auch für den Zugang zur Bildung gelten.“
Ausgangspunkt der lebhaften Diskussion, in der die Bälle zwischen Publikum, Referent und Moderator Claus Lüdenbach munter hin- und herflogen, war Bertolt Brechts berühmtes Zitat: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Für Huber ist klar, dass beides untrennbar zusammengehört. Doch mit der Moral ist das heutzutage manchmal so eine Sache: Gegensätze tun sich immer deutlicher auf, lange gültige moralische Übereinkünfte geraten ins Wanken – nicht zuletzt durch die digitalen Medien, die Huber schon lange nicht mehr als „sozial“ bezeichnet. Und welche Rolle spielt in solchen Zeiten die Kirche? „Auch wenn sich vieles verändert hat, formulieren die Zehn Gebote elementare Regeln der Moral, die auch heute noch eine gute Richtschnur für unser Leben sind“, gab der Theologe seinen Zuhörern zu bedenken. Dass diese spannende Diskussion ein paar Zuhörer mehr verdient gehabt hätte, befand hinterher auch Jobcenter-Chefin Astrid Mast. Doch sie ist genau wie Initiator Claus Lüdenbach überzeugt, dass die VHS und ihre Partner mit der Straßen-Uni auf dem richtigen Weg sind: „Bei einem neuen Format wie diesem braucht man einen langen Atem. Den haben wir. Ich bin überzeugt, dass diejenigen, die einmal dabei waren, gerne wiederkommen, wenn sie spüren, dass man wirklich an ihnen interessiert ist und dass ihr Wort etwas zählt.“
Aktuelle Themen im Gespräch
Der Gast
Wolfgang Huber (80) war von 1994 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bis heute zählt er zu den profiliertesten Theologen in Deutschland, sein Wort hat nicht zuletzt in ethischen Fragen großes Gewicht. „Freiheit braucht Verantwortung, Verantwortung braucht Vertrauen“, ist eine seiner zentralen Überzeugungen. Huber sieht die Möglichkeiten der Digitalisierung, legt aber auch Wert darauf, dass der Mensch die Kontrollmacht darüber behält, was mit seinen Daten, mit seiner Zeit und mit seiner Zukunft geschieht.
Vorträge
Die Straßen-Uni soll ihren festen Platz im Programm der Volkshochschule Esslingen haben. Zudem bietet die VHS ein umfangreiches Vortragsprogramm mit Gästen wie dem Klima- und Wasserforscher Dieter Gerten, dem Historiker Michael Wolfssohn oder der Theodor-Haecker-Preisträgerin Seyran Ates an.