Wolfgang Härtel und Ulrike Felger kennen sich aus in der Geschichte Waldenbuchs. Foto: Morawitzky

Wolfgang Härtel und Ulrike Felger haben recherchiert, alte Fotografien und Dokumente gesammelt. In der kommenden Woche stellen sie ihr Buch „Waldenbucher Geschichten“ vor.

Der Lehrer musste sich zuletzt entschuldigen – für die Ohrfeige, die er einem Schüler verpasst hatte. Dieser Schüler hatte sein Fernbleiben mit der Behauptung, jemand habe die Dampflok gestohlen, entschuldigen wollen. In den 1950er Jahren reisten die Schülerinnen und Schüler nämlich mit dem Zug von Waldenbuch zur Schule nach Leinfelden. Der Pädagoge hielt die Aussage seines Schülers für eine beispiellose Lüge – und hatte Unrecht: Der Tag, an dem die Lok fort war, ist in Waldenbuch eine Legende. Junge Leute hatten sich nachts an ihr zu schaffen gemacht, sie war davongerollt und erst viel weiter, bei der Burkhardtsmühle im Siebenmühlental, zum Stehen gekommen.

 

Als Wolfgang Härtel, Hobbyhistoriker, Sammler von alten Fotos und alten Geschichten aus Waldenbuch, die Anekdote von der entführten Dampflok veröffentlichte, erhielt er Rücklauf: Alte Waldenbucher Bürger meldeten sich bei ihm, erinnerten sich noch an ein Ereignis, das fast 80 Jahre zurückliegt.

Härtel startete mit einer Bildersammlung

Wolfgang Härtel hat viele Geschichten aus Waldenbuch gesammelt, hat vor 14 Jahren ein erstes Buch zum Thema vorgelegt. Nun erscheint mit den „Waldenbucher Geschichten“ sein zweites Werk: Ein umfangreicher Band, dicht gefüllt mit Bildern, Zeichnungen, Dokumenten, die Waldenbucher Zeitgeschichte auferstehen lassen. Intensiv unterstützt wurde er bei der Arbeit von der Journalistin Ulrike Felger.

Geboren wurde Härtel 1944 in Schlesien; seine Familie floh zunächst nach Thüringen und dann, noch vor dem Bau der Mauer, nach Stuttgart. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und kam 1973 nach Waldenbuch. Zum Sammler alter Fotografien wurde er durch einen Zufall: „Vor etwa 35 Jahren“, erzählt er, „veranstaltete die Waldenbucher Bank eine Ausstellung mit Fotos der Ortsgeschichte.“ Als die Ausstellung endete, wusste die Bank nicht, was tun mit all den Bildern – Wolfgang Härtel nahm sie, in Kartons verpackt, zu sich und begann, ganz ehrenamtlich, sie zu erfassen, zu sortieren, zu digitalisieren. Seit rund 30 Jahren besteht seine Datenbank, in die er mittlerweile weit mehr als 4000 Bilder geladen hat.

Ulrike Felger stammt aus Hessen, promovierte als Biologin, verlegte sich dann auf Wirtschaftsjournalismus, lebt seit 15 Jahren in Waldenbuch. Beide lernten sich bei Sanierungsarbeiten am Backhaus des Waldenbucher Ortsteils Glashütte kennen. Sie erinnert sich: „Er sagte: Ich habe tolle Bilder, aber ich möchte auch gerne diese Geschichten erzählen.“

Die Autoren präsentieren ihr Buch in Glashütte

Wolfgang Härtel trug Texte und Bilder des neuen Bandes zusammen; Ulrike formulierte die Texte aus, vertiefte Recherchen, arbeitete mit an der grafischen Gestaltung des Bandes. Die Stadt Waldenbuch übernahm die Herstellungskosten der „Waldenbucher Geschichten“, und in der kommenden Woche nun werden Wolfgang Härtel und Ulrike Felger gemeinsam mit Günter Tova, Ulrike Felgers Ehemann, aus dem Buch vorlesen, bei ihrer Büchervernissage im Schulhaus Glashütte.

„Waldenbucher Geschichten“ ist ein Buch, dass aus einer enormen Materialfülle heraus erarbeitet wurde. Es folgt daher keiner klaren Chronologie, präsentiert das Vorgefundene, legt einen Schwerpunkt nur auf Verbindungen zwischen lokalen Gewerken und Menschen im Ort. „Die Menschen und Firmen waren damals viel enger miteinander verbunden“, sagt Wolfgang Härtel. „Man lebte in einer kleineren Welt und die Konkurrenz war nicht so ausgeprägt, wie heute.“ Die ersten der rund 360 Seiten jedoch schildern ein ganz anderes, seinerzeit sehr wichtiges Waldenbucher Wirtschaftsleben: Es trug sich zu in den Gaststätten, im „Hirsch“, im „Jägerhaus“, im „Gasthof zur Post“ und im „Lamm“.

„Wir haben ein Buch über Waldenbuch gemacht“, sagt Ulrike Felger, „über das, was hier geschehen ist und in vielen tausend Gemeinden in Deutschland auf ähnliche Weise. Das sind Geschichten, die hier angesiedelt sind, die zugleich aber auch die deutsche Zeitgeschichte abbilden.“

Auch schwierige Themen kommen zur Sprache

Einen Bogen um heikle Themen der Vergangenheit machen die Autoren dabei nicht. Sie stellen auch einige „schillernde“ oder sehr angepasste Persönlichkeiten der Waldenbucher Geschichte vor – die Wirtin der Post etwa, die einen sehr untertänigen Brief an Hermann Göring richtete, oder den Forstmeister und NS-Funktionär Erwin Knödler. Erzählt wird auch von Ernst Lohmann, einem Fotografen, der briefliche Kontakte nach Frankreich unterhielt, als Spion verdächtigt, von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet wurde. Ein „Feelgood-Buch“ wollten Härtel und Felger nicht schreiben. „Wir wollten diesen Teil der Geschichte nicht betonen, aber auch nicht auslassen. Uns geht es nicht darum, jemanden anzuklagen. Es gibt auch heute junge Menschen, die daran nicht erinnert werden möchten. Wir leben aber in einer Zeit, in der es wichtig ist, sich zu erinnern.“

Auch der Absturz eines Kriegsflugzeugs im Wald bei Waldenbuch wird im Buch erzählt. Wolfgang Härtel gelang es, über soziale Medien mit den Nachkommen der Verunglückten in Kontakt zu treten – sie reisten nach Waldenbuch; die Stadt errichtete einen Gedenkstein. Fast 500 Interviews, schätzt Wolfgang Härtel, führte er im Laufe der Jahre mit den Menschen des Ortes - eine kleine Auswahl von ihnen können digital angehört werden. „Es ist bemerkenswert, dass all die Menschen mit uns geredet haben“, sagt Wolfgang Härtel. „Viele von ihnen haben es auch als eine Art von Wertschätzung empfunden, dass Leute, die nicht von hier stammen, sich für die alten Waldenbucher Geschichten interessierten.“

Das Buch

Eckdaten
 Das Buch mit dem Titel „Waldenbucher Geschichten, nachgeforscht, dokumentiert und in Szene gesetzt“ von Wolfgang Härtel und Ulrike Felger ist im Bärenfelser Verlag, Grenzach-Whylen, erschienen. Es besitzt 360 Seiten und kostet in der Hardcover-Version 29,90 Euro.

Termin
 Die Autoren präsentieren ihr Werk am Donnerstag, 5. Dezember, um 18 Uhr im Schulhaus Glashütte, Hauptstraße 18, in Waldenbuch.