Thomas Mann hält am Strand eine kleine Volksrede – unter den Zuhörern (von links:) Ilse Dernburg, Elisabeth Mann, Michael Mann, Golo Mann, Ehefrau Katia Mann, Monika Mann, sowie rechts von ihm eine Unbekannte Foto: dpa/ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Florian Illies hat im Stuttgarter Literaturhaus sein neues Buch über die Familie Mann im französischen Sanary vorgestellt: pointensicher – aber Fragen bleiben offen.

Es ist der Wunsch von Helga Breuninger, der langjährigen Vorsitzenden des Trägervereins des Stuttgarter Literaturhauses, deren Engagement dieser Brennpunkt des kulturellen Lebens der Stadt viel verdankt. Nach 25 Jahren gibt sie den Vorsitz ab. Zum Abschied soll Florian Illies mit seinem neuesten Streich „Wenn die Sonne untergeht“ (S. Fischer, 336 Seiten, 26 Euro) über die Familie Mann im südfranzösischen Sanary noch einmal demonstrieren, wie gegenwärtig Literatur in einer Institution wie dieser werden kann.

 

Das darf als das Spezialgebiet des publizistischen Tausendsassas gelten, der sich zu Beginn des seit Wochen ausverkauften Abends auch sogleich artig für die Ehre bedankt, das Abschiedsgeschenk der scheidenden Vorsitzenden sein zu dürfen. Sein Epochenporträt „Liebe in Zeiten des Hasses“ hat Illies schon einmal in das Fischerstädtchen am Mittelmeer geführt, das in den 1930er Jahren zum Mittelpunkt des „kühnsten Gemeinschaftsemigrationsprojekts der deutschen Literaturgeschichte“ geworden war. Hierher kehrt er nun zurück.

Florian Illies Foto: IMAGO/Andre Gschweng

„Wenn die Sonne untergeht“ handelt von den Monaten Februar bis September 1933 im Leben der Familie Mann. Die Nazis sind an die Macht gekommen. Von einer Vortragsreise über Richard Wagner nach Amsterdam führt für den Nobelpreisträger Mann kein Weg zurück, auch wenn er zunächst nicht wahrhaben möchte, was sich da in Deutschland gerade vollzieht. Schließlich stranden er und die Seinen in dem französischen Küstenort, wobei der Akzent des Buches eher auf den Seinen als auf ihm selbst liegt.

Auf Nahbarkeit ist bei Florian Illies alles angelegt

Zu Thomas Mann habe er eigentlich erst über den Umweg des Tagebuchs des ältesten Sohnes Klaus aus dieser Zeit gefunden, erzählt Illies im Literaturhaus – „das klügste Dokument über den Prozess, wie eine Demokratie stirbt“. Wie sich die weltpolitischen Gewichte im Ganzen verschieben, ordnen sich auch innerfamiliäre Kräfteverhältnisse neu: „Je mehr das Zentralgestirn schwächelt, desto mehr kommen die es umkreisenden andern Planeten zur Geltung.“ Erst in dieser Phase existenzieller Verunsicherung, in der der sich als Repräsentant des geistigen Deutschlands Fühlende hinnehmen muss, plötzlich Gegenstand giftiger Kampagnen zu werden, sei ihm der Großschriftsteller menschlich und nahbar geworden.

Auf Nahbarkeit aber ist bei Florian Illies alles angelegt: in seinem pointensicheren Auftritt im Literaturhaus ebenso wie in seinem Schreibverfahren. Für das Publikum hat er als Empfehlung Zimmer 17 im Hotel de la Tour in Sanary parat; wo einst Klaus residierte, kann man heute noch nächtigen. Im Text erscheinen die sechs Kinder vorwiegend unter ihren Spitznamen. Kaleidoskopische Schlaglichter erhellen Szenen aus dem Leben von Eri, Aißi, Golo, Moni, Bibi, Medi und wie sie alle heißen. Alle haben sie ihre Päckchen zu tragen, buhlen gegeneinander um die Gunst des Zauberers oder bereiten sich akribisch auf die Tortur der Tischgespräche unter dessen strenger Observanz vor.

So düster die Lage, so komisch die Effekte, die ihr der Erzähler abtrotzt: Wenn Katja Mann sich beim Bäcker über ein altes Baguette beschwert, das der welthistorischen Bedeutung ihres Mannes nicht gerecht werde. Oder wenn dieser auf der Zugreise ins Exil sich vor allem über ein fehlendendes Heißgetränk grämt, das „eine erhebliche Behagensminderung“ zur Folge hatte.

In allen Facetten leuchtet der Beziehungsknatsch von Großschriftstellern, die zwischen ihren Sekretärinnen und Frauen hin und hergerissenen sind, während Thomas Mann schlaflose Nächte hat, weil er fürchtet, seine intimen Tagebücher könnten den Nazis in die Hände fallen. Mit den Feuchtwangers, Zweigs, Schickeles, Brechts schreibt er um die Wette an seinen Josephsromanen. Man hat teil an Gartenpartys, Leseabenden, Affären und Räuschen. Dazu scheint mal die Sonne prachtvoll vom Himmel und in den Birken hüpfen die Spatzen umher, als wäre der Erzähler dabei gewesen.

In „Wenn die Sonne untergeht“ wird Verschwundenes neu errichtet

Aber woher weiß er das nur? Tagebücher, Recherche. Über das entscheidende Telefonat, in dem Erika und Klaus ihren Vater davon überzeugen, dass eine Rückkehr nach Deutschland nicht mehr möglich sei, habe er erst schreiben können, als er herausbekommen hat, wo in der Münchner Wohnung das Telefon stand: im mütterlichen Schlafzimmer, der Kommandozentrale der Familie.

Wer erlebt, wie Illies Passagen aus seinem Buch halbauswendig zelebriert, könnte auf die Idee kommen, es mit einer Art Medium zu tun zu haben, das die aus dem Archiv empfangenen Botschaften in die Lebenswirklichkeit zurückübersetzt, aus der sie einmal abgesunken sind. Bei seinem letzten Besuch in Sanary musste er feststellen, dass nicht nur die menschlichen Zeitzeugen verschwinden, sondern auch die steinernen. Ein brutaler Umbau hat den einstigen Wohnsitz der Villa „La Tranquille“ hoch über den Klippen entstellt: „Jetzt ist es an uns, das Verschwundene neu zu errichten.“

Das Flüchtige des historischen Moments fasst Illies ins Bild der Wolke. Seit 40 Jahren versuche er in seinem Schreiben das Vorüberziehende, sich wieder Auflösende, in dem die Geschichte flackert und vibriert, in seinem Schreiben einzufangen. Doch bei allem Bestrickenden dieser Wolkenschieberei meldet sich doch hin und wieder ein banges Gefühl: Was bedeutet es, wenn Geschichte zum Spielball der Fantasie wird? Könnte diese Art gebildeten Infotainments am Ende die Form der Geschichtsschreibung sein, die einem postfaktischen Zeitalter entspricht? Aber für einen Sommer in Sanary nimmt man die leichte Behagensminderung solcher Fragen gerne hin.