Die Esslinger Autorin Petra Weber-Obrock hat unter ihrem Pseudonym Pia Rosenberger eine Roman-Biografie über die Schriftstellerin Colette geschrieben. Dafür hat sie sich akribisch in das Leben der umtriebigen Französin eingearbeitet.
Ob die Künstlerin Niki de Saint Phalle oder die Bildhauerin Camille Claudel: Petra Weber-Obrock ist richtig gut darin, in ihren Romanen historische Frauengestalten und deren Schicksale in ihrer Zeit lebendig werden zu lassen. In ihren kurzweiligen Büchern erzählt die Esslinger Schriftstellerin unter ihrem Pseudonym Pia Rosenberger die Lebensgeschichten dieser Frauen. Nun hat die 60-Jährige eine Roman-Biografie über die französische Schriftstellerin Colette, die von 1873 bis 1954 lebte, veröffentlicht.
Als sich vor zwei Jahren der renommierte Aufbau-Verlag von Petra Weber-Obrock einen Roman über Colette, die Grand-Dame der französischen Literatur, wünschte, war der Autorin schnell klar, dass sie für dieses Schreib-Projekt einen klaren Schwerpunkt setzen muss: „Wow, diese Aufgabe war gewaltig. Über Colette gibt es unendlich viel Material und jede Menge schriftliche Zeugnisse, von ihr selbst geschrieben und über sie verfasst. Sie hat ein ziemlich wildes Leben geführt, sie war wahrlich kein Kind von Traurigkeit.“ Drei Ehen, zahlreiche Affären mit Männern und Frauen, diverse Skandale, im Ersten Weltkrieg als Krankenschwester und als Reporterin im Einsatz, Erfolge als Varietékünstlerin, Journalistin und Schriftstellerin – Colettes aufregendes Leben hätte Stoff für gleich mehrere Bände geboten. „Ich habe mich in Absprache mit meiner Lektorin auf Colettes erste Ehe mit Henry Gauthier-Villars konzentriert. Sie war 16 Jahre alt und wollte weg aus ihrem Dorf, als sie den 30-jährigen Schriftsteller kennenlernte. Sie hat seine Arbeiten korrigiert, sie hat die Kontakte zu seinen Ghostwritern gepflegt, sie hat selbst geschrieben, und er hat ihre Romane unter seinem Namen veröffentlicht. Aber irgendwann ist sie aufgewacht und hat gemerkt, dass er sie ausbeutet und klein macht“, erzählt Petra Weber-Obrock.
Autorin arbeitet sich akribisch in Colettes Leben ein
Schnell war eine schlüssige Dramaturgie gefunden für die Roman-Biografie, die in der Reihe „Frauen zwischen Aufbruch und Liebe“ erscheinen sollte: „Es ist ein Befreiungsroman, ein Buch über die Selbstwerdung und Emanzipation dieser jungen Frau“, erklärt die Autorin. Akribisch hat sie sich für ihren mittlerweile neunten Roman in Colettes Leben eingearbeitet: „Ich habe aus der Landesbibliothek in Stuttgart Rucksäcke voller Bücher nach Hause geschleppt.“ Als Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin weiß sie, dass Biografien mit Vorsicht zu genießen sind: „Einige beschönigen Colette, andere machen Henry noch schlechter, als er war“, sagt Weber-Obrock. Da werde auch Legendenbildung betrieben. Und selbst autobiografische Texte seien immer nur eine Annäherung an sich selbst. „Auch Colettes eigenen Texten kann man nicht unbesehen glauben, schließlich ist sie Schriftstellerin“, betont Petra Weber-Obrock, dabei schelmisch lächelnd. „Man kann sich mit einem Text in Grund und Boden dichten“, formuliert sie im Roman.
Als Autorin freut sie sich über die Fülle an bekannten Details aus Colettes Leben, mit deren Hilfe sie ein glaubwürdiges Setting mit authentischem Zeitkolorit schaffen konnte: „Das sind alles Dinge, um die herum ich meine Geschichte stricken kann. Ich denke mir ja sonst Bücher aus, aber die wirklich interessanten Dinge findet man in der Wirklichkeit“, sagt Petra Weber-Obrock und erklärt auf diese Weise das Gemenge aus Fakten und Fiktion in ihrem Buch mit dem Titel „Colette“. So erfindet sie für Colette einen liebenswerten Freund, der kluger Ratgeber und treuer Beschützer für die junge Frau ist und damit ein Gegenentwurf zum egoistischen Ehemann Henry Gauthier-Villars. Und sie gibt eine Prise Magie ins Buch, mit einer Kette aus Aprikosenkernen und einer Frau, die Colette prophezeit: „Du hast einen weiten Weg vor Dir.“
Roman-Biografie wird innerhalb von zehn Monaten geschrieben
Zehn Monate lang hat Petra Weber-Obrock an diesem Roman geschrieben und sich intensiv mit Colette, die mit vollem Namen Sidonie-Gabrielle Claudine Colette hieß, auseinandergesetzt. Ihrer Faszination könne man sich nur schwer entziehen: „Sie war eine unglaublich schöne Frau. Sie hat sich sehr freizügig fotografieren lassen. Das hängt mit ihrer antiautoritären Erziehung zusammen. Sie war eigenwillig und stolz, sie hat sich vieles getraut, auch wenn sie immer wieder an ihrer schriftstellerischen Arbeit gezweifelt hat.“
Nicht alle Werke von Colette haben Petra Weber-Obrock gleichermaßen begeistert: „Aber manche wie ‚Dialoges de bêtes‘ und ‚Le blé en herbe‘ schätze ich sehr. Ich mag Colette besonders, wenn sie in kleinen Formaten schreibt, fast ein wenig miniaturhaft, weil dann Text und Bedeutung komplett deckungsgleich werden. Und ich bewundere Colette dafür, wie sie manchmal in nur ein oder zwei Sätzen eine ganze Welt unterbringt, das ist große Kunst.“
Die Roman-Biografie „Colette“ von Pia Rosenberger ist im Aufbau-Taschenbuch-Verlag erschienen und kostet 14 Euro.
Historische Romane und Krimis
Die Autorin
Geboren in der Nähe von Osnabrück, lebt Petra Weber-Obrock seit mehr als 20 Jahren mit ihrer Familie in Esslingen. Sie hat Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Pädagogik studiert und arbeitet als Stadtführerin, Museumspädagogin und Journalistin – wenn ihre Buch-Projekte, für die sie jedes Mal aufwendig recherchiert, ihr dafür Zeit lassen.
Die Pseudonyme
Auf Wunsch ihrer Verlage veröffentlicht Petra Weber-Obrock unter mehreren Künstlernamen: Als Pia Rosenberger hat sie historische Romane wie „Die Tochter des Gewürzhändlers“ oder „Die Spur des Ultramarins“ verfasst, in denen Esslingen eine Rolle spielt, und sie hat Bücher über Niki de Saint Phalle, Camille Claudel und jetzt Colette geschrieben. Und auch hinter den Krimi-Autorinnen Charlotte Kern („Blutiger Regen“) und Lena Talis („Die tausend Farben des Meeres“) verbirgt sich die Esslinger Autorin.
Die Bücher
Im November erscheint unter dem Namen Pia Rosenberger nun Petra Weber-Obrocks bereits zehnter Roman „Wir Frauen aus der Villa Hermann“, der die Geschichte der ersten deutschen Jeans erzählt, die in Künzelsau genäht wurde und die Firma Mustang begründete. Die Roman-Biografie „Colette“ von Pia Rosenberger ist kürzlich im Aufbau-Taschenbuch-Verlag erschienen und kostet 14 Euro.