Ein Libertine mit lackierten Fingernägeln: Yungblud Foto: Universal Music/Chris Breslauer

Genres, Schubladen, Regeln, all das zählt nicht mehr für die jungen Meinungsmacher: Der Brite Yungblud stellt die Popmusik mit jeder Menge Freiheitsdrang auf den Kopf.

Stuttgart - Die Revolution ist längst da. Die Paläste der Konvention brennen auf den Scheiterhaufen der Freiheit, angefacht von der jungen Garde der Popmusik. Genres, Schubladen, Regeln, all das zählt nicht mehr für die Meinungsmacher der Generation Z. Das Diktat der Vermarktbarkeit abgestreift wie einen zu eng gewordenen Pullover, um darunter ein Kaleidoskop an Farben, Einflüssen, Sounds erkennen zu lassen.

Persönlichkeiten wie Billie Eilish oder Yungblud führen die Wachablösung an. Eilish mit ihrem Grunge-Look und ihrem Sound zwischen Pop, Elektro und Bombast, der aber eben auch mal einen 007-Titelsong hervorbringt; Yungblud mit einem schrillen Popkultur-Panoptikum. Geboren 1997 als Dominic Richard Harrison im nordenglischen Doncaster, hat er sich in den letzten drei Jahren zur Galionsfigur der selbstbestimmten, sexuell aufgeschlossenen, politisch aktiven Generation Z aufgeschwungen. Punk, Pop, Rap: irrelevante und obsolete Namen im Angesicht einer neuen Zeit. Zweieinhalb Millionen Menschen folgen ihm auf Instagram, seine Videos werden zigmillionenfach geklickt, seine Konzerte sind binnen weniger Minuten ausverkauft.

Libertine mit lackierten Fingernägeln

Yungblud lässt Erwartungen, Engstirnigkeit und konservative Denke in Rauch aufgehen. Ein Libertine mit lackierten Fingernägeln, der sich feminin, androgyn, gender-neutral inszeniert. „Schubladen sind für Socken, nicht für Menschen“, stellt er trocken fest. „Meine Generation braucht keine Schubladen mehr. Wir reißen sie heraus und verbrennen sie. Grenzen gibt es bei einem Dreieck, nicht zwischen Menschen.“

Er meint nicht nur die Musik damit. Seine Generation erklärt dem sexuellen Muff unter den Talaren den Krieg, macht mobil gegen Vorurteile, Benachteiligung und Spießertum. „Meine Musik handelt von sexueller Freiheit“, sagt er nickend. „Es gibt keine Regeln mehr, keine Stigmen. Liebe, wen auch immer du lieben willst. Probiere dich aus, mache Erfahrungen, lebe dich aus, sei verwirrt und lass dich von nichts zurückhalten. Verliere dich in so vielen Menschen, wie du kannst, weil du nur so erfahren wirst, wer du wirklich bist.“

Im Videointerview gestikuliert er ausladend, überlegt lange, schneidet Grimassen. Ein rastloser Künstler, das merkt man schnell. ADHS wurde sehr früh bei ihm diagnostiziert, seine Jugend im eher ländlichen Doncaster war geprägt von seinem Status als Außenseiter. Er verfällt The Cure ebenso wie My Chemical Romance, kann aus Nirvana ebenso viel Kraft ziehen wie aus Marilyn Manson, Freddie Mercury oder Lady Gaga. „Sie alle zeigten mir, dass es okay ist, anders zu sein.“ Er pausiert, fährt sich über den Mund. „Aber was heißt das schon, anders? Für mich hat dieses Wort keinerlei negative Konnotation. Im Gegenteil, für mich steht dieses Wort für Schönheit. Von dir gibt es keine Kopie. Jeder einzelne Mensch auf diesem Planeten ist ein Wunder.“

Dafür ging er durch die Hölle

Sein zweites Album trägt den passenden Namen „Weird!“, also: anders. Es ist „eine Bestandsaufnahme der letzten zwei Jahre, eine Chronik. Auf diesem Album verschaffe ich all denen Gehör, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Ich erzähle ihre Geschichte, nicht mehr nur meine. Jede Farbe, jede Form, jede Größe, jede Sexualität, jedes verdammte Meinungsfragment, das es da draußen gibt. Durch meine Fans konnte ich mich finden. Und durch mich konnten sie sich finden. Ich bin nicht Yungblud“, betont er. „Yungblud sind alle anderen. Wir sind eine Gemeinschaft.“ Einer solchen Gemeinschaft, fügt er leise an, wollte er immer schon angehören. Doch es gab nie Platz für einen wie ihn.

Jetzt gibt es ihn. Um jeden Preis ins Rampenlicht will er nicht. „Wahrscheinlich habe ich schon mehr als einen Megahit verworfen, weil er mir nichts bedeutete“, sagt er und zuckt lässig mit den Schultern. „Deswegen bin ich nicht hier. Ich bin hier, um Songs zu schreiben, die den Menschen helfen. Ich will allen anderen zeigen, dass sie nicht allein sind mit ihren Ängsten und Zweifeln. Dafür ging ich durch die Hölle, durch Drogen, Depressionen, Anfeindungen, Einsamkeit, Angst, Schmerz und gebrochene Herzen. Ich habe mich um den Verstand geschrieben, habe alle meine dreckige Wäsche draußen aufgehängt.“ Er blickt fast trotzig in die Kamera. „Das bin ich, schaut mich an. Ich habe nichts mehr zu verlieren.“

Der Star, der aus der Seifenoper kam

Rock-’n’-Roll-Familie Dominic Richard Harrison hat die Musik in die Wiege gelegt bekommen: In den Siebzigern spielte sein Großvater Rick Harrison Schlagzeug bei der Glam-Rock-Legende T. Rex. Neben den Drums beherrscht der Enkel auch Gitarre, Piano und Tamburin.

Soap Opera Bevor es mit seiner Musik richtig durch die Decke ging, kennt man Harrison in Großbritannien vor allem aus zwei populären TV-Serien: der endlosen Soap Opera „Emmerdale“ (eine Art britische „Lindenstraße“) und der Mystery-Musical-Serie „The Lodge“.

Aktivismus Im Mai und Juni 2020 nahm Dominic Richard Harrison nach dem Mord an George Floyd vier Tage lang an den „Black Lives Matter“-Protesten in Kalifornien teil. Gemeinsam mit seiner Ex-Freundin, der Sängerin Halsey, versorgte er verletzte Demonstranten.

Album „Weird!“ (Universal) erscheint am Freitag, 4. Dezember.

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