Lieder über Lebenslust, Weltschmerz und die Liebe schreibt Luca Opifanti, der Sänger der Stuttgarter Band Antiheld. Im Interview spricht er über die Entstehung des aktuellen, dritten Albums „Disturbia“.
Stuttgart - Luca Opifanti singt, spielt Gitarre und hat für Antiheld Hits geschrieben wie „Kellerclub“ und „Für immer“. Das nun erscheinende dritte Album „Disturbia“ ist härter als die bisherigen und dreht sich um existenzielle Fragen.
Herr Opifanti, wie kommen Sie als Band durch die Pandemie?
Vor Corona waren wir an einem Höhepunkt, wir hatten zwei Heimspiele im LKA. Wir wären jetzt auf Tournee, mein Handy sagt mir jeden Tag, wo wir gerade sein müssten. Das tut schon weh. Andererseits bin ich total demütig. Unsere Fans unterstützen uns sensationell – ich weiß nicht, was wir ohne sie machen würden.
Das neue Album hat mehr Kante als Ihre vorigen, der Albumtitel „Disturbia“ passt. Eine Coronafolge?
Die Basis der Songs schreibe ich immer alleine, und ich habe schnell gemerkt: Das wird auf gar keinen Fall ein Gute-Laune-Album, die Zeit verlangt unerwartet etwas anderes von mir. Ich hatte immer das Wort „Störung“ im Kopf, ich wollte stören mit deutscher Rockmusik und Inhalten, die anecken. Mir schien „Störung“ als Titel aber zu radikal, zu wenig vielschichtig, da bin ich auf „Disturbia“ gekommen. Die Jungs fanden das auch sofort super.
Gab es innerhalb der Band Diskussionen über die musikalische Richtung?
Wahnsinnig viele. Wenn man davon lebt, überlegt man sich das gut. Wegen der Pandemie konnten wir nicht gemeinsam an der Musik arbeiten, alle haben ihre Parts zu Hause produziert. Dabei hat sich gezeigt, dass es gefühlsmäßig stimmt. Wir haben einfach gemerkt: Wir sind grade angepisst und müssen so ein Album machen.
Sie singen zum Beispiel: „Wir haben gelebt, als gäbe es kein Morgen, während die Welt nach Gnade schreit“.
Der Song ist aus Verzweiflung entstanden. Vor zwei Jahren waren wir schon mal weiter, Greta Thunberg war präsent, dann kam Corona, und der Klimawandel spielt keine Rolle mehr. Mir geht es darum, uns alle in die Pflicht zu nehmen. Wir machen es ja nicht viel besser als unsere Eltern. Und man fängt schon an, darüber nachzudenken, ob es noch Sinn hat, Kinder in diese Welt zu setzen.
Sie singen auch über Missbrauch: „der Himmel weint“...
Das Thema löst Wut in mir aus wie kein anderes. Das Abhängigkeitsverhältnis, wie scheinheilig die Täter ihre Opfer quälen, wie sie sagen: Mein Sohn, ich vergebe dir – da geht mir das Messer in der Tasche auf. Glaube kann etwas sehr Positives sein und Kraft geben wenn er nicht instrumentalisiert wird. Unabhängig von der Institution Kirche finde ich Gott als Figur spannend. Die Hiob-Geschichte fasziniert mich, dieses psychologische Phänomen, wie Menschen in der Lage sind, Elend zu ertragen.
Sie waren fast schon Popstars und haben sich anders entschieden – wie sehen Sie das mit Abstand?
Kürzlich hat jemand gesagt: Ihr macht eure Band-Diskografie rückwärts. Normalerweise kommt zuerst ein härteres Rockalbum, dann ein kredibles, und dann denkt man dran, wie man den Kühlschrank vollkriegt, und schreibt ein Popalbum. Wir sind direkt zum Major-Deal gekommen, jung und unbedarft. Irgendwann wacht man auf und fragt sich, ob man das überhaupt will. Ich bin ein kleiner verkappter linksautonomer Punk, der im Jugendhaus großgeworden ist – ich hätte nicht einen Tag länger in dieser Kampagnenwelt ertragen. Unser zweites Album „Goldener Schuss“ trägt die musikalische Emanzipation schon in sich, dieses jetzt ist eine sehr konsequente Fortsetzung.
Wie fühlt sich das an, wenn man plötzlich beim Southside-Festival auf der Bühne steht?
Verrückt. Ich hatte meine erste Band mit 14. Man spielt im Jugendhaus und keiner kommt. Dann kommen zehn, weil man die halbe Schule bestochen hat, und bei 70 denkt man, man hat alles erreicht. So ein Festival-Auftritt haut einen dann um. Aber man gewöhnt sich schnell daran, erlebt eine seltsame Enttäuschung, wenn es dann wieder weniger Leute sind, und muss sich auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Im LKA ist der 16-jährige Luca in mir tierisch stolz. Dort habe ich alle meine Helden gesehen, Casper, Slime. Mein Ziel war immer, dort zu spielen, der Laden ist voll, und sie kommen wegen mir.
Das ist einer der letzten Stuttgarter Live-Clubs. Verschwunden sind Röhre, Zwölfzehn, Schocken und der Kellerklub, den Sie schon besungen haben...
Das ist wirklich eine Katastrophe, da beneide ich andere Städte und schäme mich für Stuttgart. Das Jugendhaus Hallschlag wird auch abgerissen, die letzte Location für 500 bis 600 Leute. Wir haben großartige Bands hier, die Nerven, Heisskalt und viele andere. Man kennt sich und freut sich auch, wenn man sich nachts zufällig im Oblomow trifft, aber es ist keine vernetzte Szene. Wir Musiker sollten uns verbünden und geschlossen gegenüber der Stadt unsere Interessen vertreten.
Wer sind Ihre Vorbilder?
Künstler mit Haltung, die für etwas stehen. Einer der Größten ist für mich Rio Reiser, egal ob Punk oder Pop. Genauso große Stücke halte ich auf Reinhard Mey, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Wenn ich „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ höre, könnte ich heulen.
Ein Stück heißt „Chaos“ – was hat Sie dazu inspiriert?
Mein Papa ist ein großer Comic-Fan. So wie andere ihre Kids vor den Fernseher setzen, wenn sie nerven, hat er mir Comic-Hefte in die Hand gedrückt. Da habe ich viel über Gut und Böse gelernt. Der Joker hat mich immer fasziniert, ich habe ihn nie als durch und durch böse empfunden, eher als verwirrt und provokant. Das ist eine geniale Kunstfigur, und der Song besteht im Kern aus Zitaten des Jokers.
In „Schmerz und Apotheken“ geht es um Exzesse. Wen sprechen Sie da an?
Unsere Generation. Viele betäuben sich bewusst aufgrund prinzipieller Ohnmachtsgefühle. Wir als Band sind da nicht so krass unterwegs, wir kommen alle aus stabilen Elternhäusern. Aber viele um uns herum hängen in Löchern fest. Und ich sehe es als Künstler und als Freund als meine Pflicht an, Leute zu konfrontieren und ihnen zu helfen.
Der Sänger, die Band und das Werk
Die Band
2014 gewinnen Antiheld den baden-württembergischen Nachwuchswettbewerb Play Live, 2015 spielen sie beim Southside-Festival. Sie besingen den mittlerweile geschlossenen „Kellerclub“ (2016) und in „Berlin am Meer“ (2017) den Imbiss Alaturka. 2017 nimmt Starwatch Entertainment Antiheld unter Vertrag, eine Tochterfirma von ProSiebenSat.1 Im September 2017 erscheint das groß beworbene Debütalbum „Keine Legenden“. 2018 wechseln Antiheld zu Arising Empire, einem Unterlabel der in Donzdorf bei Göppingen ansässigen Plattenfirma Nuclear Blast. 2018 erscheint das zweite Album „Der goldene Schuss“.
Der Sänger
Luca Opifanti, geboren 1991 in Stuttgart und aufgewachsen in Nürtingen, lebt in Cannstatt. Er ist gelernter Heilerziehungspfleger und hat diesen Beruf nicht aufgeben, als er Profi-Musiker und Songschreiber wurde: Er betreibt mit Antiheld in Nürtingen eine Musikschule für Menschen mit Behinderung. Außerdem arbeitet er im Jugendhaus Hallschlag mit, wo Antiheld jahrelang ihren Proberaum hatten.
Das Album
„Disturbia erscheint am 9. April bei Arising Empire.