Beim Frauenschwimmen sind die Frauen ganz unter sich. Foto: IMAGO/Christian Heilwagen

Seit Corona gab es kein Frauenschwimmen mehr im Alfred-Kercher-Bad. Nun haben engagierte Kornwestheimerinnen das Angebot wiederbelebt – für einige Frauen hat das große Bedeutung.

Ein regelrechtes Gewusel herrscht am Sonntagabend in der Eingangshalle im Kornwestheimer Schwimmbad. Um die 100 Frauen und Kinder möchten dabei sein – beim allerersten Termin seit Pandemiebeginn, bei dem nur Frauen ins Schwimmbad dürfen. Einige kommen von weit her, aus Ditzingen, Schwieberdingen, sogar aus Stuttgart sind manche dabei.

 

Unter ihnen ist auch die 43-jährige Medine aus Bietigheim-Bissingen. Eigentlich ist sie zum Bahnenziehen gekommen, im Moment aber sitzt sie noch zusammen mit ihrer Mutter im Nichtschwimmerbecken. „Sie ist sonst eigentlich eine Stubenhockerin“, erzählt Medine schmunzelnd. „Daher bin ich richtig froh, dass sie mitgekommen ist – da merkt man, wie sehr sie das doch vermisst hat“, sagt sie.

Freude bei den Initiatorinnen ist groß

Entsprechend groß ist die Freude bei den Initiatorinnen, dass das Projekt tatsächlich zustande gekommen ist. Denn der Weg dorthin hatte so einige Stolpersteine im Gepäck. Und am kommenden Sonntag geht es direkt in die nächste Runde. Alle Frauen, die gerne ausschließlich in der Anwesenheit anderer Frauen schwimmen gehen möchten, sind willkommen. Eine vorherige Anmeldung ist jedoch erforderlich.

Eigentlich schließt das Kornwestheimer Schwimmbad am Sonntag schon um 18 Uhr seine Pforten. Aber heute ist etwas anders: Im großen Becken ziehen noch lange danach Schwimmerinnen ihre Bahnen, manche im Burkini, andere tragen ganz normale Badeanzüge. Im benachbarten Nichtschwimmerbereich planschen Kinder fröhlich mit Schwimmnudeln um ihre Mütter herum, ein paar ältere Damen sitzen gemütlich an den Beckenrand gelehnt und unterhalten sich. Eine normale Szene aus einem Schwimmbad – nur die Männer fehlen.

Für die teilnehmenden Frauen bietet das ganz neue Möglichkeiten. „Ich muss wegen meiner Rückenprobleme regelmäßig ins Schwimmbad“, erzählt zum Beispiel eine 58-Jährige aus Stuttgart. Aus Glaubensgründen geht sie nur bedeckt in öffentliche Badeanstalten. „Und das ist leider kein Spaß“, bedauert sie. „Da ist man direkt die Attraktion und wird von allen angestarrt.“

Ähnliches Angebot gab es schon vor Corona

Auch für viele andere der Frauen ist das ein Grund, nicht in öffentliche Bäder zu gehen. Aber nicht nur: Die 33-jährige Tugba geht zum Beispiel „offen“ schwimmen, also im Badeanzug, „aber die Atmosphäre hier gefällt mir besser, unter Frauen hat man nicht dauernd das Gefühl, dass man beobachtet wird“. „Und endlich kann ich mit der Kleinen auch mal zusammen schwimmen gehen“, heißt es direkt von einer anderen Frau.

Begonnen hat alles mit einer Petition einer Gruppe von engagierten Kornwestheimerinnen, die das Frauenschwimmen zurück ins Alfred-Kercher-Bad bringen wollten. Während Corona war das über Jahre bestehende Angebot abgeschafft und danach nicht wieder eingeführt worden. Das wollte das neugegründete Netzwerk Frauenschwimmen ändern: Um einen Schutzraum für Frauen zu schaffen, die nicht in öffentliche Schwimmbäder gehen können oder wollen, beispielsweise Muslimas oder Frauen, die Gewalt erlebt haben oder sich aus anderen Gründen in Gesellschaft von Männern beim Baden nicht wohlfühlen.

Die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim, die das Bad betreiben, hatten damals einen Zeitslot nur für Frauen noch abgelehnt, da es eine zu große Einschränkung anderer Nutzergruppen bedeuten würde, hieß es. Das Netzwerk wandte sich mit seinem Anliegen daraufhin an die Ludwigsburger Gleichstellungsbeauftragte Kristina Wolff. „Sie ist uns wirklich eine große Stütze gewesen“, erzählt Canan Balaban, Grünen-Stadträtin und Mitglied des Netzwerks Frauenschwimmen. Kristina Wolff trat in Dialog mit den SWLB, die sich sehr offen gezeigt hätten.

„Uns ist wichtig, dass alle Menschen unsere Bäder selbstbestimmt und sicher nutzen können“, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer der SWLB. „Deshalb setzen wir auf offene Schwimmzeiten für alle.“ Gleichzeitig wolle man Initiativen unterstützen, die ergänzende Angebote für bestimmte Gruppen schaffen. Der Lösungsvorschlag daher: Das Frauenschwimmen könnte, wie bei anderen Sportangeboten auch, vereinsbasiert organisiert und Wasserzeiten dafür angemietet werden.

„Es hat durch unser Angebot also niemand weniger, nur die Frauen haben mehr.“

Canan Balaban, Initiatorin des Frauenschwimmens in Kornwestheim

Hier kam der Frauenschwimmverein Stuttgart ins Spiel, der in der Umgebung mehrere Frauenschwimmen organisiert und unter anderem über weibliche Rettungsschwimmerinnen verfügt. Der Verein erklärte sich bereit, für zunächst ein halbes Jahr die organisatorische und personelle Verantwortung zu übernehmen. Der große Vorteil an der jetzigen Lösung: Das Bad schließt sonntags um 18 Uhr ohnehin für den öffentlichen Schwimmbetrieb. „Es hat durch unser Angebot also niemand weniger, nur die Frauen haben mehr“, so Canan Balaban.

Derzeit laufen Gespräche, wie es nach diesen sechs Monaten weitergehen kann. Das Kornwestheimer Netzwerk möchte das Angebot nämlich auf jeden Fall beibehalten. „Denn jeder sollte das Recht haben, sich wohlzufühlen und sich in geschützter Atmosphäre frei zu bewegen“, findet Netzwerksmitglied Kübra Erciyes.

Frauenschwimmen in Kornwestheim

Termin
Das Frauenschwimmen ist für gewöhnlich immer sonntags von 18 bis 19.45 Uhr im Alfred-Kercher-Bad. Allerdings mit Ausnahmen während der Schulferien – da ist kein Betrieb. Bis einschließlich 15. Februar ist zunächst wöchentlich geöffnet. Das Angebot ist für jeden offen und nicht an eine Vereinsmitgliedschaft gebunden. Nur Männer dürfen das Bad in dieser Zeit nicht betreten, Jungen bis einschließlich sieben Jahre sind aber erlaubt.

Anmeldung
Da das Interesse an dem Angebot aktuell sehr groß ist, bitten die Organisatorinnen um eine vorherige Anmeldung. Nähere Informationen per E-Mail an frauenschwimmen_kwh@gmx.de. Der Eintritt kostet fünf Euro für Erwachsene, drei Euro für Kinder zwischen drei und 16 Jahren. Kleinkinder dürfen kostenfrei ins Bad.