Vor fünf Jahren starb das Musikgenie Prince. Nun ist posthum sein Album „Welcome 2 America“ erschienen. Wie viele Werke folgen werden, ist offen. Material gibt es offenbar reichlich.
Stuttgart - Selbst unter den hartleibigsten Verehrern des US-amerikanischen Musikers Prince dürfte es kaum einen geben, der von sich behaupten kann, alle Werke des Funkpopmeisters zu besitzen. Allein 39 Studioalben wurden zu seinen Lebzeiten veröffentlicht, vom Debüt „For you“ 1978 bis zu „HITnRUN Phase two“, das im Dezember 2015 erschien, vier Monate vor Prince’ Tod am 21. April 2016.
39 Alben, 109 Singles – und was folgt noch?
Das ergibt im Schnitt mehr als ein Album pro Schaffensjahr, und in der Tat erschienen 1998 („Crystal Ball“ und „the Truth“) sowie 2009 („Lotusflow3r“ und „MPI Sound“) auch je zwei im gleichen Jahr – und zwar sogar jeweils am gleichen Tag. Schon das ist ein Indiz für die gelinde gesagt unkonventionelle Veröffentlichungspolitik, die der Multiinstrumentalist betrieben hat.
Das betrifft nicht nur die 109 Singles, zu denen sich noch drei Songs gesellen, die nie als physische Singles erschienen, sich aber trotzdem in den Charts platzieren konnten. Das gilt schon eher für die vier Livealben, von denen etwa das erste nur als Doppel-CD auf seinem eigenen Label und das letzte nur als Beigabe zu einem Coffee-Table-Book veröffentlicht wurde. Und es betrifft vor allem die Alben selbst. Die veröffentlichte er zunächst – wie zum Beispiel seinen 1984er-Welterfolg „Purple Rain“ – unter seinem Namen beim Majorlabel Warner Music. Später brachte er sie unter einem unaussprechlichen Synonym, genannt The Symbol oder The Artist formerly known as Prince, auf seinem eigenen Plattenlabel NPG Records heraus. Dann erschienen seine Alben erst beim Warner-Konkurrenten Universal, anschließend bei deren Mitbewerber Sony Music, ehe Prince letztlich wieder bei Warner landete. Zwischendurch wiederum behagte es dem kommerzmüden Prince, ein paar Alben ausschließlich auf der eigenen Homepage anzubieten oder aber – wie im Jahr 2007 bei „Planet Earth“ – dieses Album einer britischen Boulevardzeitung gratis beizulegen.
Was wann und wo erschien, entschied nur Prince
Sein letztes Album zu Lebzeiten erschien im Dezember 2015 wieder auf dem Eigenlabel NPG Records, was zu den beiden Fragen führt, was nach seinem Tod noch veröffentlicht wurde beziehungsweise wird – und von wem. Wer seine Erben sind und wem welche Verwertungsrechte an bereits veröffentlichten Alben und künftigen zustehen, ist nämlich auch im Jahr 2021 noch ungeklärt. Posthum erschienen bisher 2018 „Piano and a Microphone 1983“, das (nach „One Night alone“ von 2002) zweite Akustikalbum von Prince sowie 2019 „Originals“ mit jenen Eigenaufnahmen der Stücke, die Prince für andere Künstler schrieb, darunter sind Hochkaräter wie „Manic Monday“, das die Bangles berühmt gemacht hat. Und an diesem Freitag kam nun „Welcome 2 America“ heraus, das erste „richtige“ Album mit bisher unveröffentlichten Prince-Liedern.
Wie viel noch nachkommt, ist völlig offen; feststehen dürfte lediglich, dass Prince den bisherigen Rekordhalter Tupac Shakur mit dessen sieben posthum veröffentlichten Alben lässig übertrumpfen wird. Michael Howe, früher Musikmanager von Lady Gaga und jetzt einer der beiden Kuratoren des Prince-Estate, der mit der Nachlassverwaltung betraut ist, spricht angesichts der in Prince’ Tresor auf seinem Anwesen Paisley Park gefundenen Tonträger von einer „gewaltigen“ Menge an Material, das zu sichten noch Jahre an Arbeit bringen würde. Gerüchten zufolge handelt es sich um Tausende von Songs, darunter soll sich gar ein Album befinden, das Prince mit Miles Davis eingespielt hat. Aber zu Details darf Howe sich nicht äußern, womit sich der Kreis um diesen weit über seinen Tod hinaus rätselhaften Künstler vorerst schließt.
Zwölf neue Songs, die elf Jahre alt sind
Einstweilen gilt es folglich mit „Welcome 2 America“ vorlieb zu nehmen, und das ist weiß Gott kein schlechter Zeitvertreib. Die zwölf Songs, entstanden 2010, klingen auch heute noch sehr zeitgemäß, nicht nur, weil sich an den Verhältnissen in Amerika, die Prince etwa im albumgebenden Titeltrack beißend kritisiert, auch elf Jahre später nur wenig geändert hat. Up to date klingen die Stücke, weil sie vorführen, wie man viele heute zeitgemäße billige Stilelemente aus Rap und R’n’B auch in raffinierter Instrumentierung und prononciertem Sprechgesang aufnehmen kann. Von gänzlich zeitloser Güte sind die Lieder wiederum, weil sie im typisch Prince’schen funkigen Duktus unter souveräner Einbeziehung benachbarter Genres – von den Rockgitarren in „Hot Summer“ über die Gospelchöre in seiner raffinierten Coverversion „Stand up and B strong“ bis zum Motownsound in „Yes“ – nicht nur tanzbar sind, sondern vom ersten bis zum letzten Ton mit souveräner kompositorischer Kraft punkten.
So beschwören sie im besten denkbaren Sinne die Sehnsucht nach der guten alten Zeit herauf und verströmen nicht etwa den ja auch denkbaren Hautgout, dass hier ein Musiker ein Album aus Gründen der künstlerischen Integrität nicht veröffentlicht sehen wollte – sondern befeuern ganz im Gegenteil die Vorfreude auf das, was da noch alles kommen mag. Wann und wie auch immer.
Der Musiker, seine Musik und das neue Werk
Leben
Prince Rogers Nelson wurde am 7. Juni 1958 in Minneapolis geboren, er starb am 21. April 2016 unter mysteriösen Umständen 57-jährig in seinem Tonstudio Paisley Park an einer Überdosis des Schmerzmittels Fentanyl, die er sich selbst verabreicht hatte. Um sein Erbe wird gestritten.
Musik
Der Sänger, Multiinstrumentalist, Songwriter, Produzent und Schauspieler hat zu Lebzeiten mehr als 100 Millionen Alben mit Welthits wie „Purple Rain“, „1999“, „When Doves cry“ oder „Kiss“ verkauft. Er gewann unzählige Preise, darunter einen Oscar und sieben Grammys.
Album
„Welcome 2 America“, aufgenommen 2010, ist in diversen Formaten erschienen, die Deluxe-Edition enthält eine Blu-ray mit einem Konzertmitschnitt aus dem Jahr 2011.