Berührender Rapper: Tua Foto: David Daub

Lieder wie bleierner Regen: Nach sieben langen Jahren legt der Rapper Tua von den Orsons mit dem nach sich selbst betitelten „Tua“ sein drittes Soloalbum vor. Ein Prachtstück.

Stuttgart - Es wäre fast schon ein Running Gag, wenn es ihm nicht so ernst dabei wäre: Ganze sieben Jahre musste die Rapwelt auf ein neues Soloalbum von Tua warten. Sieben Jahre im Hip-Hop unserer Zeit, das ist ohne Übertreibung eine halbe Ewigkeit. Flashback auf 2012: Ein junger Stuttgarter mit Pandamaske revolutioniert das Popgeschäft, mit ihm steigen Chimperator zum Schwergewicht auf. Cro und Chimperator gehen mittlerweile getrennte Wege, es liegt also schon eine ganze Karriere zwischen Tuas letzter Platte und der Gegenwart.

Viel wurde über Tua und sein drittes Album spekuliert, oft wurde gescherzt, noch öfter gehofft. Würde es das „Chinese Democracy“ der Rapwelt werden, nicht viel mehr als ein Haufen heißer Luft und verbrannter Kohle also? Weit gefehlt. Tua, bürgerlich Johannes Bruns, ist kein Axl Rose, kein selbstdarstellerischer Egomane auf der Suche nach der größtmöglichen Geste. Schon 2009, als sein wegweisendes Solodebüt „Grau“ erschien, wurde eines deutlich: Das hier ist anders. Dunkler, tiefer, echter als vieles andere, was in Sachen Deutschrap damals so los war – und natürlich auch diametral anders als der clevere Irrsinn, den er mit seinen Orsons propagiert.

Wie ein Film von Ingmar Bergman

„Es regnet“, so hieß der Opener auf „Grau“, der offen und ungeschminkt mit dem Thema Depression umging. Zehn Jahre später regnet es immer noch. Tuas Rap klingt nach einem anspruchsvollen Schwarz-Weiß-Film, in dem es, genau, sehr viel regnet. Von Ingmar Bergman oder so. Das ist nicht dieser „A-N-N-A“-Regen, der ja immer schon nach einem schwülwarmen Sommertag klang. Das ist der bleierne Regen, der alle Farbe aus der Welt wäscht.

Melancholie als Triebfeder ist nicht neu für Tua. Neu ist, wie er sie auf diesem Album einsetzt – oder vielmehr nicht einsetzt, denn sie ist einfach da, die graue Tristesse, die bittersüße Note, als würde sie automatisch aus ihm in seine Stücke fließen. Sieben Jahre verändern einen Menschen. Sie haben Tua reifer gemacht, handwerklich besser, aber auch stiller, reduzierter, in sich gekehrter. Laut ist nichts auf „Tua“ – dafür reflektiert, ein Hip-Hop-Blick in einen Abgrund, der schon lange zurückstarrt.

Er versteckt sich nicht

Viele schreiben Lieder über ihre Jugend, über ihre Anfänge. Wenige beweisen die Stärke, die Dinge so zu sagen, wie sie wirklich waren. Manchmal war eine Jugend eben nicht cool und legendär, sondern einfach nur scheiße und anstrengend – so verewigt im kantigen „Vorstadt“. Tua schont sich nicht, nimmt im zerbrechlichen „Vater“ Abschied, konfrontiert sich und seine Hörer offen mit dem Tod eines nahen Familienmitglieds – was schnell kitschig werden kann, löst Tua mit Stille und belegter Stimme. Das ist bewegend, weil man die Emotion tatsächlich spürt. Nicht nur da: „Ich von morgen“ rechnet mit Sucht ab, in „Wem mach ich was vor“ zerlegt er mit pointierten, kondensierten Zeilen die Glorifizierung der eigenen oder gemeinsamen Vergangenheit. Das Besondere: Er schmückt nicht aus, er versteckt sich nicht hinter Floskeln, Metaphern und Analogien. Wenn jemand stirbt, dann stirbt jemand. Ausgelutschtes Wort, aber: Ja, genau das ist Authentizität.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Dafür geht Tua Risiken ein. Deswegen trägt er schon lange keine Scheuklappen mehr. Deswegen heißt dieses Album schlicht „Tua“. Weil er alles auf ihm vereinigt, was ihn ausmacht. Wenn er schon eine Platte macht, dann eine, in die er alles hineinpackt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Tua legt alles in die Waagschale, reibt sich auf an seinen bedrückenden Songs und Inhalten. Anders kann er es nicht. „Ich hab die letzten drei Jahre dran gearbeitet und habe zwischendurch meine geistige Verfassung infrage gestellt, mein soziales Leben eingestellt und im Studio gelebt. Hab mir ein ganz schönes Stück aus dem Leib geschnitten. Es ist ein Album und muss als Album gehört werden, lasst euch etwas Zeit beim Hören“, so kündigte Tua Ende vergangenen Jahres an. Er sei immer noch der „Verkünstler“, wie er sich in einem leichten Anflug von Ironie bezeichnet, einer also, der nichts dem Zufall überlässt und sich von seiner Musik auffressen lässt.

Allein, es geht nicht zulasten der Songs: Wo andere Tracks produzieren und Sin­gles veröffentlichen, da bleibt Tua dem Albumformat treu. Das allein ist ein gewaltiger Anachronismus – und das längst nicht nur in dieser Szene. Der Künstler gliedert die zwölf Songs seines neuen Albums in drei Teile, ein Triptychon nachdenklichen Raps, das mit seinem stringenten und fesselnden Rezitativ eher an „Grau“ anknüpft als an „Raus“. Auch weil es immer noch regnet.

Tua tritt am 6. April im Club Cann auf (ausverkauft) und am 1. Dezember im Wizemann.

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