Folksänger Matteo Capreoli hat auf der Promotion-Tour für sein neues Album auch einen Stopp in Stuttgart eingelegt. Foto: promo

„Zuhause“ heißt Matteo Capreolis Debütalbum, das an diesem Freitag erscheint. Der Folkmusiker, dem es irgendwann in Stuttgart zu klein wurde, lebt jetzt in Hamburg. Und bei der Platte ließ er sich von Samy Deluxe helfen.

Stuttgart - Er ist kleiner als erwartet. Matteo Capreoli sitzt lässig nach vorn gelehnt auf einem niedrigen Hocker. Hin und wieder zwirbelt er an einer dunkelbraunen Locke, streicht sich über den Bart. Es ist halb sieben an einem Dienstagabend, in knapp einer halben Stunde wird er im Stuttgarter Club Freund & Kupferstecher auftreten.

Capreoli ist auf Tour: Im VW-Bus fährt der 28-Jährige mit seiner zweiköpfigen Band von Hamburg nach Rom. Die drei wollen für Capreolis neues Album werben – sie spielen Konzerte auf der Straße, in Wohnzimmern, Cafés und kleinen Bars. Abends lassen sie sich von Fans zum Essen oder Übernachten einladen. „Wir sind mit null Cents in der Tasche aus Hamburg losgefahren“, sagt Capreoli. Das Geld für die Promotiontour wolle man unterwegs verdienen.

Roadsongs und Liebesliedern mit Texten, die im Kopf bleiben

2007 zog Capreoli schon einmal quer durch die Bundesrepublik, versuchte sich erstmals als Sänger. Nun präsentiert er sein Debütalbum. „Zuhause“ heißt die Platte, die von dem Hamburger Musiklabel Pias veröffentlicht wird. Die CD hört sich an wie ein leichter Sommergruß – eine Mischung aus Roadsongs und Liebesliedern, mit eingängigen Melodien und deutschen Texten, die im Kopf bleiben. Als Freak Folk Soul bezeichnet Capreoli seinen Stil, als Einflüsse nennt er zum Beispiel Bob Dylan, Jimi Hendrix, Stevie Wonder und Bill Wi­thers. „Ich habe schon viele Musikrichtungen ausprobiert – Reggae, Hip-Hop, Elektro“, sagt er. „Daraus ist jetzt ein Mischmasch geworden, der sich so anhört wie meins.“

Und während der Sänger noch gelassen plaudert, stellen die Bandmitglieder – und Brüder – Benny und Joscha Glass bereits die Instrumente auf: der Bass kommt nach rechts, das Schlagzeug nach links, die Gitarre steht vorn. An den Füßen der zwei Jungs: Sneakers in Neonfarben – ein Schuhgeschäft in Tübingen hat sie ihnen nach dem Auftritt tags zuvor geschenkt. Capreolis Sponsoringkonzept scheint aufzugehen.

Zur Musik kam der Singer-Songwriter schon früh. Als kleines Kind begleitete er seinen Vater – den Schlagzeuger einer Band – zu Konzerten. Kaum zwei Jahre alt, nahm er die Drumsticks selbst in die Hand. Dann brachte er sich das Gitarrespielen bei; es folgten Bass und Klavier. Mit 18 Jahren zog es den in Kirchheim/Teck aufgewachsenen Nachwuchsmusiker nach Stuttgart. Dort produzierte er Songs zum ersten Mal selbst, begann zu texten und zu singen.

„Stuttgart ist mir zu klein geworden“

Vor vier Jahren zog Capreoli nochmals weiter: nach Hamburg. „Stuttgart ist mir zu klein geworden“, sagt er. „Ich wollte mich weiterentwickeln.“ In der Hansestadt kann man den zierlichen Musiker vor allem in der Kunstwerkstadt antreffen – einem Musikstudio, das der Hip-Hopper Samy Deluxe initiiert hat, um Hamburger Künstlern eine Plattform zu bieten. „Ich kannte Samy schon von einer Konzertreihe, die ich mitorganisiert habe“, sagt Capreoli. „Als ich nach Hamburg kam, habe ich ihn einfach gefragt, ob er wüsste, wo ich meine Zelte aufschlagen könnte, um mein Album zu produzieren.“

Auf der Platte gibt sich denn auch Samy Deluxe die Ehre, singt bei dem Lied „L.A.“ mit. 2014 begleitete Capreoli den Hip-Hopper auf dessen Tour. Während dieser Zeit seien die meisten Texte von „Zuhause“ entstanden. „Ich habe 40, 50 Lieder geschrieben – elf sind davon übrig geblieben.“ Seine Songs seien „eher klein“: „Sie wollen nicht viel, verlangen dem Zuhörer nicht viel ab“, sagt Capreoli. Seine früheren Stücke seien viel zu kompliziert gewesen: „Die Welt ist schöner, wenn sie einfach ist.“

„Meine Konzerte sind zur Hälfte Comedy“

Jetzt schreibt er nur noch Positives – und wenn seiner Feder doch einmal ein negativer Text entspringt, vergräbt er ihn. „Ich möchte die Menschen auf meinen Konzerten lachen und nicht leiden sehen“, sagt er. „Wenn man zu mir aufs Konzert geht, kann man davon ausgehen, dass die Hälfte Comedy ist.“

Und tatsächlich albert er viel herum, als er wenig später mit Benny und Joscha Glass auf der Bühne steht. „Echt jetzt!“, sagt Capreoli mit der Gitarre im Arm. „Bei unserem letzten Auftritt ist Benny plötzlich vom Schlagzeug aufgestanden und aufs Klo gerannt.“ Die gut zwei Dutzend Zuschauer im engen Freund & Kupferstecher kichern. Dann beugt sich Capreoli wieder nach vorn, wippt, tänzelt, hüpft, stampft auf der schwarzen Bühne. „Ich lieb’ dich heute nur bis morgen und dann wieder von vorn“, singt er, die dunklen Locken im Gesicht – das Publikum singt mit.

Auch bei dem Roadsong „Bus“ steigen die Zuhörer mit ein. „Alle rennen in’ Bus“, singt Capreoli – „Bus, Bus, Bus“, schallt es zurück. Gut gelaunter Sound, der keine Fragen aufwirft – dafür aber vermeintliche Weisheiten preisgibt: „Das Leben will immer dorthin, wo es noch nicht war.“ Den Gästen gefällt’s.

Capreolis Album hätte das Zeug für ein kleines Sommerwunder

Ein kleines Sommerwunder: Das dürfte von Capreolis CD zu erwarten sein. Seine erste Single-Auskopplung „Frag mich“ ist bereits seit Mai online. Auf You Tube haben es schon mehr als 68 000 Menschen gehört. In dem Video räkelt sich ein dünnes Model halbnackt in einer Luxusvilla – doch von Sexismus will der Sänger selbst nichts bemerkt haben: „Als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich nur: Boah, sieht voll gut aus!“

Etwas naiv scheint er durchaus zu sein, der junge Musiker. Doch die Naivität könnte ihm zugute kommen – in einer Welt, die mit Flüchtlingskrisen, Umweltkatastrophen und Globalisierungsproblematiken immer komplexer wird, sehnen sich die Menschen nach einfachen Antworten und Ablenkung. Auf Nachschub müssen Capreolis Fans wahrscheinlich nicht allzu lange warten. „Sobald ich im Zug oder im Flugzeug sitze, schreibe ich – ich kann einfach nicht ruhig bleiben“, sagt er. „Ich hätte Bock, alle drei Monate eine neue Platte rauszubringen.“

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