Greta van Fleet (von links): Jacob „Jake“ Kiszka (Gitarre), Joshua „Josh“ Kiszka (Gesang), Samuel „Sam“ Kiszka (Bass) und Daniel „Danny“ Wagner (Schlagzeug) Foto: Alysse Gafkjen 2020

Classic Rock, streng Siebziger und mit viel Gefühl – die amerikanische Band Greta van Fleet legt ihr zweites Album vor – und klingt nicht nur nach Led Zeppelin.

Stuttgart - Menschen vergleichen sich gerne mit anderen – und noch lieber andere mit anderen. Darunter leiden in spezieller Weise junge Rockmusiker, die in eine bald 60-jährige Tradition einsteigen: Gefühlt haben Altvordere vor ihnen schon alles intoniert, jede Gesangsmelodie, jedes Gitarrenlick, jeden Basslauf, jeden Drumbeat.

 

Vier junge Männer aus Michigan, drei Brüder und ihr bester Freund, spielen seit 2012 unter dem Namen Greta van Fleet epischen 70er-Jahre-Rock – und sie ringen seit ihrer Gründung mit dem Etikett, sich sehr stark an Led Zeppelin anzulehnen. Inspiriert hat sie das Mutterschiff der Rockmusik ganz gewiss; damit aber sitzen sie in einem Boot mit anderen Vorbildern, auf deren Spuren sie ebenfalls wandeln.

Viel hymnische Verzückung

„The Battle at Garden’s Gate“ heißt das zweite, aktuelle Album von Greta van Fleet, und es beginnt herzerwärmend: Der Geist der Hippie-Ära schwingt mit in „Heat Above“. Wohliger Orgelklang, ein sehr klassisches Gitarrenriff in Dur von Jake Kiszka und ein entspannter Groove von Sam Kiszka (Bass, Keyboards) und Danny Wagner (Drums) bereiten den Boden für Josh Kiszkas außergewöhnlichen Raspel-Tenor, der meistens in hymnischer Verzückung flirrt. Das klingt, wie das gesamte Album, so streng nach den 70er Jahren, dass man sich die Ohren reibt – an dieser Stelle aber weniger nach Led Zeppelin als eher nach Bands wie den Prog-Ikonen Kansas.

Ein Hauch von Boston taucht in „My Way, soon“ auf. „Age of Machine“ klingt wie eine Mischung aus den Frühphasen der kanadischen Rocktrios Rush und Triumph. Das liebliche, mit Piano untermalte Romantissimo „Light my Love“ würde ins Repertoire von Pavlov’s Dog passen. Abgekupfert wirkt das nicht, sich von anderen inspirieren zu lassen, ist ja nicht nur erlaubt und sogar ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung der Rockmusik.

Unbändige Energie

Diese vier jungen Männer jedenfalls scheinen ganz bei sich zu sein. Durchweg liefern sie überzeugendes analoges Handwerk ab, was in dieser oldschooligen Reinheit im Jahr 2021 fast schon exotisch wirkt. Im Zusammenspiel entfalten sie eine unbändige Energie, ein atmosphärisches Vibrieren, eine ganz spezielle Form von gefühligem Rockpathos. Progressive Akzente sind eher die Ausnahme, Greta van Fleet geht es darum, mit kollektiv erzeugten Stimmungslagen zu spielen, und das gelingt ihnen mitunter ganz famos.

Punktuell nur outet sich der Gitarrist Jake Kiszka als großer Jimmy-Page-Nacheiferer. Im Hauptriff von „Built by Nations“ stehen die frühen Led Zeppelin wieder auf, bei der mächtigen Ballade „Broken Bells“ zitiert er tatsächlich ein wenig unverfroren aus dem Schluss-Solo von „Stairway to Heaven“. Insgesamt aber hat sich die Band ein wenig freigeschwommen im Vergleich zu ihrem ersten Hit „Highway Tune“ (2017) und dem ersten Album „Anthem of the peaceful Army“ (2018). Das Pendel schlägt eher in Richtung bombastischer Hardrock-Hymnen wie „Black Smoke rising“ (2017).

Unverwechselbare Stimme

Die größte Entwicklung hat Josh Kiszka gemacht: Seine Stimme hebt sich unverwechselbar ab von anderen Rock-Supertenören wie Rik Emmett (Triumph), Geddy Lee (Rush), David Surkamp (Pavlov’s Dog) – oder eben aller Vorbild: Robert Plant. Der aber spielt in puncto Originalität, wie Led Zeppelin insgesamt, in einer ganz eigenen Liga.

Greta van Fleet gehen ihren Weg. Viel eigenständiger kann zeitgenössischer Classic Rock wahrscheinlich nicht klingen, wenn er sich so beharrlich allen Einflüssen jenseits der Siebziger widersetzt.