Adele Laurie Blue Adkins Foto: dpa

In den sozialen Netzwerken gibt es dieser Tage fast Meldungen im Sekundentakt – Adeles Album „25“ elektrisiert schon vorab. Können auch die Songs überzeugen? Die „Stuttgarter Nachrichten“ haben „25“ bereits gehört.

Stuttgart - Mit 31 Millionen verkauften Exemplaren ihres zweiten Albums „21“ ist Adele Laurie Blue Adkins die erfolgreichste Künstlerin der Gegenwart. Nach dreijähriger Babypause legt sie nun „25“ vor. Ein Werk, auf das die Popwelt händeringend gewartet hat - und das mit einer zentralen Frage einhergeht: Kann sie die Wahnsinns-Umsätze der Vergangenheit noch einmal wiederholen?

Schließlich ist die 27jährige heute ganz woanders, als 2011 zur Veröffentlichung von „21“: Sie befindet sich in einer glücklichen Beziehung mit Investment-Banker Simon Konecki (41) und ist Mutter eines dreijährigen Jungen namens Angelo, der ihr – so sagt sie lachend – einiges abverlange. „Ich bin jeden Abend um acht Uhr im Bett, weil ich todmüde bin. Dabei hatte ich eigentlich ­gedacht, Mutter sein wäre ganz easy, also dass ich das mit links hinkriege. Aber das ist eine Illusion. Gleichzeitig, und das ist die andere Seite, ist er aber auch das Beste, was mir je passiert ist. Ich war noch nie so zufrieden mit meinem Leben, wie heute.“

Kein Herzschmerz mehr

Genau daraus resultiert aber auch ein Problem, über das sie sich die letzten Jahre immer wieder den Kopf zerbrochen hat. Denn ihre bisherige Karriere beruhte auf opulenten Herzschmerz-Songs, in denen sie mit ehemaligen Lovern abgerechnet und ihr Innenleben nach außen gekehrt hat. Eben als Powerfrau, mit der man sich besser nicht anlegt – die tatsächlich aber genauso verletzlich ist, wie jeder von uns. Ein Stoff, mit dem sich ein nicht unwesentlicher Teil der Menschheit identifizieren konnte und – heutzutage alles andere als üblich – auch zum physikalischen Tonträger griff. „Bislang war es so, dass meine Musik darauf abzielte, gebrochene Herzen zu heilen – inklusive meines eigenen. Deshalb habe ich mir Sorgen gemacht, ob ich meine Fans enttäusche, wenn ich jetzt etwas komplett anderes mache. Einfach, weil ich kein trauriges ­Album schreiben kann, wenn ich nicht selbst traurig bin. Das würde sofort auffallen und wäre absolut unglaubwürdig.“

Ähnlich wie ihr Versuch, Songs über ­Babyglück und Mutterfreunden zu schreiben, wie sie es Ende 2013 getan hatte – und sich von ihrem Manager ein entsetztes Kopfschütteln abholte. „Er dachte, ich wollte ihn auf den Arm nehmen. Dabei habe ich einfach nur rausgelassen, was ich gerade gefühlt ­habe. Aber das war halt zu kitschig und ­definitiv nicht das, was die Leute von mir ­erwarten.“ Was in den folgenden Monaten zur echten Sinnkrise, also zu Selbstzweifeln und fehlgeschlagenen Kollaborationen führte. Etwa mit Sia, mit Phil Collins oder auch ihrem Jugendidol Damon Albarn. „Er hat hinterher erzählt, ich wäre total unsicher und viel zu mainstreamig für ihn. Was mir schon ein bisschen wehgetan hat. Aber ­Tatsache ist: Ich war in einer Phase der Selbstfindung, in der ich für mich erkennen wollte, wie es weitergeht und wie mein neuer Sound beziehungsweise Ansatz unter den veränderten Rahmenbedingungen ausfallen würde.“

Weshalb sie mehrere Wochen in New York, Los Angeles, Prag und Paris verbrachte, mit unterschiedlichsten Leuten arbeitete und über 30 Stücke verwarf. „Ich hatte noch nie so etwas wie Druck verspürt, einfach weil ich immer wusste, was ich wollte. Weil ich da nie groß überlegt, sondern schlichtweg gemacht habe. Aber wenn es plötzlich nicht so läuft und du anfängst zu grübeln, wird dir erst bewusst, welche Erwartungen auf dir lasten und wie viel Verantwortung du hast. Das ist ein ganz schlimmer Moment.“

Bruch mit der Vergangenheit

Den sie jedoch mit einem Trick meisterte: Nämlich ein Konzept, das es ihr erlaubt, ihre alte Melancholie mit neuem Optimismus zu kombinieren und einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit zu umgehen. „Ich habe den Break-Up-Ansatz in einen Make-up-Ansatz umgewandelt, also in einen des ­Aufarbeitens. Im Sinne von: Ich singe über die letzten zehn Jahre, die so schnell vergangen sind, dass ich sie nicht immer so ge­nießen konnte, wie ich das gerne hätte und die mir insofern irgendwie verloren vorkommen. Denn seit ich Mutter bin, fühle ich mich wahnsinnig erwachsen. Ich rauche und ­trinke nicht mehr, ich gehe kaum noch aus und habe das Gefühl, das ich einen wichtigen Teil meiner Jugend verpasst habe. Was nicht bedeutet, dass ich todunglücklich bin, aber es macht mir schon ein bisschen Angst.“

Nachzuhören in Stücken wie „When We Were Young“, „Million Years Ago“ oder „Hello“. In letzterem singt sie zwar „from the other side“, womit aber keineswegs der Tod, sondern vielmehr die Erwachsenenwelt gemeint ist. Was für weitreichende Missverständnisse über ihr Wohlbefinden sorgt, die die Künstlerin aber eher amüsieren. „Ich bin quicklebendig“, kichert sie. Wer daran ­zweifelt, möge sich nur „Remedy“, „I Miss You“ oder „Sweetest Devotion“ anhören, die vor Leidenschaft und Lebenslust bersten.

Am stärksten solo

Wobei Adele immer dann am stärksten ist, wenn sie – wie in „When We Were Young“ – einfach auf schlichte, aber effektive Arrangements aus Klavier und Gesang zurückgreift, und nicht so sehr mit Beats und ­modernster Technik flirtet. Doch selbst da, bei Kompositionen aus der Feder von Massen-Pop-Tätern wie Max Martin oder Greg Kurstin, macht sie noch eine gute Figur. Einfach, weil es ihr gelingt, selbst durchgestylte 08/15-Ware wie „Send My Love (To Your New Lover)“ oder „Water Under The Bridge“ absolut unpeinlich, also ohne ­triefende Klischees zu präsentieren.

Dieser Spagat gelingt nicht vielen ­Künstlern – wobei Adele allein mit ihrer kraftvollen, unverwechselbaren Stimme auftrumpft. Ein Markenzeichen, das sie ebenso nachhaltig wie wohltuend von der Konkurrenz absetzt – genau wie ihr Mut zum Risiko. So lässt sie sich in „River Lea“ und „All I Ask“ mit bekanntermaßen schwierigen Typen wie Brian Burton (aka Danger Mouse) bzw. Bruno Mars ein – und verweist auch sie ganz locker in ihre Schranken. „Bruno hatte andere Vorstellungen davon, wo der Song hinführen sollte. Doch ich habe meinen Dickkopf ausgelebt und es genauso gemacht, wie ich wollte.“

Ein Indiz dafür, dass die neue Adele im Grunde immer noch die alte ist. Und auch in Sachen Live-Performance wird sie sich – wie bisher – äußerst bedeckt halten. Einfach, weil sie Familie hat und sowieso nicht gerne fliegt. Selbst, wenn es mittlerweile im ­Privatjet wäre.