Sebastian Riedmüller zapft selbst gebrautes Craft Beer. Foto: factum/Granville

Craft Beer und fränkisch-rustikaler Charme: Der Stuttgarter Gastronom Sebastian Riedmüller (32) eröffnet in Ludwigsburg eine Kneipe mit selbst gebrauten Craft Beer. Ein Besuch.

Ludwigsburg - Es ist Samstagmittag in Ludwigsburg. Sebastian Riedmüller steht hinter dem Tresen einer bequemen Lokalität, in der gerade mal 35 Menschen reinpassen – wenn sie wie die Zinnsoldaten aufrecht stehen. Am Stammtisch drängen sich später bis zu 14 Personen. Die dunklen Holzmöbel flackern im schummrigen Kerzenlicht, ein grüner Kachelofen mit runden Einbuchtungen im Stil der 60er Jahre bollert – nein, das hier ist definitiv keine Hipster-Veranstaltung für die High Society.

Dabei geht es hier um Craft Beer, und dabei denkt man gleich an handmade und local, an Holzfäller-Style und Clubszene. Sebastian Riedmüller ist aber so ziemlich das genaue Gegenteil von einem Hipster: 32 Jahre alt, langes, gewelltes Haar, das Lehramtsstudium abgebrochen. „Das war mir zu früh zu laut“, sagt Riedmüller zum Pädagogenberuf, und seine Freundin Marina Fischer (29) ergänzt schmunzelnd: „Ich darf auch morgens nicht laut reden.“ So hat sich Riedmüller der Gastronomie verschrieben, in Stuttgart in einer Weinstube und im Restaurant Reiskorn gearbeitet. Dann kam ihm die Idee: „Wir bringen das Craft Beer nach Stuttgart.“

Kaufen Schwaben Bier für 6 Euro?

Er hat in der Folge im Fluxus, dem Übergangskaufhaus in der Calwer Passage,einen Shop mit 150 Biersorten eröffnet. „Es hat etwas gedauert, dann haben die Schwaben eingesehen, dass man 6 Euro für ein Bier ausgeben kann“, sagt der Riedmüller. Auf der Suche nach einer neuen Lokalitätkam er nach Ludwigsburg. Nun ist er da, am Holzmarkt, mit voller Kneipe.

Bodenständig soll es sein, und so ist auch das Ambiente. Wie passt das zu Craft Beer? Nun, es ist eben alles lokal und handgemacht, um die Schlagworte wieder aufzugreifen. „Ich setze ausschließlich auf fränkische Lebensmittel“, sagt der 32-Jährige. Einmal die Woche fährt er zum Metzger ins heimische Dinkelsbühl, der ihm vakuumverpackt das Fleisch von glücklichen Tieren mitgibt. Das Brot kommt vom Bäcker in Ludwigsburg, der Salat vom Markt. So gibt es zur Eröffnung fränkische Weißwürste, Mini-Nürnberger oder fränkische Tapas. Am Stammtisch hinten in der Ecke, wenn man in der kleinen Kneipe von einer Ecke sprechen kann, kommt das gut an. Es wird fleißig bestellt. Auch der eine oder andere eingesessene Ludwigsburger Gastronom hat sich unters Publikum gemischt – Konkurrenzbeobachtung nennt man das wohl.

Craft Beer aus der Ein-Mann-Brauerei

Ja, und dann gibt es eben das Craft Beer. Es ist tatsächlich eine Eigenkreation – mit einer kuriosen Geschichte. „Das Rezept habe ich mit Jürgen aus Esslingen entworfen“, sagt Sebastian Riedmüller. Jürgen wer? „Wie war noch mal der Nachname vom Jürgen?“, ruft der 32-Jähriger seiner Freundin zu. „Arndt, Jürgen Arndt.“ Man kennt sich halt so gut, da sind Nachnamen unwichtig. Der Jürgen Arndt jedenfalls ist eine Ein-Mann-Brauerei, sozusagen eine wandelnde Pop-Up-Brewery, wie man es hipstermäßig nennen würde. In dessen Privatbrauerei wird das fruchtige Getränk in kleiner Auflage produziert. Es ist fruchtig und hat drei verschiedene Hopfensorten in sich.

Viele Gäste bestellen es zum Probieren. Die meisten trinken eines der neumodischen Alkoholika, die Neugier ist groß. „Wir sprechen damit auch Leute an, die sonst kein Bier trinken“, freut sich der Inhaber. Oder Frauen, denen das herbe Bier zu bitter ist. Das ist eines der Erfolgsrezepte des Craft Beers, das den rückläufigen Bierkonsum vor einigen Jahren wieder angekurbelt hat.

Am Stammtisch wird der Schwabe gemütlich

Weil die eigene Auflage begrenzt ist, wird auch „fremdes“ Craft Beer verkauft, das dann so lustige Namen hat wie „Tough Guy Ale“ oder „Steven Seagull“ oder „The Jungle King“. Dazu ein fränkisches Schnäpschen, dann wird es am Stammtisch in der Ecke gemütlich. Man rückt etwas enger zusammen, was in der räumlichen Knappheit ohnehin geboten ist. Es sind Stuttgarter und Ludwigsburger dabei, junge und alte Gäste – die Stimmung ist gut. So ausgelassen gar, dass eine Gruppe um 2 Uhr beim Zapfenstreich das Zahlen vergisst. „Also, dann bis bald“, verabschieden sie sich fröhlich – bis Sebastian Riedmüller auf den fehlenden Zahlvorgang hinweist. Er nimmt’s mit Humor: „Das zeigt nur, dass die Stimmung richtig gut war.“

Somit ist sie am Start, diese ulkige Mischung aus fränkisch-rustikalem Charme und trendigem Szenebier. Nebenan gibt es übrigens für den nächsten Morgen nach dem Kater noch einen Laden, in dem man bei Tageslicht Bier und Essen erwerben kann. Sebastian Riedmüller will jedenfalls nicht in zu kleinen Dimensionen denken: Demnächst will er auch in Stuttgart wieder einen Craft-Beer-Shop eröffnen. Aber zunächst einmal soll das Zum Riedmüller zum Szenetreff werden.

Früh laut ist es jetzt definitiv nicht mehr. Aber spät laut. Aber damit scheint sich der 32-Jährige ohnehin besser zu arrangieren.

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