Schöner Wohnen in Untertürkheim: Bis die Gebäude und Außenanlagen in neuem Glanz erstrahlen, müssen die Bewohner eine jahrelange Großbaustelle überstehen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das bundesweit größte Immobilienunternehmen Vonovia modernisiert viele Wohnungen und erhöht danach kräftig die Mieten. Der Anstieg fällt in Stuttgart jetzt nicht ganz so heftig aus wie befürchtet – doch es gibt neue, teils bizarre Auseinandersetzungen.

Stuttgart - Die Bewohnerin des Hochhauses Friedhofstraße 11 im Nordbahnhofsviertel ist verzweifelt. Die Modernisierung des Gebäudes, gegen die sich wegen der angekündigten massiven Mieterhöhungen heftiger Widerstand geregt hatte, geht zwar dem Ende entgegen. Die Fassade ist fertig, bald gehören zumindest Lärm und Dreck der Vergangenheit an. Doch der Rentnerin, die sich an vorderster Front mit ihrem Vermieter Vonovia und den Handwerkern angelegt hat, droht neuer Ärger. Deutschlands größtes Immobilienunternehmen hat die Frau angezeigt und ihr zudem mit fristloser Kündigung gedroht.

Die Rentnerin soll während der Sanierung ihres Balkons, der dafür monatelang gesperrt war, die neue Hausdämmung mutwillig beschädigt haben. „Das ist eine Schweinerei. Ich bin die Geschädigte, denn der Balkon ist gar nicht fertig gemacht worden. Die Decke zum Beispiel hat keiner gestrichen“, sagt die 80-Jährige. Sie vermutet, dass ihr fortwährender Widerstand gegen die Baumaßnahmen der Grund für das massive Vorgehen sein könnte: „Man versucht, mich rauszuekeln“, sagt sie unter Tränen. Vonovia will sich nicht konkret äußern: „Wir können keine weiteren Informationen geben, da das Verfahren noch läuft“, sagt ein Sprecher.

Der Fall ist nicht der einzige, in dem es wieder Ärger gibt. Die meisten der großen Modernisierungen in Stuttgart, von denen Hunderte Mieter betroffen sind, gehen allmählich ihrem Ende entgegen. In Untertürkheim zum Beispiel werden fünf große Wohnblocks seit über einem Jahr saniert, modernisiert und um eine Etage aufgestockt. Die Vermietung der ersten beiden neuen Geschosse in der Augsburger Straße soll noch im November beginnen. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis für die Räume in Holzbauweise wird wohl um die 14 Euro liegen. Und die bisherigen Mieter, die die Baustelle ertragen müssen, erwartet danach eine saftige Erhöhung. Allerdings werde man auch „Mietminderungen gewähren“, so der Sprecher. Das geschehe, wenn die Arbeiten abgeschlossen seien. Vonovia-Mieter in anderen Quartieren berichten, teils erhalte man Mietminderung und Mieterhöhung binnen weniger Tage praktisch parallel.

Keine Wege zu den Haustüren

In Untertürkheim wird es noch einige Monate dauern, bis alles abgeschlossen ist. Die dort inzwischen offenbar üblichen Einschränkungen für die Mieter inklusive. Zuletzt haben die Handwerker zusätzlich mit dem Umbau der Außenanlagen begonnen. Die Folge: Zeitweise gibt es keine Wege mehr zu den Hauseingängen. Bis zur hinteren Tür müssen Bewohner dann schon einmal rund 50 Meter im Matsch zurücklegen. „Wo sollen wir eigentlich gehen? Das interessiert hier niemanden. Provisorische Zugänge mit Brettern werden auf- und abgebaut, wie man’s braucht“, klagt eine Mieterin. „Die Wege der Außenanlagen werden aktuell komplett neu gestaltet und zudem um Feuerwehraufstellflächen ergänzt, die durch die Aufstockung erforderlich sind. Danach stehen den Mieterinnen und Mietern wieder Wege zur Verfügung“, sagt der Sprecher.

Einen Schritt weiter sind da schon viele Vonovia-Mieter im Stuttgarter Osten. Auch dort ist umfassend modernisiert worden. Die meisten Wohnungen haben einen zusätzlichen Balkon bekommen. Jetzt ist Zahltag. „Die Mieterhöhungen sind insgesamt niedriger als ursprünglich angekündigt“, sagt Ursel Beck von der Vonovia-Mieterinitiative. Allerdings ist dafür zum Teil noch während der Baumaßnahmen zusätzlich regulär die Miete angehoben worden. Einer Mieterin sei der Anbau eines Balkons berechnet worden, obwohl sie gar keinen bekommen habe.

Mieter schalten Anwälte ein

„Außerdem ist die Bauzeit weit überschritten worden und es sind noch immer nicht alle Arbeiten erledigt“, kritisiert Beck. Mit der Aufteilung der Kosten in Modernisierung und Instandhaltung sei man ebenfalls nicht einverstanden. Nur die Modernisierung darf auf die Mieter umgelegt werden. Außerdem wolle Vonovia „für die ganze Bauzeit mit extremem Chaos, Lärm und Dreck nur eine kleine pauschale Mietminderung geben“. Das sei viel zu wenig. Die Initiative will Vonovia nun anschreiben, zudem wollten mehrere Bewohner über Anwälte und den Mieterverein gegen die angekündigten Erhöhungen vorgehen.

In Stuttgart laufen die Auseinandersetzungen also noch, doch die aktuellen Baustellen gehen langsam ihrem Ende entgegen. In Kornwestheim dagegen hat Vonovia jüngst einen Durchbruch erzielt. Die Stadt hat mit dem Konzern einen städtebaulichen Vertrag verhandelt. In der Bolzstraße sollen 97 zusätzliche Wohnungen durch Aufstockung und neue Gebäude entstehen. „Der Baubeginn ist nach erfolgter Baugenehmigung demnächst, noch in diesem Jahr, eingeplant“, heißt es bei Vonovia. Dann wird sich zeigen, was auf die Mieter dort zukommt.

Zumindest Anzeigen wegen Sachbeschädigung dürften die Ausnahme bleiben.

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