Weinausschank beim Fellbacher Herbst Foto: © (C) Gottfried Stoppel

Ein richtiger Rotwein war der Trollinger eigentlich noch nie. Als Rosé geht das Nationalgetränk aus Württemberg plötzlich steil, sagt Autor Holger Gayer.

Fellbach - Auf den ersten Blick erscheint die Frage, ob die Aldingers größenwahnsinnig sind oder wahnsinnig großen Mut haben, leicht zu beantworten. Einen Trollinger für 80 Euro pro Flasche auf den Mark zu werfen klingt, vorsichtig gesagt, nach einem tollkühnen Unterfangen. Gerade in einer Zeit, da viele Wengerter in Württemberg ihr Heil in der Produktion von international ausgerichteten Weinen suchen, dafür Merlot, Cabernet Sauvignon oder Chardonnay pflanzen und damit auch (oft zu Recht) Erfolge feiern, wirkt der Rückgriff auf die vielleicht altbackenste Rebsorte überhaupt wie der Versuch, aus einem betagten VW Käfer ein Rennauto mit Elektroantrieb zu formen.

 

Doch auf den zweiten Blick wohnt genau diesem Experiment der Zauber eines fulminanten Anfangs inne. Um beim Vergleich mit den Autos zu bleiben: Mercedes, Porsche und all die anderen großen Marken haben gerne den Rennsport genutzt, um dort Innovationen zu entwickeln, die sie später in ihren Serienfahrzeugen auf die Straßen bringen. Viele Dinge, die aus keinem Auto mehr wegzudenken wären, sind so entstanden.

Als Rosé kann der Trollinger größer werden, als er bisher ist

Ganz ähnlich verhält es sich mit diesem Trollinger. Die Aldingers sehen das schwäbische Nationalgetränk nicht mehr als Rotwein, sondern als Rosé. Sie gönnen ihm eine völlig neue Art des Ausbaus, orientieren sich am Chardonnay aus dem Burgund anstatt einen nichtssagenden Massenwein aus ihm zu machen. Und, siehe da: Plötzlich entwickelt die Traube eine Qualität, die erst die Kritiker begeistert – und, die Zahlen belegen es, auch beim Publikum ankommt.

Denn der Rosé ist buchstäblich in aller Munde und kann, dank dem Trollinger, auch in Württemberg noch viel größer werden, als er das heute ist. Der Trend ist mit den Aldingers. Und sie setzen ihm jetzt eine Krone auf, die ganz neue Horizonte eröffnet. Das ist nicht nur mutig, sondern visionär.