Der neue Viertklässlertest, Kompass 4, hat Schüler und Grundschulen gestresst und flaue Mathe-Ergebnisse hervorgebracht. Warum Experten trotzdem nicht mit einer niedrigen Übergangsquote ans Gymnasium rechnen.
Die landesweite Übersicht über die Ergebnisse des Kompass-4-Tests, den die baden-württembergischen Viertklässler erstmals flächendeckend geschrieben haben, werden laut Kultusministerium erst im Frühjahr vorliegen. Rund drei Wochen nach dem Prüfungstermin Mitte November sickern aber die ersten Einschätzungen durch, wie der Test ausgefallen ist. Mathe sei besonders schwer gewesen, heißt es sowohl von Elternseite als auch in Lehrerkreisen. „Den Grundschulverband haben viele Hinweise erreicht, dass die Matheaufgaben schwer waren und viele Viertklässler beim Test deutlich schlechter abgeschnitten haben als ihre Lehrkräfte ihnen zugetraut haben“, bestätigt der Vorsitzende des Verbands Edgar Bohn auf Anfrage unserer Redaktion. Unerwartet viele Schüler seien unter dem Anspruchsniveau fürs Gymnasium geblieben.
„An einer Grundschule mit zwei Parallelklassen haben zum Beispiel nur zwei Kinder in Mathe das Gymnasialniveau erreicht. Damit wäre die in den Vorjahren normale Übergangsquote zum Gymnasium bei weitem unterschritten“, betont er. Im Landesdurchschnitt lag die Übergangsquote (bei großen regionalen Unterschieden) zuletzt bei 44 Prozent.
Kompass-4-Test als Baustein für neue verbindliche Grundschulempfehlung
Weil der Kompass-4-Test ein Baustein der novellierten, für die Gymnasien verbindlichen Grundschulempfehlung ist, mit der der Zugang zu den weiterführenden Schulen ab dem nächsten Schuljahr reguliert wird, herrscht bei Grundschullehrkräften, Viertklässlern und Eltern gespannte Erwartung. Denn erstens ist der Elternwille bei der Wahl der weiterführenden Schule nach der Reform nicht mehr entscheidend, sondern nur ein Faktor neben dem Kompetenztest Kompass 4 und der pädagogischen Gesamteinschätzung der Grundschule. Sind Eltern und Schule uneins, soll ab jetzt ein Potenzialtest entscheiden, ob der Viertklässler an ein Gymnasium wechseln darf. Zweitens gibt es bei den betroffenen Eltern und Lehrkräften eine latente Besorgnis, weil das novellierte Schulgesetz und die Begleitverordnungen noch nicht beschlossen sind. Welche Rechtsgrundlage am Ende gilt, ist deshalb noch nicht transparent.
Auf einen Gesamtüberblick über die gut 2400 Grundschulen in Baden-Württemberg kann auch Edgar Bohn seine Aussagen nicht stützen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Land hat bereits eine Umfrage zum Thema gestartet, aber das Ergebnis liegt noch nicht vor. Verbandschef Bohn hat sich bei gut zwei Dutzend Grundschulen umgehört. Die Erfahrungen sind, vorsichtig formuliert, durchwachsen. „Es gab heulende Kinder und fertige beziehungsweise frustrierte Lehrkräfte und auch das Wort Grundschulabitur ist häufig gefallen“, berichtet Bohn. Er findet, dass das Kultusministerium sein Versprechen nicht gehalten hat, den Test unaufwendig zu gestalten. Der Download der Aufgaben und das Ausdrucken seien aufwendig gewesen, betont Bohn.
Wieso das Kompass 4-Ergebnis nicht entscheidend ist
Dass viele Kinder in Mathe schlechter als erwartet abgeschnitten haben, sieht er nicht als Vorbote dafür, dass im nächsten Schuljahr viel weniger Kinder aufs Gymnasium wechseln als bisher. „Wenn die Klassenlehrerkonferenz einem Viertklässler das Gymnasium zutraut, der bei Kompass 4 in Mathe das vorgeschriebene Niveau nicht erreicht hat, ist davon auszugehen, dass sie trotzdem den Besuch des Gymnasiums empfehlen wird“, betont Bohn. Nutzlos sei der Kompetenztest trotzdem nicht: „Wenn ein Kind keine Gymnasialempfehlung bekommt, und die Eltern das anzweifeln, kann das Testergebnis zur Begründung herangezogen werden.“
Keine Belege gibt es aktuell für den Vorwurf, dass Kompass 4-Arbeiten am Tag vor dem Prüfungstermin geleakt und von Lehrkräften zum Üben mit ihren eigenen Kindern oder ihrer Klasse genutzt worden seien. Diesen Verdacht hat der Landesbildungsrat in einer Pressemitteilung erhoben. „Upsie, das ist ja toll, genau das, was meine Mama gestern mit mir geübt hat.“ So übermittelte der Vorsitzende Michael Mittelstaedt darin das Zitat eines Viertklässlers. Solche Ausrufe habe es während der „Kompass 4“-Arbeiten in vielen Klassenzimmern gegeben, fügte er hinzu.
Keine Hinweise auf vorzeitig geleakte Aufgaben
Auf Anfrage wollte Mittelstaedt allerdings nur eine Schule konkret nennen, und berief sich auf den Informantenschutz: Seine Gesprächspartner wollten anonym bleiben. Anfragen, wie viele Eltern befragt wurden und wie viele Schulen die Aufgaben geleakt hätten, ließ er unbeantwortet. Weder das Kultusministerium noch der Landeselternbeirat haben bis jetzt belastbare Hinweise auf solche Unregelmäßigkeiten bekommen, hieß es auf Anfrage. „Wir haben keinerlei Hinweise, dass die Aufgaben geleakt worden sind. Wegen der zeitlichen Abläufe können wir uns auch nicht vorstellen, dass es das gab: Man konnte die Aufgaben nämlich erst ab 12 Uhr am Vortag öffnen. Für viele Kinder ist die Schule da fast schon vorbei“, betont auch Edgar Bohn vom Grundschulverband.
Was ist der Landesbildungsrat?
Organisation
Anders als der Name „Landesbildungsrat“ anklingen lässt, handelt es sich dabei nicht um ein offizielles oder lange etabliertes Gremium. Es ist ein eingetragener Verein, der erst 2022 gegründet wurde.
Entstehung
Der Vorsitzende Michael Mittelstaedt zählt zu den Gründern. Mittelstaedt war bis 2023 der zum Schluss umstrittene Vorsitzende des Landeselternbeirats. Der neue Verein versteht sich als alternative Eltern- und Bildungslobby und hat laut eigenen Angaben insgesamt 16 Mitglieder. luß