Der Erfolg währte nur kurz: Christian Gross als Trainer beim VfB (Dezember 2009 – Oktober 2010). Foto: Baumann

Den neuen Schalke-Trainer Christian Gross haben die VfB-Fans gut in Erinnerung. Schließlich spielte er mit dem Club aus Cannstatt vor zehn Jahren die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte. Umso rätselhafter erschien wenig später seine Entlassung.

Stuttgart - Sein Comeback in der Fußball-Bundesliga kam durchaus überraschend. Vor ziemlich genau zehn Jahren hatte der Schweizer sich aus dem deutschen Oberhaus verabschiedet, nachdem er beim VfB Stuttgart entlassen worden war. Es folgten Stationen in der Schweiz, in Saudi-Arabien und Ägypten. Jetzt ist der 66-Jährige aus der fußballerischen Versenkung aufgetaucht und soll helfen, den abgeschlagenen Tabellenletzten aus dem Ruhrgebiet zu retten. Am Montag leitete Gross sein erstes Training auf Schalke.

Viele Fans des VfB haben den Schweizer nicht vergessen. Sie fragen sich noch heute: Warum wurde der Mann damals eigentlich entlassen? Schließlich war seine knapp einjährige Amtszeit rückblickend doch gar nicht so erfolglos. Vor allem in Relation zu dem, was in den Jahren danach alles schieflief.

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Rückblick: Im Dezember 2009 ersetzt der Züricher den überforderten Markus Babbel. Mit klarer Kante führt er die Mannschaft von Platz 15 noch in die Europaleague. Gross schafft in dieser Saison den besten Punkteschnitt aller Bundesligatrainer und wird gefeiert.

Als harter Hund, der den Diven vom Wasen endlich Beine macht. Doch der Erfolg ist nicht von langer Dauer. Die neue Saison beginnt katastrophal. Der VfB holt aus den ersten sieben Spielen nur drei Punkte, ist Letzter, und bei Präsident Erwin Staudt schrillen die Alarmglocken: „Wir befinden uns im Ausnahmezustand.“ Gross muss im Oktober gehen und wird durch Jens Keller ersetzt.

Gross konnte den Erfolg in Stuttgart nicht verstetigen

Doch wie kam es zu dem rätselhaften Absturz? Letztlich wurde dem kantigen Glatzkopf seine Sturheit zum Verhängnis. Vieles von dem, was nach seinem Amtsantritt im Dezember in die erfolgreichste Rückserie der Bundesliga-Geschichte mündete, zündete plötzlich nicht mehr. Doch Gross hielt an Taktiken, Praktiken und fragwürdigen Rochaden fest. Rätselhaft blieb, wie er zum Beispiel Serdar Tasci demontierte, wie er Sebastian Rudy durch den 34-jährigen Mauro Camoranesi ersetzte oder den jungen Sven Ulreich verunsicherte („Von ihm muss mehr Autorität ausgehen“). Kurz vor seiner Entlassung kamen all jene Themen gemeinsam mit der sportlichen Führung um Fredi Bobic und dem heutigen S04-Sportvorstand Jochen Schneider aufs Tapet.

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„Wir haben keine Lösungsansätze bekommen, aber Arbeit nach Vorschrift kann man in unserer Situation nicht machen. Man muss spüren, dass Power dahintersteckt“, kritisierte Sportchef Bobic, dem noch ein anderer Punkt bei Gross sauer aufgestoßen war: Dass der Schweizer wenige Monate zuvor mit dem auf Trainersuche befindlichen Hamburger SV und dem VfL Wolfsburg flirtete.

Gross‘ Rauswurf schien unumgänglich – passte aber nur in die damalige Hire-und fire-Politik der VfB-Bosse. Der Club befand sich auf ständiger Achterbahnfahrt, in der erstbesten Krise hieß es für den Trainer stets: Aussteigen, bitte!

Zehn Jahre später wagt sich der 66-Jährige an den nächsten schwierigen Fall. Wobei der FC Schalke, verglichen mit dem VfB von damals, wahrscheinlich die noch viel größere Herausforderung darstellt.

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