Porsche-Vorstandschef Oliver Blume hat den Taycan in Neuhardenberg (Brandenburg) vor einem der größten europäischen Solarparks vorgestellt. Die Anlage kann umgerechnet 48 000 Haushalte mit Strom versorgen. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Sportwagenhersteller Porsche startet mit dem Modell Taycan in eine neue Ära. Für den ersten reinen Elektrowagen wurde Zuffenhausen völlig umgekrempelt.

Stuttgart - Nach fast fünf Kilometern Fußmarsch auf dem Werksgelände ist Detlef Kron doppelt geplättet. „Es ist phänomenal, was sich hier in den letzten viereinhalb Jahren getan hat“, sagt der Leiter des Amts für Stadtplanung und Wohnen anerkennend. Porsche bringe „die nächste Evolutionsstufe seiner Sportwagen aus Zuffenhausen“, freut sich Kron wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung des Werks am Montag.

Die neuen Werksteile – Karosseriebau, Lackiererei, Achs- und E-Antrieb- sowie Fahrzeugmontage, insgesamt 170 000 Quadratmeter – seien herausragend. Damit meint Kron nicht die Höhe – Porsche produziert auf vier Stockwerken, was in der Autoindustrie unüblich ist –, sondern die Qualität. Die Stadt habe Nachhaltigkeitsvorgaben gesetzt, so Jürgen King, der Leiter des zentralen Bau-, Umwelt- und Energiemanagements bei Porsche, „und wir haben sie deutlich ausgeweitet“. Material der abgerissenen alten Hallen wurde an Ort und Stelle aufbereitet und wiederverwendet, es gibt 42 000 Quadratmeter Dachbegrünung, die Fabrik produziert CO2-neutral.

Porsche-Neubau genoss Priorität

Der vor der Übernahme durch Volkswagen einst größte Steuerzahler der Stadt genoss „bei uns erste Priorität, denn das Datum für den Produktionsbeginn stand schon vor drei Jahren fest“, so Kron. Um es zu halten, mussten Bebauungspläne aufgestellt und genehmigt werden. „Das ging zügig, dank der guten Zuarbeit und Kooperation der Bauabteilung von Porsche“, so Kron.

Es ging vergleichsweise geräuschlos, jedenfalls deutlich anders als 2004, als der Bau eines neuen Motorenwerks nach Anwohnerprotesten auf der Kippe stand. Die Stadtverwaltung taktierte damals wegen einer Entschädigung, Porsche ließ die Muskeln spielen, pries die unbegrenzten Ausbaumöglichkeiten am neuen Standort Leipzig. Am 23. Dezember fand der Streit damals nach einer Marathonsitzung mit Verwaltung und Anwälten ein glückliches Ende. „Die neue Produktion sichert die Vorrangstellung Stuttgarts als Hochtechnologiestandort und ist für die ganze Branche zukunftsweisend“, sagt Ines Aufrecht, die Leiterin der Wirtschaftsförderung im Rathaus.

Standortsicherung im Stadtteil

Die Standortsicherung schlechthin fand für Gerhard Hanus, seit elf Jahren hauptamtlicher Bezirksvorsteher im 39 000-Seelen-Stadtteil, im Jahr 2010 statt. Porsche zog damals für 200 Millionen Euro eine neue Lackiererei auf einer zuvor dem Anlagenbauer Dürr gehörenden Fläche hoch. Die Produktion der Ikone 911 und ihrer Ableger Boxster und Cayman am Stammsitz war damit zwar gesichert, aber immer rationellere Fertigung bedrohte Arbeitsplätze. Ergo trommelte der Betriebsrat, zuvorderst dessen Chef Uwe Hück, für eine dritte Baureihe. Sie bringt mehr als 1000 neue Arbeitsplätze.

Dass es ein Elektroauto werden würde, wusste damals keiner, lange war die Rede von einem Flitzer, der preismäßig unterhalb des Cayman (ab 55 500 Euro) einparken sollte. Die Wendung zum E-Auto dürfte Tesla geschuldet sein. Der Taycan kostet 152 000 oder als „S“ 185 000 Euro, natürlich ohne Sonderfarbe, Sonderräder und lederfreie Ausstattung. Auch bei Tesla zahlt man für ein Lenkrad ohne Leder Aufpreis.

Bemühen um Nachhaltigkeit

Inzwischen gibt es zu jedem Bauschritt in Zuffenhausen regelmäßige Anwohnerinformationen, „demnächst auch wieder“, sagt Hanus, das sei „gut gelaufen“, man erkenne das Bemühen um Nachhaltigkeit und darum, Mitarbeiter auf Bus und Bahn zu lenken. Stellplätze sind im und am Werk nach wie vor knapp, auch wenn laut Kron weitere Parkpaletten hinzukommen. Größere Klagen über den Werksneubau hätten sie nicht erreicht, sagt Christina Kolb vom Bürgerverein Zuffenhausen. Allerdings entwickle sich, gemessen an der früheren Nutzung, eine gewisse Monokultur.

Eingezwängt zwischen zwei Bahnlinien und Wohnsiedlungen war Expansion für Porsche in Zuffenhausen lange ein Fremdwort. Der Niedergang anderer Branchen (Alcatel/SEL), der Umzug von Dürr nach Bietigheim, die Aufgabe eines Getriebewerkes durch Mercedes (weil laut Hanus eine zusätzliche Gießerei nicht genehmigt werden konnte) öffneten Flächen jenseits der Bahnlinie zwischen Dürr- und Marconistraße. „Ein Glücksfall“, sagt Hanus. „Wir sind froh darüber, dass Porsche alles gekauft hat“, sagt Kron, denn Fabriken wie das alte SEL-Kabelwerk lagen über Jahre brach.

Fertigungskapazität steigt sprunghaft

700 Millionen Euro steckt Porsche in die Gebäude für seinen ersten Elektroflitzer. Es ist das größte Bauvorhaben in der 80-jährigen Standortgeschichte. Doch auch große Zahlen sind relativ: Bei 30 000 Vorbestellungen könnte die Investition bei porscheüblicher Rendite (2018: 16,6 Prozent) in zwölf Monaten erwirtschaftet werden. Bisher hat Porsche in Zuffenhausen maximal 60 247 Autos im Jahr gebaut. Durch den Taycan steigt die Kapazität im Dreischichtbetrieb auf 140 000 Stück.

Mit dem Auflauf der Serienproduktion am Montag ist der Ausbau nicht zu Ende. Eine neue Kantine sei in der Pipeline, die Niederlassung gegenüber dem Museum stehe der Montage im Weg, und leider könne man nicht direkt auf die Bahn verladen, „es fehlt nach wie vor an Platz“, sagt Kron. Entschieden ist, dass Porsche seinen Showroom auf den Pragsattel verlegt. „Stuttgart kann sich glücklich schätzen, dass die Entwicklung so gelaufen ist, es gibt zusätzliche Arbeitsplätze und zusätzliches Image, und der Wagen geht weltweit durch die Medien“, sagt Kron.

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