Gibt es in Esslingen soziale Brennpunkte? Der neue Sozialmonitor liefert Fakten über alle Stadtteile. Doch die Zahlen sprechen nicht für sich selbst.
Esslingen - Im Jahr 2009 hat Esslingen mit dem Sozialdatenatlas seinen ersten indikatorengestützten Bericht überhaupt vorgelegt. Entsprechend viel Aufmerksamkeit ist dem Atlas damals zuteil geworden, hat er der Verwaltung und den Akteuren in den Stadtteilen doch ein völlig neues Instrument für Entscheidungen mit an die Hand gegeben. Inzwischen ist dieses empirische Werkzeug nicht nur in die Jahre gekommen, es haben sich auch Lücken gezeigt. In dem neuen Sozialmonitor, den Sozialplanerin Monika Bradna nun im Sozialausschuss vorgestellt hat, gibt es deshalb eine weitere, vergleichende Komponente zwischen den Stadtteilen und der Stadt als Ganzes. „Oftmals verändert sich die Position eines Stadtteils im Ranking über die Jahre nur sehr träge, gleichwohl finden innerhalb des Stadtteils bedeutsame Veränderungen statt“, wie im Vorwort zum Sozialmonitor erklärt wird.
„Aus der Statistik können wir Tendenzen erkennen“, hob Sozialbürgermeister Yalcin Bayraktar die Bedeutung des Zahlenmaterials hervor. Der Monitor sei eine belastbare Grundlage in Prozessen zur Entscheidungsfindung. Die Entscheidung ab- oder vorwegnehmen könne der Sozialmonitor gleichwohl nicht. „Die Zahlen lenken den Blick und zeigen, wo man genauer hinschauen muss, sie sagen aber noch nichts aus über die Ursachen“, so Bradna. Vertiefende Analysen auch mit Akteuren vor Ort müssten folgen.
In einigen Bereichen fehlen Daten
In den Fokus nimmt der Monitor die Themen Demografie, Migration, Armut, Teilhabe und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Doch wie misst man die? Auf kommunaler Ebene ist das ein noch schwierigeres Unterfangen, weil Daten wie das Pro-Kopf-Einkommen, die als Indikatoren infrage kommen, oft nicht vorliegen. Auch in Esslingen ist das so, wie Sozialamtsleiter Marius Osswald einräumt.
Eine wichtige Kennzahl für Lebenschancen ist beispielsweise der Schulübertritt von der Grundschule auf das Gymnasium. Unter anderem weil es in Esslingen keine eindeutige Zuordnung der Schulbezirke zu Stadtteilen gibt, fällt dieses Kriterium weg. „Wir hätten sonst die falschen Schlüsse gezogen“, stellt Osswald klar. Ebenso im Bereich Kinderarmut und Altersarmut fehlen für Esslingen wichtige Daten. Die Hartz-IV-Zahlen lassen immerhin Aussagen für Jugendliche und Kinder bis 15 Jahren zu, denn die werden als sogenannte Bedarfsgemeinschaften ausgewiesen. Um die Lebenslage zu erfassen, gibt es aber auch immaterielle Einflussgrößen wie beispielsweise soziale Teilhabe, für die es Daten über die amtliche Wahlstatistik gibt, oder den sozialen Zusammenhalt.
Unterschiedliche Herausforderungen
„Über Indikatoren lässt sich trefflich streiten. Aber ich denke, wir haben welche gefunden, die unsere Fragestellungen gut abdecken“, sagt Marius Osswald über die Kriterien, zu denen weitere wie Altersgruppenverteilung, Arbeitslosigkeit, der Anteil von Ausländern oder Menschen mit Migrationshintergrund oder die Zahl der Familien- oder Einpersonenhaushalte zählen. Dass immer auf das Jahr 2012 Bezug genommen wird und nicht etwa auf 2009, hat technische Gründe und liegt daran, dass damals die Agentur für Arbeit die Weitergabe ihrer Daten umgestellt hat.
Insgesamt zeigt auch der Sozialmonitor 2020, was sich seit Jahren abzeichnet: Die Stadtteile in Tallage stehen tendenziell vor anderen Herausforderung als die in Halbhöhen- oder Höhenlage, heißt es in dem Bericht. Im Tal lebten oft mehr Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund und es gebe weniger Familien. In der Innenstadt sticht hervor, dass die Wohndauer abnimmt. Dagegen fällt in den Hanglagen auf, dass die Altersstruktur häufig unausgewogen ist und es durchschnittlich mehr Ältere gibt.
Stigmatisierung nicht hilfreich
Für Esslingen insgesamt stellt Sozialplanerin Bradna eine gewisse Beharrlichkeit fest: „Es gibt keinen Stadtteil, in dem sich die Situation komplett umgedreht hätte.“ Zudem sei die Stadt sehr heterogen, vor allem bei den Einwohnerzahlen sei die Spannweite enorm. Aussagen darüber, ob ein Stadtteil besonders große Probleme hat, macht Monika Bradna nicht. „Eine Stigmatisierung trägt nicht dazu bei, dass es positive Veränderungen gibt“, sagt sie. Sie plädiert außerdem dafür, sich die Indikatoren immer im Zusammenspiel anzuschauen. Ein hoher Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund allein sage beispielsweise noch nichts über den sozialen Zusammenhalt oder die Teilhabe aus.
Auch wenn der jüngste Sozialbericht gut 70 eng bedruckte Seiten mit zahlreichen Grafiken und Schaubildern für 30 Stadtteile umfasst – lesen wie in einem Buch kann man darin nicht unbedingt. Monika Bradna betont, dass man mitunter genauer hinschauen muss. So gibt es etwa die Stadtteile, in denen die soziale Lage sehr unterschiedlich ist, die zusammengefassten Daten aber ein verzerrtes, moderates Bild zeigen. Der Zollberg ist so ein Beispiel, wo sich östlich und westlich der Zollbergstraße eine Art Grenze ziehen lässt. Ähnlich verhält es sich auch in der Innenstadt Ost, wo sich die Viertel mit Hanglage (Mülbergerstraße) und Tallage (unterhalb des Ebershaldenfriedhofs) stark unterscheiden. Hier seien genauere Analysen notwendig. Auch sprechen relative und absolute Zahlen, etwa beim Migrantenanteil, eine unterschiedliche Sprache, je nachdem, wie groß der Stadtteil ist und von welcher Ausgangszahl man ausgeht. Das zeigen etwa die Beispiele von Liebersbronn und Mettingen Ost, wo der prozentuale Zuwachs fast gleich ist, sich die absoluten Zahlen mit 600 und 120 Personen aber deutlich unterscheiden.
Der Sozialmonitor 2020 ist auf der Homepage der Stadt Esslingen abrufbar.