Rammstein-Sänger Till Lindemann Foto: dpa

Die Hardrock-Gruppe veröffentlicht den ersten Song eines neuen Albums – und sorgt damit schon vorab für Ärger. Es geht um Deutschland, seine Geschichte – und die deutsche Identität.

Berlin - Mit einem Countdown geht eine zehnjährige Schaffenspause zu Ende. Am Donnerstag tauchte auf der Videoplattform Youtube ein Testbild aus alten Fernsehzeiten auf. Um 18 Uhr, wurde klar, gibt es die Premiere des Musikvideos zu „Deutschland“ zu sehen, der ersten Singleauskopplung des neuen Albums von Rammstein. Zehn Jahre nach der letzten Platte hatte sich die deutsche Hardrockband auf einzelne Konzerte und einen Kinofilm konzentriert. Neue Musik aber gab es keine. Nun also ein Vorgeschmack auf das siebte Studioalbum, das am 17. Mai erscheinen soll. Mehr als 170 000 Nutzer sehen zur Premiere das neunminütige Video an. Es ist eine Auseinandersetzung mit nationaler Identität – und mit der Geschichte Deutschlands geworden. In dem Film sind Szenen aus der DDR, aus der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch aus dem Mittelalter zu sehen – meist in Form von Kämpfen und Schlachten. Mit Blut und Feuer. Gewaltszenen, die so oder so ähnlich etwa in der deutschen Geschichte erlebt wurden.

Spielraum für Spekulation

„Deutschland, mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen“, singt Frontmann Till Lindemann. „Man kann dich lieben und will dich hassen.“ Immer wieder spielt er mit den grundverschiedenen Ansichten, mit denen eine deutsche Identität in politisch sehr linken und sehr rechten Kreisen bezeichnet wird. „Überheblich, überlegen“, heißt es da etwa, „übermächtig, überflüssig.“

Wie so oft lässt Rammstein damit Spielraum für Interpretation: nationalistischer Liedtext oder Distanzierung von braunem Gedankengut? So heißt es auch: „Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen. Meine Liebe kann ich dir nicht geben.“ Gleichzeitig spielt der Text auf die verpönten Strophen der Nationalhymne an: „Deutschland, Deutschland über allen.“

Holocaust als Marketingmittel

Überhaupt spielt das Dritte Reich eine große Rolle. Mit der Zeile „überraschend überfallen“ spielt die Band wohl auf den deutschen Überfall auf Polen an, den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Vier der Musiker treten im Video zudem als KZ-Häftlinge auf, die einen Galgenstrick um den Hals haben. Zunächst werden sie gehenkt, später erschießen sie die Nazis, die sie an den Galgen gebracht hatten. Einen Ausschnitt davon hatte die Band vorab zur Ankündigung der Single veröffentlicht – und hatte bereits damit am Donnerstag heftige Kritik ausgelöst.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erklärte, es gebe zahlreiche Künstler, die sich in ihren Kunstwerken auf eine würdevolle Art mit der Schoah auseinandersetzen. „Wer den Holocaust jedoch zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch.“ Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, äußerte sich ähnlich. Auch wenn Provokation zum Geschäft einer exzentrisch auftretenden Band gehört und Rammstein sich unter dem Strich politisch bewusst im Uneindeutigen bewegen – sie bleiben mindestens die Antwort schuldig, warum sie gerade die Szene mit KZ-Häftlingen für die Ankündigung des Liedes ausgewählt haben.

* In einer früheren Version hatten wir geschrieben, dass die ersten beiden Strophen des Deutschlandsliedes verboten sind. Das stimmt nicht. Wir haben dies korrigiert.

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