Faszinationen der Endlichkeit: Doris Knecht Foto: /www.corn.at Heribert CORN

Was macht eine alleinerziehende Mutter, wenn die Kinder ausziehen? Die Autorin Doris Knecht setzt der fliehenden Zeit „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ entgegen – einen Coming-of-Age-Roman, wie man ihn noch nicht gelesen hat.

Es gibt alle möglichen Formen von Übergangsritualen, religiöser und weltlicher Art. Ethnologen haben Praktiken junger australische Ureinwohner beschrieben, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden bestimmte Nahrungsregeln befolgen, die sie so schwächen, dass ihnen dabei alle Erinnerungen an ihre kindliche Existenz schwinden. Immer geht es darum, Veränderungen im menschlichen Leben zu markieren und zu bewältigen.

 

In der Literatur sind es Coming-of-Age-Romane, die den Raum des Übergangs bespielen, in dem sich die Ablösung von der Jugend vollzieht. Sie handeln vom Ausbruch aus den Fesseln der Gesellschaft, von Ekstasen aller Art, und nicht selten finden sich auch darin Nahrungsrituale, wenn man das Erproben bewusstseinserweiternder Substanzen dazu zählen möchte. Im Mittelpunkt stehen für gewöhnlich heranwachsende Protagonistinnen und Protagonisten zwischen der Geborgenheit oder den Einschränkungen der Kindheit und den Abenteuern des Kommenden.

Von da gesehen muss es sich bei dem neuen Roman der österreichischen Autorin Doris Knecht wohl um etwas anderes handeln. Hier geht es um eine Frau in den sogenannt besten Jahren, eine Umschreibung der Phase, in der man sich für Todesanzeigen zu interessieren beginnt: „Es gibt doch kaum etwas so Faszinierendes wie die Endlichkeit des Lebens und die Frage, was am Ende von einem übrig bleibt“.

Der Hund als Totem-Tier

Und doch ist „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ ein Coming-of-Age-Roman im besten Sinn, nur eben einmal andersherum. Denn er schildert jene Zwischenwelt nicht aus Sicht adoleszenter Akteure, sondern aus der einer alleinerziehenden Mutter, deren Kinder sich anschicken, die gemeinsame Wohnung zu verlassen und die sich nun damit auseinandersetzt, dass etwas zu Ende geht, und etwas Neues beginnt.

Womit man wieder bei den Riten des Übergangs angelangt wäre. Der Hund, der der Ich-Erzählerin zu Beginn ins Auto kotzt, lässt sich durchaus als Totem-Tier begreifen, das die bald abwesenden Kinder anwesend hält. Und schon im Titel ist das forcierte Vergessen mitgedacht, das im ethnologischen Sinn die Ablösung von einem überwundenen Zustand begleitet. Was natürlich erheblich mit der Idee einer Liste konfligiert, einer vollständigen zumal.

Und es bleibt nicht die einzige, in der Liste finden sich weitere: zum Beispiel eine mit Dingen, die die Ich-Erzählerin verloren hat, darunter ein Balkan-Trachtentuch, das ihr während einer Lesereise durch Deutschland im Zug abhanden kam: „Ersatzweise fand ich einen Mann, den ich dann auch wieder verlor, oder besser, irgendwann absichtlich liegen ließ.“ Wenn man gezwungen ist, eine zu große Wohnung, die man sich nach dem Wegfall der Unterhaltszahlungen für die gemeinsamen Kinder nicht mehr leisten kann, gegen eine kleinere zu vertauschen, ist es durchaus sinnvoll, eine Bestandsaufnahme durchzuführen, Listen zu schreiben: was ist da, was muss mit, was nicht.

Umzugskisten der Erinnerung

Unter Kapitelüberschriften wie Stichworten sammeln sich Abschnitte eines Frauenlebens, das anders verlaufen ist, als das der Geschwister: Ein Leben als Schriftstellerin auf windigem Posten, mit wechselnden Männern, die irgendwann verschwunden sind, ohne dass sie besonders fehlen würden, und Zwillingen, die sie alleine großgezogen hat und die geblieben sind – bis jetzt.

Mit Witz, Skepsis, Selbstkritik werden die Erinnerungen in die Umzugskisten der Erzählung einsortiert. Manches erscheint im Licht dieser Inventur anders als im Zug des früheren Aufbegehrens, das Verhältnis zu den Eltern. Manche Tür zu Hinterzimmern des Gedächtnisses blieb lange versperrt: wie durch einen Windstoß öffnet sich jetzt plötzlich die, hinter der die Neigung zu einer früheren Weggefährtin weggeschlossen war.

Vieles gibt die Autorin preis, die man so nennen kann, auch wenn man sie nicht mit Doris Knecht identifiziert: Drogenabenteuer, zwei Abtreibungen und den Baby Blues nach der Geburt ihrer Zwillinge, das Gefühl nur noch ein leerer Sack zu sein. Gegen die Gefahr, dieses Gefühl könnte sich nun bei fortschreitendem Coming-of-Age wiederholen, schreibt dieser literarische Übergangsritus an, mit einem bestrickenden Zauber, der sich aus abgeklärter Heiterkeit und einem zutiefst sympathischen Realismus speist. Das Leben erschöpft sich nicht im Mutter-sein. Statt dem horror vacui zieht in das neue Domizil eine erfrischende Selbstgenügsamkeit ein, ein zuversichtlicher Mut, wie man ihn wohl braucht, wenn man sich traut, einem Memoir die Gestalt einer Liste des Vergessens zu geben.

Irgendwann hat auch der Hund gelernt, im Auto nicht mehr zu kotzen, wenn es von einem Ort zum anderen geht. Und ab und an klingelt eines der Zwillinge oder beide zusammen an der Tür – „weil sie den Hund so vermisst haben; nicht mich, aber das ist schon okay so.“ Das Leben geht weiter – jetzt erst recht.

Doris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe. Hanser Berlin. 240 Seiten, 24 Euro.

Info

Autorin
Doris Knecht, 1966 in Vorarlberg geboren, ist Kolumnistin (u. a. beim Falter und den Vorarlberger Nachrichten) und Schriftstellerin. Sie lebt in Wien und im Waldviertel.

Werk
Der erste Roman von Doris Knecht, „Gruber geht“ (2011), war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde fürs Kino verfilmt. Zuletzt erschienen „Wald“ (2015), „Alles über Beziehungen“ (2017), „weg“ (2019) und „Die Nachricht“ (2021). Die Verfilmung von Wald kommt im Herbst 2023 in die Kinos. Sie erhielt den Literaturpreis der Stiftung Ravensburger und den Buchpreis der Wiener Wirtschaft.