In seinem neuen Roman zieht Bodo Kirchhoff alle Register, um als männlicher Autor zu zeigen, was der Titel verheißt: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“.
Irgendwann stellt Terese eine Liste mit den Dingen zusammen, die sie im Alter, in den kommenden Jahren, womöglich allein, auf keinen Fall tun will: „Sie wird nie einen Verschönerer an ihr Gesicht lassen, was immer daraus werden mag. Sie wird sich auch nie, sollte sie noch Großmutter werden, ein Elektrorad mit Kinderrammbock zulegen.“ Und auf gar keinen Fall wird sie ihre Lebenserfahrung in ein Buch stopfen. So wie ihr Mann Viktor, seinem Namen zum Trotz ein Friedensforscher, der, kaum im Ruhestand, begonnen hat, sich in literarischer Form auszumalen, wie eine Welt ohne Waffen aussehen könnte.
Für die Recherche hat er sich nach Indien aufgemacht. Weshalb es die attraktive Endsechzigerin für möglich hält, die nächsten Jahre alleine zu verbringen, hat hier seinen Grund. Denn sie ist wütend. So sehr, dass sie zwar beschließt, ihm nachzureisen, aber nur, um zu klären, ob Viktor, genannt Vigo, noch der Mann ist, mit dem sie zusammen alt werden will.
Terese ist Psychologin und Protagonistin des neuen Romans von Bodo Kirchhoff, in den der Altmeister für Beziehungsgeschichten seine gesamte schriftstellerische Lebenserfahrung gepackt hat.
Der Titel fasst zusammen, um was es geht: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“. Und wollte man eine Liste aufstellen, welche Bücher man in der nächsten Zeit, egal unter welchen Umständen, noch lesen sollte, dürfte er darauf nicht fehlen. Dies vorauszuschicken ist sinnvoll, sonst könnte es passieren, dass man sich von dem ambitionierten Projekt dieses Altersromans einschüchtern lässt und gar nicht erst bis nach Mumbai kommt, wo Terese statt ihres Manns den um vieles jüngeren, gut aussehenden, langhaarigen Besitzer eines Guesthouses trifft.
Es braucht eine Weile, bis man sich auf den rückwärtsgewandten Bewegungsmodus, in dem sich die Geschichte entwickelt, eingestellt hat. Jede Erfahrung, jede Berührung, jede Entdeckung im Moloch der indischen Metropole löst eine Flut aus Erinnerungen aus. Sie führen zurück in Tereses Herkunft aus einem Schwarzwalddorf nahe Freiburg, in die Anfänge ihrer Beziehung zu dem sprachgewandten Welt- und Kriegserklärer Vigo, und in die existenzielle Affäre mit ihrem Doktorvater, einem Intellektuellen der Frankfurter Schule, dessen sentenzweise eingespielte tragische Kasuistik der Liebe den Ton vorgibt für die vorgeführten Bravourstücke erotischer Reflexionsbereitschaft. Wenn dieser Roman eine Schwäche hat, dann die, eben dieser Meisterschaft allzu demonstrativ die Zügel schießen zu lassen. Manche der Nahaufnahmen aus dem Gefühlsleben einer Frau sind so hochauflösend überladen, dass dabei das große Ganze aus dem Blick gerät, auf das sie eigentlich angelegt sind: die Überblendung individueller Erfahrung mit dem für eine Zeit Charakteristischen, die Spiegelung von gesellschaftlichen Verhältnissen in solchen der symbolischen Ordnung, die Verknüpfung gelebter Vergangenheit mit einer offenen Zukunft und den Kriegsschauplätzen der unmittelbaren Gegenwart – Ukraine, Gaza, Iran.
Der Pazifist als Waffennarr
Seine Stärken liegen in dem, was trotzdem passiert: Passagen durch verrufene Gegenden der indischen Megastadt, Begegnungen mit einem Schweizer Waffenhändler am Ende der Welt oder Gesellschaftspanoramen wie das groteske Ritual in einem Londoner Tea Salon, wo sich Terese fühlt „wie in einer geschlossenen Abteilung für Teetrinkende in Hochzeitskleidern“.
Hier verkündet die Tochter, eine Investmentbankerin mit autistischen Zügen, dem nur vorübergehend wieder zusammengeführten Paar ihre Verlobung mit einem Bundeswehr-Major, der in Litauen die Nato-Ostflanke verteidigt – ausgerechnet. Auf dem Konfliktfeld der Liebe wird mit anderen Mitteln gekämpft als auf den Schauplätzen, die Vigos „Abrüstungstänzchen“ motivieren. Aber überall verschieben sich Grenzen: Der Pazifist erweist sich zunehmend als verkappter Waffennarr; die Therapeutin, die auf die inneren Verletzungen des Zusammenlebens spezialisiert ist, versagt bei der eigenen Tochter. Der Überlegenheit der gestalterischen Mittel steht die Brüchigkeit der menschlichen Verhältnisse gegenüber, die sie zur Anschauung bringen. Während sich junge Leserschichten in blumigen Romantasy-Oasen verlieren, sind die Liebeswirren in den reifen Hochlagen der Literatur von Leuten bestimmt, die außer mit ihren Gefühlen mit Harndrang zu kämpfen haben, die manches Wort nicht mehr parat haben und deren große Passion im Rollator ausläuft.
Doch entgegen dem schnelllebigen Vergnügen der Jugend, auf das auch Terese zurückblickt, wird hier mit dem Verstreichen der Lesezeit alles immer fesselnder und beziehungsreicher. Was anfangs unter jener Vollgestopftheit mit Lebenserfahrung zu ächzen scheint, erweist sich als Voraussetzung fortschreitender literarischer Erfüllung. Bodo Kirchhoff hat über den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan promoviert. Dessen Fading Theorie beschreibt, wie das Subjekt im Sprechen und Begehren verschwindet. Man muss das nicht im Einzelnen verstehen. Nur soviel: In einer einsamen Bucht in Goa erläutert Vigo dem auf Kolibri-Drohnen spezialisierten Schweizer Waffenhändler mit jener Theorie der Verflüchtigung seine Hoffnung, immer kleinere Waffen könnten irgendwann auf ihr endgültiges Verschwinden hinauslaufen.
Große Passion im Rollator
Aber liest man hier überhaupt einen Roman von Bodo Kirchhoff und nicht vielmehr einen von Tereses Mann? Gut möglich, dass das Buch, an dem er schreibt, nicht von einer Welt ohne Waffen handelt, sondern von dem Verschwinden seiner Frau aus einer männlich dominierten symbolischen Ordnung. Tereses Fading aber führt an einen Ort jenseits der Männergeschichten und der ihnen innewohnenden Gewalt. Das wiederum erzählt haben zu können, ist allerdings ein Geniestreich des Autors Bodo Kirchhoff.
Bodo Kirchhoff: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt. Kiepenheuer & Witsch. 576 Seiten, 28 Euro.
Info
Autor
Bodo Kirchhoff wurde 1948 in Hamburg geboren und wuchs in Süddeutschland auf. Er studierte Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Er promovierte mit einer Arbeit über den Psychoanalytiker Jacques Lacan. Nach einer kurzen Tätigkeit als Heilpädagoge wurde er Schriftsteller. Er lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee, wo er Schreibseminare gibt.
Werk
Nach den gefeierten Romanen „Die Liebe in groben Zügen“ (2012) und „Verlangen und Melancholie“ (2014) wurde Bodo Kirchhoff 2016 für seine Novelle „Widerfahrnis“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. In seinem mutigen Erinnerungsbuch „Dämmer und Aufruhr“ (2018) erzählt Kirchhoff von den sexuellen Turbulenzen, denen er sein Schreiben abgerungen hat. Zuletzt erschien der Roman „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“.