Er ist auf der Langstrecke zu Hause – privat mit dem Rennrad, beruflich mit dem Auto. Anton Saile braucht auch als Polizeipräsident einen langen Atem. Seit Dezember leitet er das Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen.
Göppingen - Der Pflasterstein auf dem Schreibtisch dient als Briefbeschwerer. Der Stein ist nicht irgendein Granitblock, sondern hat Geschichte. „Er war damals ein Beweisstück in meiner ersten Funktion im höheren Dienst“, erzählt Anton Saile. Das war 2001 unter Ministerpräsident Erwin Teufel. Der Stein sei bei einer Demonstration geworfen worden, habe einen Kollegen verletzt. Er war buchstäblich Stein des Anstoßes, dass man seitdem Einsatzfahrzeuge mit Scheiben ausstattet, die nicht splittern.
Nachfolger von Ralph Papcke
Seit gut 20 Jahren begleitet dieser als Beweisstück gekennzeichnete Pflasterstein Saile und hat jetzt auch einen Platz in seinem neuen Büro bekommen. Der 56-Jährige sitzt seit Anfang Dezember auf dem Chefsessel des Polizeipräsidiums (PP) Einsatz in Göppingen – als Nachfolger von Ralph Papcke, der sich in den Ruhestand verabschiedet hat. Einarbeiten muss sich der frühere Vizepräsident nicht. „Ich habe bereits seit Sommer die wesentlichen, wegweisenden Entscheidungen getroffen. Der Übergang war fließend“, sagt Saile.
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So nah wie sein altes und sein neues Büro liegen, so gleichbleibend seien die Themen und Probleme, sagt der neue Chef. „Personal, Personalausstattung und Haushalt, das sind die Fragen, die jeden Polizeipräsidenten umtreiben“, meint Anton Saile. „Von jedem kann man nicht genug haben.“
Der neue Mann an der Spitze der Schaltzentrale für das ganze Land hat sich vorgenommen, ein offenes Ohr für die Sorgen und Bedürfnisse seiner Mitarbeiter zu haben: „Ich wünsche mir, dass die Kollegen zu mir kommen, wenn sie meinen, dass ich der richtige Ansprechpartner bin.“ Auch wenn der Terminkalender eines Präsidenten voll ist, will Saile im Austausch sein – nicht nur mit der Führungsriege, sondern auch mit den operativen Kräften. Einfach sei das zwar nicht, weil die Kollegen über das ganze Land verteilt sind und Corona alles erschwert. Saile hat sich aber trotzdem dazu entschieden, die Standorte von Bruchsal bis an den Bodensee abzufahren und sich sehen zu lassen.
Er wünscht sich, dass weiter modernisiert wird
Die Zeit bis Weihnachten braucht der Polizeipräsident am Schreibtisch. „Es ist ein typischer Dezember. In der Vorweihnachtszeit ist einfach immer mehr Stress und Hektik“, sagt er. Der Haushalt muss abgeschlossen, Beschaffungen zu Ende gebracht, die Planung für das neue Jahr angegangen werden. „Und ich muss Dutzende von Beförderungen unterschreiben – das ist eine tolle Aufgabe“, meint der 56-Jährige und lacht.
Und wo sieht er die Hauptaufgaben für die kommenden Jahre? Saile drückt es vorsichtig aus: „Ich würde mir wünschen, dass es mit der Modernisierung weitergeht.“ Auf dem Gelände an der Heininger Straße habe ein „wahnsinniger Investitionsstau“ geherrscht, der nun Schritt für Schritt abgebaut werde. „Wir sind auf einem guten Weg, müssen aber weiter durchhalten.“
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Was das Personal betrifft, macht sich Saile wie sein Vorgänger Papcke aktuell keine Sorgen: „Wir sind ein lukrativer Arbeitgeber und bieten ein interessantes Betätigungsfeld.“ Das betreffe nicht nur das Präsidium Einsatz, sondern die Polizei insgesamt. Gleichwohl habe sich die Arbeit während der Pandemie verändert: Haben in Nicht-Corona-Zeiten Fußballeinsätze viele Kräfte gebunden, sind es heute Corona-Regelkontrollen und Querdenker-Demos, die die Beamten fordern. „Wenn wir die Einsatzauslastung betrachten, sind wir an der Grenze der Leistungsfähigkeit“, betont Saile.
Was Ermittlungsverfahren betrifft, beispielsweise im Drogenmilieu, habe sich nicht viel verändert. Die Cyberkriminalität spiele jedoch eine immer größere Rolle, Banküberfälle gebe es kaum noch, dagegen nähmen Bitcoin-Betrügereien zu. Überhaupt müsse die Polizei am Puls der Zeit bleiben, sagt Saile. „Früher habe ich eine Tür mit meinen 83 Kilo geöffnet, in zehn Jahren wird das mit Alexa möglich sein“, sagt er, um zu verdeutlichen, wie flexibel die Polizei sein muss. Dass Respektlosigkeit und Radikalisierung immer mehr zunehmen und die Corona-Pandemie die Gesellschaft spaltet, bereitet Saile Sorgen. Gleichzeitig ist er froh und auch ein bisschen stolz, dass knapp 90 Prozent seiner Mitarbeiter geimpft ist.
Hauptsache gesunde Kolleginnen und Kollegen
Hat sich der neue Präsident Ziele gesteckt für seine Zeit an der Spitze des PP Einsatz? „Ich möchte gerne das Dienstleistungsangebot verbessern und unser Know-how noch mehr einbringen, um Einsatzlagen vorzuplanen.“ Das Wort „Einsatz“ im Namen des Polizeipräsidiums sei auch ein stückweit Identität, „da können wir noch besser werden“, sagt Saile überzeugt. „Das ist ein ständiger Prozess, das muss wachsen.“ Ein weiterer Punkt sei die Finanzausstattung: „Ich muss mich darum kümmern, dass es so bleibt und der Etat nicht so reduziert wird, dass wir Probleme bekommen.“ An oberster Stelle stehe aber, „dass die Kollegen gesund vom Einsatz zurückkommen“.
Anton Saile hofft, dass er bis zu seiner Pensionierung dem „interessantesten und schönsten Polizeipräsidium“ vorstehen darf. Auch wenn er dafür jeden Tag aus seinem Heimatort in der Nähe von Nagold nach Göppingen fährt – morgens um vier Uhr aufstehen inklusive. Kraft tankt der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder beim Rennradfahren mit seiner Frau. 12 000 bis 15 000 Kilometer kommen da im Jahr zusammen, vorzugsweise in den Alpen in Tirol und Südtirol – das Ziel immer vor Augen. „Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der eher nach vorne schaut und nicht zurück.“
Zum Ausgleich auf dem Rennrad in den Alpen
Beruf
Anton Saile trat 1985 in den Polizeidienst ein. Nach Stationen im Innenministerium und als Leiter des Polizeireviers Tübingen wurde der heute 56-Jährige Leiter des Lagezentrums im Referat Einsatz, Lagezentrum und Verkehr im Innenministerium. Im Zuge der Reform wechselte er 2014 zum Präsidium Technik, Logistik, Service der Polizei und wurde dort Leiter der Abteilung Einsatztechnik. 2019 schließlich kam Saile zum Polizeipräsidium Einsatz nach Göppingen und wurde zum Polizeivizepräsidenten ernannt.
Privat
Saile wohnt in der Nähe von Nagold. Er ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. In der Freizeit fährt er Rennrad in den Alpen.