Verschenkter Platz unter dem Beton? So sieht die Paulinenbrücke in Stuttgart heute aus. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Manchen gilt die Paulinenbrücke als Ausgeburt der Hässlichkeit, anderen als das einzig Großstädtische an Stuttgart. Die Situation dort schreit auf jeden Fall nach Veränderung. Doch die Aufgabe ist unbequem.

Stuttgart - Die Misere unter der Paulinenbrücke ist mit Händen zu greifen – und zu riechen. An manchen Stellen wabert unangenehmer Uringestank. Nachts ist die Atmosphäre so, dass Parkplatzbenutzer auf dem Weg vom Auto zur Innenstadt oder anders herum unwillkürlich über ihre Schulter schauen: Könnte von dunklen Gestalten womöglich Unbill drohen?

Auch sonst regiert hier vor allem Tristesse. „Unter der Brücke müsste was anderes stattfinden als Parken“, sagt der für Stuttgart-Mitte zuständige Stadtplaner Wolf Gläser. Er hat den Fall 2015 übernommen, inzwischen die Federführung aber an den für Stuttgart-Süd zuständigen Kollegen abgegeben. Rainer Dörr lässt wissen, in nächster Zeit stünden „Abstimmungsgespräche“ an. Das ist nötig, weil es viele Beteiligte gibt: das Tiefbauamt wegen der Parkplätze und etwaiger Baumaßnahmen, das Gartenamt wegen möglicher Pflanzungen, das Stadtplanungsamt wegen der notwendigen Pläne.

Wohin will eigentlich die Verwaltung?

Einen gemeinsamen Kurs gibt es noch nicht. Einen Zeitplan auch nicht. Der Druck ist aber gewachsen, denn einem Antrag des Stadtisten Ralph Schertlen haben sich CDU, SPD, SÖS/Linke-plus, FDP und Freie Wähler angeschlossen. Demnächst wird die Verwaltung ihn beantworten müssen. Vielleicht werde man sich vom Gemeinderat einen Handlungsauftrag geben lassen, sagt Städtebaubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Denn die Frage über die Zukunft der Paulinenbrücke sei eine politische.

Aber wohin will eigentlich die Verwaltung? Früher sind verschiedentlich Pläne gezeichnet worden. Auch Architekturstudenten steuerten Ideen bei. Dennoch liegt nichts in den Schubladen, was man einfach umsetzen könnte. Ideen kursieren aber viele; vor allem, seit die Bürgerinitiative Stadtlücken im Oktober 2016 einen Souvenirshop und Infostände aufbaute, um auf die Chancen aufmerksam zu machen. Im Gespräch sind Läden auf Zeit, die ähnlich wie die Fluxus-Läden in der Calwer Passage wohl an zentraler Stelle organisiert werden müssten. Auch von Musikproberäumen und Konzertflächen für Jugendliche ist die Rede. Vorbilder, die die Verwaltung in Wien, New York und unter S-Bahn-Bauwerken in Berlin ausgemacht hat, lassen auch Bars, Clubs oder Antiquariate denkbar erscheinen. Dafür bräuchte man aber sicherlich Einbauten, entweder aus festem Mauerwerk oder Glas.

Alles hängt davon ab, welche Zukunft man der Brücke gibt. Schon 2009 wurde im Rathaus diskutiert, ob man auf den Abriss hinarbeiten sollte. Eine Mehrheit dafür gab es aber nicht. Der damalige OB Wolfgang Schuster (CDU) und Verkehrsplaner Stephan Oehler neigten auch zur Erhaltung. Später wurde schließlich mit dem Betreiber des 2014 eröffneten Einkaufszentrums Gerber vereinbart, die Brücke mindestens 15 Jahre lang zu erhalten.

Abriss hätte Symbolcharakter

Der Abriss hätte ähnlich wie der Bau in den Jahren 1959 bis 1962 Symbolcharakter – nur anders herum. Damals signalisierte das Vorhaben, dass Stuttgart für den Autoverkehr einen leistungsfähigen Cityring bauen wollte. So wurde die Paulinenbrücke einer der Straßenbauten, mit denen man dem Automobilzeitalter sogar über bestehende Straßen hinweg eine größere Schneise schlug. Die Pläne für weitere Hochstraßen wurden verworfen. Ein Abriss könnte jetzt wiederum als Signal gedeutet werden, dass Stuttgart mit mehr Konsequenz vom Konzept der autogerechten Stadt abrückt.

Mit 2,22 Millionen Euro wie beim Brückenbau (damals waren das rund 4,35 Millionen Mark) wäre es aber nicht mehr getan. Der bloße Abriss, hatte die Verwaltung 2009 vorgerechnet, würde sieben Millionen Euro kosten, mit den Folgekosten für einen ebenerdigen Straßen- und Kreuzungsbau wären 25 Millionen Euro fällig. Städtebauliche Probleme kämen hinzu: Eine ebenerdige Paulinenstraße würde die Tübinger Straße zerschneiden – Stuttgarts wichtigster Radweg. An den Rändern der dann tiefer liegenden Paulinenstraße müssten Gehwege und wohl auch Radfahrmöglichkeiten geschaffen werden. Doch zwischen der Brücke und diversen Gebäuden gibt es heute keine entsprechenden freien Flächen. „Ich kann mit der Brücke leben“, sagt denn auch Bürgermeister Pätzold, „ich würde lieber den Platz unter der Brücke gestalten.“

Bezirksvorsteher denkt an Kunst und Kultur

Raiko Grieb, Bezirksvorsteher im Stuttgarter Süden, wünscht sich, dass diese Idee schon weiter gediehen wäre. Aber erst mal müsse die Stadt der Parkplatzpächterin bis Ende Dezember zum 31. März kündigen, wenn man über die Fläche verfügen wolle, so Grieb. Bis dann Umbaumaßnahmen möglich werden, würde der Bezirksvorsteher die Fläche gern „ohne große Veränderung“ durch die Bürgerinitiative Stadtlücken bespielen lassen. Er könnte sich einen „mobilen Markt“ vorstellen, später Kunst und Kultur, zumal die Wagenhallen für eine längere Sanierungszeit wegfallen. Griebs Ziel: „städtisches Leben anstelle dieser Wüste“. So könnte die Brücke zu einem „Markenzeichen der Stadt“ werden.

Auf der anderen Seite der Tübinger Straße wird sich unter der Paulinenhochstraße schon früher etwas tun. Das dürfte den Status quo in Sachen Brücke zementieren. Wie zwischen dem Einkaufszentrum Gerber und der Paulinenbrücke soll nun auch auf der Brückenseite zum Rupert-Mayer-Platz eine Treppe entstehen. Die Arbeiten sind von Mai bis Oktober vorgesehen, sagt Jochen Hutt vom Tiefbauamt. Die rund 580 000 Euro dafür sind im Haushalt vorhanden.

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