Wer schnelle Hilfe braucht, wählt normalerweise die 110 oder 112 – doch das kann nicht jeder. Eine neue Alternative per SMS ist hoch umstritten Foto: dpa

Wer in einer Notsituation am Telefon nicht sprechen oder hören kann, hat bisher nur die Möglichkeit eines Notfall-Fax. Das Land will demnächst einen Notruf per SMS einführen. Doch Gehörlosen-Verbände sprechen sich dagegen aus – und fordern Alternativen.

Stuttgart - Ein Autounfall, ein Sturz, ein Überfall – es kann jeden treffen. In einem solchen Fall muss schnellstmöglich ein Rettungswagen, die Feuerwehr oder die Polizei her. Normalerweise wählt man dafür die Notrufnummer 112 oder 110. Doch das ist nicht allen möglich. Wer gar nicht oder schlecht hört, nicht sprechen kann oder aus sonstigen Gründen nicht in der Lage ist, eine Nummer zu wählen und ein Telefonat zu führen, steht vor großen Schwierigkeiten. Millionen Menschen in Deutschland sind davon betroffen.

Bisher gibt es in Baden-Württemberg als Alternative nur die Möglichkeit, an die üblichen Notrufnummern ein Fax zu schicken. Dafür gibt es spezielle Vordrucke, die besonders von gehörlosen Menschen genutzt werden. Allerdings lässt sich diese Lösung nur anwenden, wenn ein Faxgerät in der Nähe ist und der Betroffene noch in der Lage, das Formular auszufüllen und abzuschicken.

Das Land will deshalb in den nächsten Wochen mit einer Alternative an den Start gehen. Um eine Notrufverbindung laut Gesetz handle es sich dabei allerdings nicht, teilt das Innenministerium in einer Antwort auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Werner Raab mit. Es handle sich lediglich um eine Ergänzung zum Notruf-Fax, „das nach wie vor vorrangig einzusetzen ist“. Die SMS-Nothilfe werde „gemäß Vereinbarung mit dem Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg sowie dem Deutschen Schwerhörigenbund eingerichtet“.

Jetzige Lösung „viel zu kompliziert“

Die beiden großen Landesverbände lehnen das SMS-Konzept allerdings rundweg ab. Das letzte Gespräch im Ministerium sei 2013 gewesen, sagt Marcel Karthäuser, Vorsitzender des Landesverbands des Schwerhörigenbunds. „Daraus habe ich mitgenommen, dass man sehr konstruktiv an Lösungen mit den Betroffenen arbeiten möchte.“ Die jetzige Lösung sei aber „viel zu kompliziert“, die begleitenden Informationen „nicht gerade übersichtlich gestaltet“.

Die SMS-Nothilfe sieht vor, dass im Notfall eine Kurznachricht getippt wird. Sie soll Name, einen Hinweis auf eine Hörbehinderung, Informationen dazu, was passiert ist, zum Ort und zum eigenen Standort enthalten. An die 110 oder 112 kann die SMS allerdings nicht geschickt werden. Vielmehr gibt es für die Polizei eine zwölfstellige Nummer aus allen Mobilfunknetzen. Für Feuerwehr und Rettungsdienste sind gar unterschiedliche Nummern aus den verschiedenen Netzen notwendig – bis zu 15 Stellen lang. Eingehen sollen die SMS aus dem ganzen Land zentral bei Polizei und Feuerwehr in Stuttgart.

Der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg lehnt das System ebenfalls ab und hat dazu eigens eine Stellungnahme verfasst. Eine SMS-Nothilfe sei „kein barrierefreier Notruf“, heißt es darin. Das Konzept habe „gravierende Mängel“. So könne man keine SMS an die üblichen Notrufnummern schicken, man wisse nie, wie lange eine Kurznachricht brauche, bis sie den Empfänger erreicht, und es gebe nicht überall Netzabdeckung. Zudem sei das komplizierte Verfassen einer SMS in vielen Notfallsituationen schlicht nicht möglich.

Verband will leicht bedienbares System für Smartphones

Beide Gehörlosenverbände schlagen andere Lösungen vor, die in ihren Augen gesetzeskonform und damit echte Alternativen zum herkömmlichen Notruf wären. Der Landesverband der Gehörlosen arbeitet seit längerer Zeit mit einem Expertenteam zusammen und will am nächsten Mittwoch anlässlich des europäischen Notruftags sein Konzept vorstellen. Es geht dabei um ein leicht bedienbares System für Smartphones. „Dieses System ist startbereit und wäre zeitnah in ganz Baden-Württemberg einsetzbar“, so der Verband.

Auch der Schwerhörigenbund verfügt bereits über ein ähnliches System eines Privatanbieters. Es steht allerdings nur kostenpflichtig zur Verfügung. Dabei werden viele Daten des Nutzers beim Anbieter hinterlegt. Im Notfall genügt es, einen von mehreren Knöpfen der App zu drücken, je nachdem, ob man medizinische Hilfe benötigt oder sich in Gefahr befindet. Der Anbieter ortet den Betroffenen und schickt Hilfe. „Grundsätzlich sehen wir aber das Land Baden-Württemberg mit dem hoheitlichen Rettungsauftrag in der Pflicht, einen für alle hörbehinderte Menschen kostenlosen Notruf zu ermöglichen“, sagt Karthäuser.

Er will sich dafür einsetzen, dass der Dialog mit dem Ministerium „wieder in Gang kommt“. Das könnte schon bald passieren. „Die Landesverbände der Gehörlosen sowie der Schwerhörigen waren bereits 2012 in das Projekt Gehörlosennotruf mit dem Teilbereich SMS-Nothilfe eingebunden und wurden über die Planungen informiert“, sagt ein Sprecher des Innenministeriums zwar. Aber nachdem die Pläne jetzt abgelehnt würden, wolle man „den Themenkomplex nochmals erörtern“. Hierfür habe die Polizei in Absprache mit dem Ministerium die Verbände zum Austausch eingeladen. Man wolle dabei über Lösungsansätze reden. Damit die Betroffenen nicht ungehört bleiben.

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