Multinational: Das neue Nato-Kommando in Ulm Foto: Bundeswehr

Die Nato ist ein Überlebenskünstler. Oft für tot erklärt, passt sie sich stets neuen Gefahren an. Und sichert so den Frieden in Europa. Wie sie das gerade wieder tut, lässt sich in Ulm besichtigen.

Washington/Ulm - Am Anfang der Nato waren sechs gewaltige Säulen: Fast 20 Meter ragen sie unter der Vorhalle des Mellon Auditoriums in Washington in die Höhe. Dasselbe Bild auch drinnen: In der riesigen Aula wieder hohe Säulen, eine noch höhere Decke mit vergoldeten Schnitzereien und übergroßen Metallleuchtern. Alles in dem Bau direkt an der Museumsmeile der Hauptstadt atmet den Machtanspruch der USA. „Ich arbeite gerne hier“, meint Jaime Ward von der Agentur Eventemissary bei einer Führung. „Aber nicht viele Leute kennen die historische Bedeutung des Gebäudes.“

Eine lange Geschichte hat auch Ulm als Garnisonsstadt. Auf dem Michelsberg liegt die Wilhelmsburgkaserne der Bundeswehr. Dort am Stadtrand ist die neue Nato am Werden. Die Allianz reagiert damit auf die aggressive Politik Russlands, darunter die Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim und die Unterstützung pro-russischer Separatisten in der Ostukraine. Aber bloß keine Aufregung – „es wird keine größere oder geringere Bedrohung sein als heute“, hatte der Befehlshaber, Generalleutnant Jürgen Knappe vor einiger Zeit schon mit Blick auf Ulm erklärt.

Bollwerk gegen die Sowjetunion

Zurück zu den Säulen in Washington. Ein Tourist aus Minnesota, der draußen zum Fotografieren niederkniet, sagt zu seiner Frau: „Liebling, da wird die US-Verfassung aufbewahrt.“ Er verwechselt den Bau mit dem Nationalarchiv drei Blocks weiter. Seit Mitte der 30er Jahre dient dieses Auditorium der US-Regierung als Ort für große Feiern. Präsident Donald Trump hatte dort seinen Ball zur Amtseinführung, Finanzminister Steven Mnuchin seine Hochzeit. Und genau dort auf der Bühne, vor Farnen und Fahnen unterzeichneten am 4. April 1949 die Außenminister und Botschafter der zwölf ersten Mitglieder den Nordatlantikvertrag – bis heute Grundlage der Nato.

In seiner kurzen Ansprache damals brachte US-Präsident Harry S. Truman die Hoffnung zum Ausdruck, dass der Pakt „einen Schild gegen Aggression und die Furcht vor Aggression schaffen werde“. Konkret meinte er damit den Expansionsdrang der Sowjetunion unter Josef Stalin. Kern der Nato bis heute: das Beistandsversprechen der Verbündeten im Artikel 5, wonach „ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird“.

Sofortige Wirkung

Militärisch hatte das Bündnis zunächst nicht viel zu bieten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Verbündeten rasch abgerüstet und – im Falle der USA – das Gros der Truppen aus Europa abgezogen. Deshalb, vermerkt der damalige US-Außenminister Dean Acheson in seinen Memoiren, die unfreiwillig-realistische Note bei der Unterzeichnung 1949: Um den versammelten Würdenträgern das Warten zu verkürzen, spielte das Orchester der Marines zwei Lieder aus dem damals populären Musical „Porgy und Bess“ von George Gershwin – „ich habe viel von nichts“ und „es ist nicht zwangsläufig so“.

Das neue Verteidigungsbündnis entfaltete trotzdem sofort Wirkung: Vier Wochen nach der Gründung hob Stalin die Berlin-Blockade auf. Die ersten 40 Jahre diente die Nato als Bollwerk zur Abschreckung der sowjetischen Bedrohung. Ihr erster Generalsekretär, Lord Ismay, definierte lässig, die Rolle des Bündnisses sei es, „die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten“. Zwar verlor der Ausspruch mit Blick auf Deutschland an Gültigkeit. Im Mai 1955 trat die Bundesrepublik der Nato bei. Dem Bündnis gelang es aber, im Kalten Krieg den Frieden zu bewahren, Westeuropa vor dem Kommunismus zu schützen, und nach dessen Zusammenbruch bei der Stabilisierung von Mittel- und Osteuropa zu helfen. Es folgte eine Serie von Einsätzen im internationalen Krisenmanagement vom Balkan bis nach Afghanistan.

Heute hat die Nato 29, mit Nordmazedonien bald 30 Mitglieder, darunter sieben Staaten des früheren Gegners Warschauer Pakt. Doch die Geburtstagsparty wird bescheiden ausfallen: nur ein eintägiges Treffen der Außenminister am 4. April in Washington ist geplant. Die Nato möchte eine Wiederholung des Zusammenpralls Trumps mit den Europäern wie beim Brüsseler Gipfel 2018 vermeiden. Damals fiel Trump, der öfter zu verstehen gab, wie wenig er von der Nato hält, vor allem über Deutschland her, weil es, anders als zugesagt, weit davon entfernt ist, bis 2024 zwei Prozent des Bruttosozialprodukts für Verteidigung auszugeben.

Bis zu 100 Millionen Euro Investitionen

Von diesen politischen Spannungen ist auf dem Ulmer Michelsberg nichts zu spüren. Im Gegenteil. Im Herzen der riesigen Festung, die die Fürsten des Deutschen Bundes Mitte des 19. Jahrhunderts gegen Frankreich errichteten, wird derzeit viel gebaut: an einem IT-Zentrum, einer Halle für Einsatzmaterial und einem modernen Gefechtsstand – Investitionen von bis zu 100 Millionen Euro.

Eigentlich waren die Gebäude für das bereits bestehende Multinationale Kommando Operative Führung bestimmt. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich ein operatives Hauptquartier für internationale Einsätze, zum Beispiel zur Führung von EU-Kampfgruppen – die nie zum Einsatz kamen. Doch mit dem militärischen Schlummermodus scheint es jetzt vorbei. 2018 beschloss die Nato im Rahmen der größten Reform ihrer Kommandostruktur der vergangenen Jahrzehnte, zwei neue Hauptquartiere zu schaffen. Eines davon, das Kommando für schnelle Truppen und Materialtransporte, im Militärsprech kurz JSEC (Joint Support and Enabling Command), entsteht in Ulm.

Sexy Logistik

Nach der russischen Annexion der Krim 2014 ist die Nato schnell zur Abschreckung des östlichen Nachbarn übergegangen. Unter anderem wurde eine superschnelle Speerspitze mit rund 5000 Soldaten aufgebaut, ins gefährdete Baltikum und nach Polen wurden – als „Stolperdraht“ – vier Kampfgruppen mit je 1000 Mann entsandt. „Die Glaubwürdigkeit der Vorne-Präsenz hängt aber davon ab, Folgekräfte bereit zu halten und diese schnell einsetzen zu können, um Russland von einem begrenzten Angriff abzuhalten“, erklärt Ben Hodges, Ex-Kommandeur des US-Heeres in Europa und jetzt bei der Denkfabrik Center for European Policy Analysis (Cepa). Er machte das Thema Logistik und Nachschub sexy, wies auf gravierende Mängel im Straßen-, Schienennetz und in der Zollbürokratie in Europa hin. „Deutsche Politiker müssten stärker erklären, weshalb mehr Geld in die Verteidigung gesteckt werden muss. Und sie könnten kreativer dabei sein, Probleme in der zivilen Infrastruktur zu lösen, die auch ein Problem für die militärische Mobilität darstellt“, so Hodges. Das deutsche Bahnwesen sei für den Transport militärischer Großverbände „komplett unzureichend“.

Genau um diese Mängel soll sich künftig das neue Nato-Kommando in Ulm kümmern. „Wir koordinieren die Versorgung, Bewegung, den Schutz und die Ausbildung der Folgekräfte“, erklärt Generalleutnant Jürgen Knappe, der neben dem multinationalen auch das neue Nato-Kommando führt. Sein Aufgabengebiet: das ganze europäische Nato-Gebiet. „Wir sind zuständig für die Lücke zwischen dem Herkunftsort von Soldaten und Material und dem Einsatzort.“ Dazu zählt auch der Cyberraum und neben den Gefahren aus Russland, die aus Nordafrika und dem Nahen Osten – „360 Grad“, wie das bei der Nato heißt. Ausgestattet mit der richtigen Befehlsgewalt und ausreichenden Ressourcen, hat das neue Ulmer Kommando in der Mitte Europas das Potenzial, die Defizite zu beheben.

Deutschland gefordert

In Friedenszeiten sollen sich 270 Soldaten aus 19 Nato-Ländern um die Herkules-Aufgabe kümmern. Im Krisenfall soll der Stab auf bis zu 600 Mann anwachsen. Im Oktober nimmt das neue Kommando die Arbeit auf. 2021 soll es voll einsatzbereit sein. „Wir sind dankbar dafür, dass Deutschland dieses Kommando beherbergt“, heißt es bei der Nato. Deutschland ist Rahmennation und trägt das Gros der Kosten. Dennoch, betont der Sprecher in Brüssel, müsse die Verteidigungsfähigkeit sichergestellt werden. „Wir erwarten, dass alle Verbündeten, einschließlich Deutschland, ihre Verpflichtungen bei den Verteidigungsausgaben erfüllen.“ Spätestens da erreicht der Streit um den deutschen Verteidigungshaushalt auch das neue Ulmer Kommando. Die Nato will definitiv, dass Deutschland oben ist, und nicht, wie es Lord Ismay einst formuliert hatte, unten.

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