Sabine Murza alias Murzarella mit ihrer Rocker-Ratte Kalle. Die Bauchsängerin kann ohne Lippenbewegung AC/DC-Songs und sogar ganze Opernarien singen. Foto: Stefanie Schlecht

Das Böblinger Comedy-Festival fand dieses Jahr erstmals ohne Wettbewerb statt. Einen Gewinner gab es dennoch: das Publikum.

Konkurrenz belebt das Geschäft – nach diesem Prinzip hatte zwei Jahrzehnte lang das Böblinger Comedy-Festival funktioniert. Damit ist jetzt vorbei. Bei der 19. Auflage am vergangenen Samstag in der mit rund 800 Zuschauern gut gefüllten (wenn auch nicht ausverkauften) Kongresshalle fand die „Böblinger Mechthild“ erstmals nicht mehr als Wettbewerb, sondern als Gala mit Soloauftritten und Musikprogramm statt. Beim Publikum kam das offenkundig bestens an – sehr zur Zufriedenheit der Organisatoren vom Verein „Die Kultourmacher vom Alten Amtsgericht“.

 

Seit dem Jahr 2003 waren in den Vorrunden und am Finalabend dutzendweise Talente der Kleinkunstszene gegeneinander angetreten. Heutige Kabarett- und Comedy-Größen wie Chris Tall, Sascha Korf, Thomas Schreckenberger oder zuletzt Mirja Regensburg haben den Preis gewonnen. Andere wie Max Uthoff („Die Anstalt“), Christine Prayon (vormals „Heute Show“) oder HG Butzko (Deutscher Kleinkunstpreis 2014) gingen in Böblingen zwar leer aus, ihre anschließenden Karrieren belegen aber den guten Riecher der „Kultourmacher“.

Konkurrenzprinzip wirkte zuletzt eher lähmend als belebend

Auf die Dauer hatte sich das Konkurrenzprinzip aber nicht mehr als belebend, sondern eher als lähmend erwiesen. Die Festivalorganisatoren taten sich zunehmend schwer damit, herausragende Künstlerinnen und Künstler zu finden, die zugleich risikofreudig genug sind, am Ende womöglich als Verlierer dazustehen.

Nikita Miller wäre so ein Typ gewesen – auch wenn er, wie er selbst sagt, nichts von Wettbewerben hält. Der Deutsch-Russe hatte sich im vergangenen Jahr für das Finale qualifiziert, musste dann aber wegen einer Corona-Erkrankung kurzfristig absagen. Schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass er den Deutschen Kleinkunstpreis 2023 erhält – mit die wichtigste Auszeichnung in der deutschen Kabarett- und Comedyszene.

Auch sein Nachholauftritt stand jetzt unter schwierigen Vorzeichen: Erst einen Monat zuvor, am 11. November, war er in Bremen von einem Unbekannten mit einer Messer angegriffen und schwer verletzt worden. „Wir sind wirklich froh und erleichtert, dass wir ihn heute bei uns haben“, sagte Maigg Wieczorek, der Vorsitzende der „Kultourmacher“, am Rande der Veranstaltung.

Auf der Kongresshallenbühne war dem charismatischen Comedy-Riesen (Körpergröße: zwei Meter plus) nichts von dieser Erfahrung anzumerken. In gewohnt lässig-entspannter Geschichtenerzähler-Manier plauderte der 1987 in Kasachstan geborene und in Schwäbisch Gmünd aufgewachsene ehemalige Philosophiestudent und Türsteher mit teils recht derbem Humor über die (Un-)Feinheiten der russischen, deutschen und schwäbischen Sprachkultur.

Auf einer ganz anderen Seite des Comedy-Spektrums bewegt sich Sabine Murza. Unter dem Namen Murzarella verblüfft die professionelle Musicalsängerin mit der Fähigkeit, ihre Puppenfiguren nicht nur sprechen, sondern auch singen zu lassen. Mit ungläubigem Staunen hörte und sah das Publikum ihr zu, wie sie ohne erkennbare Lippenbewegung erst die Arie der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“ sang und danach mit der Rocker-Ratte Kalle headbangend „Highway to Hell“ von AC/DC schmetterte. Zuckersüß und brüllkomisch war auch Löwenbaby Leonie, das die Künstlerin „Baby on more Time“ von Britney Spears singen ließ.

Eher feinsinnig und sympathisch selbstironisch war der Auftritt von Musikkabarettist Matthias Brodowy (Deutscher Kleinkunstpreis 2013). Seine Empfehlung, „humoristisch-anarchistisch“ durchs Leben zu gehen und die mürrische Welt damit ein wenig fröhlicher zu machen, traf beim Publikum einen Nerv. Alleine schon, wie er lässig am Klavier klimpernd über die Erotik des Wortes „Hornhauthobel“ sinnierte, ließ bei so einigen die Lachtränen hervortreten.

Streichquartett La Finess schickt Energiewellen ins Publikum

Jeder Solo-Act erhielt bei dieser genau durchgetakteten Gala ein Zeitfenster von 25 Minuten. Das galt auch für Robert Griess, „Mechthild“-Gewinner von 2008, der zudem als Moderator durchs Programm führte. Der Kölner steht für die Königsdisziplin: politisches Kabarett. Mit seinen Breitseiten gegen Deutsche Bahn, Bundeswehr und öffentlich-rechtliches Fernsehen traf er immer wieder voll ins satirische Schwarze.

Für die musikalische Umrahmung hatten die „Kultourmacher“ bereits zum dritten Mal das Streicherquartett La Finesse aus Aschaffenburg eingeladen. Begleitet von E-Gitarrenklängen bekamen die vier Damen diesmal deutlich mehr Spielzeit. Ihr furioser Mix aus Klassik und Hardrock bei einem „Mashup“ aus Beethovens 7. Sinfonie und „Thunderstruck“ von AC/DC schickte regelrechte Energiewellen in die Zuschauerreihen.

„Kompakter und knackiger“: Die Resonanz auf den neuen „Mechthild“-Modus fiel am Samstagabend beim Böblinger Publikum durchweg positiv aus. „Bei mir ist jedenfalls keine einzige Kritik von jemanden gelandet, der lieber den Wettbewerb zurück hätte“, berichtet der künstlerische Leiter Gerhard Gamp nach der Veranstaltung.