Mit E-Bikes bzw. Pedelecs unbeschwert und umweltfreundlich die Heimat erkunden – ungeachtet anspruchsvoller Höhenprofile – das war der Anspruch der Macher des neuen Fernradweges in der Region Stuttgart. Foto: Albers

Nicht gerade Tour de France, aber schon eine große Schleife: Auf über 400 Kilometern umkreist ein neuer Radfernweg die Region. Der Clou: Er ist speziell für E-Biker eingerichtet.

Böblingen - Ich war noch niemals in New York – mittlerweile können das gar nicht mehr so viele sagen, so selbstverständlich ist der Globus zum Wohnzimmer geworden. Aber: Ich war noch niemals am Maurener Schloss, am Aileswasensee, unter der Hausener Wand, in der Nenninger Kapelle, am Limesturm von Grab – da können wahrscheinlich noch viele bestätigend nicken.

Alles interessante Orte in der Region Stuttgart, nur einige von vielen. Damit diese keine schwarzen Flecken auf der Landkarte bleiben, haben jetzt die fünf Landkreise der Region eine 400-Kilometer-Route konzipiert, die ganz speziell ist: Sie ist auf die ständig wachsende Gruppe der E-Bike-Fahrer­ zugeschnitten. Die Broschüren sind gedruckt, eine Web-Site eingerichtet und dieser Tage wird die Route ausgeschildert. Und Gustav Maurer hat Räder parat. Denn das gehört zum Service dieses Angebotes: Entlang der gesamten Route finden sich Verleih-, Reparatur- und Stromtankstellen.Gustav Maurer hat das Geschäft eZee in Böblingen, ein Betrieb, der nur noch E-Bikes verkauft und verleiht – so sehr ist Maurer vom Boom dieses Bereiches überzeugt. Klicken Sie hier für eine vergrößerte Ansicht der Karte

Schon bisher hat er seine Räder mit Hilfsmotor verliehen, und die Nachfrage war so groß, dass er gerne beim E-Bike-Projekt der Region mitmacht: „Es machen wieder viele Leute Touren, die sich das sonst nicht mehr zugetraut hätten. Wir haben sogar einen 90-Jährigen, der sich ein E-Bike ausleiht.“Nein, eigentlich ein Pedelec. Das sind die Fahrräder, die mit Motorunterstützung bis zu 25 Stundenkilometer schnell werden. E-Bikes haben dagegen bis zu 45 Sachen drauf. Und deshalb müssen sie auch auf die Straße und dürfen nicht auf Radwege. Das ist aber der Clou der 400-Kilometer-Runde: Dass sie möglichst abseits der Autos über Radwege führt.

Also müsste das Projekt eigentlich Pedelec-Region Stuttgart heißen. „Wir haben lange über diese Frage diskutiert,“ gibt Marcel Haas zu. Er ist im Landratsamt Böblingen Radverkehrs-Beauftragter und war mit im Entwicklungsteam der E-Bike-Region. Dieses Projekt zielt aber auch auf die Radtouristen, die in Deutschland und Europa Radfernweg um Radfernweg abfahren und froh sind um jede neue Route. „Und deutschlandweit spricht jeder nun mal nur vom E-Bike. Und da Pedelec auch ein sperriger Begriff ist, beugen wir uns der Masse.“Die neue Route soll aber nicht nur Auswärtige anlocken, sondern auch den Hiesigen etwas bieten.

„Von Gesprächen auf der Tourismusmesse CMT wissen wir, wie froh die Leute über solche Angebote sind. Gut, dann lernen wir etwas Neues kennen, haben sie uns gesagt.“Wie viel Neues, kann man erfahren, wenn man mit Marcel Haas, einem durchtrainierten Outdoor-Liebhaber, die Runde im Landkreis Böblingen abfährt. Zunächst radelt er das Würmtal entlang und biegt dann nach Mauren ab, einem Weiler mit viel Kultur, denn hier steht das einstige Renaissance-Schlosses von Heinrich Schickhardt. Die Besitzer haben einen modernen Glas-Metall-Loft darübergelegt – ein spannender Architektur-Kontrast.

Gegenüber die blumenüberwachsenen Mauern der Liebfrauenkirche. Weiter geht es die Würm entlang. Ein Wasserpfad öffnet schöne Pausenstellen, auf geschützten Wiesen blüht der blaue Wiesensalbei. Dann wird es deutlich urbaner. Es geht kurz neben der A 8 entlang, und am ausgedehnten IBM-Komplex. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint: Gerade für Spezialisten dort ist auch diese Route gemacht. „Ein gutes Freizeitangebot wird immer wichtiger, um solche Leute in der Region zu halten“, sagt Marcel Haas. Die Zeiten sind vorbei, in denen Radwege als unnütze Ausgaben für irgendwelche Öko-Spinner galten: „Was wir hier machen, ist auch Wirtschaftsförderung.“Wirtschaftsförderung ganz konkret ist auch der nächste Stopp, im Herrenberger Gasthof Hasen. Der Bed-and-Bike-Betrieb bietet vom Fahrradschuppen über den Twin-Bed-Room bis zur Stromtankstelle alles, was Radler sich wünschen, und das gerne, sagt Philipp Fink, zuständig für das Marketing: „Radler sind angenehme Gäste.“

Nach der Pause auf der kastanienbeschatteten Terrasse zeigt Haas, warum die Route speziell für E-Biker entwickelt wurde: Schier endlos zieht sich der Weg hoch bis zum Schönbuch-Trauf – ohne Motor schon eine Herausforderung an Kraft und Kondition. Dahinter kommen die langen Schönbuch-Wege im Schatten der Buchen. Die E-Bike-Steuerung steht auf Speed. Die Räder flitzen dahin. Tempo machen schadet ja nicht. Es warten ja noch fast 400 Kilometer.

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