Weltoffen ist Klaus-Peter Lüdke: Vollwertige kirchliche Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare kann er sich durchaus vorstellen. Er wird der neue Dekan im Kirchenbezirk Esslingen und Nachfolger von Bernd Weißenborn.
Sein Hemd und sein Sakko beim Pressegespräch sind fetzig, seine Ansichten streitbar, seine Ausbildungswege klassisch: Klaus-Peter Lüdke ist der neue evangelische Dekan im Kirchenbezirk Esslingen und damit Nachfolger von Bernd Weißenborn.
Er passt in keine Schublade – Schubladendenken liegt ihm nicht. Klaus-Peter Lüdke hat auch ein Buch über sexuelle Orientierungen geschrieben. Queere Menschen, die nicht heterosexuell sind oder sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich definieren, dürften nicht ausgegrenzt werden, sagt der 56-Jährige. Folgerichtig könnte er sich vollwertige kirchliche Trauungen gleichgeschlechtlicher Paaren vorstellen. Die evangelische Landeskirche hat hier bisher hohe Hürden gesetzt: Segnungen sind möglich, wenn drei Viertel der Mitglieder eines Kirchengemeinderats zustimmen. Die Landessynode denke gerade über eine Änderung dieser Bestimmung nach, so Lüdke. Doch er würde seine Pfarrkolleginnen und -kollegen niemals in die Pflicht nehmen. Seelsorger sollten gleichgeschlechtliche Trauungen freiwillig und gemäß ihrer eigenen Überzeugung vornehmen.
Probleme: Kirchenaustritte, Finanzprobleme, Personalmangel
Er setzt auf Harmonie, aber nicht auf Friede, Freude, Eierkuchen. Klaus-Peter Lüdke ist weder ein aufmüpfiger Revoluzzer noch ein idealistische Sozialromantiker. Kirchenaustritte, Finanzprobleme, Personalmangel – der gebürtige Böblinger weiß, dass die Zeiten in der evangelischen Kirche nicht gerade paradiesisch sind. Zusammenschlüsse von Kircheneinheiten, die Aufgabe von Immobilien, die Einschränkung von Leistungen sind seiner Meinung nach unumgänglich. An seiner bisherigen Pfarrstelle in Altensteig im Landkreis Calw habe er Fusionen erfolgreich hinter sich gebracht, sagt der Seelsorger. Den Zusammenschluss zwischen den Kirchenbezirken Esslingen und Bernhausen will er nach dem gleichen Muster über die Bühne bringen: „Ich möchte die Veränderungs- und Fusionsprozesse im Kirchenbezirk Esslingen proaktiv angehen, geistlich begleiten und im Team gemeinsam gestalten.“
Vertrauen soll ein Baustein der Arbeit in Esslingen sein
Zu konkreten Maßnahmen hält sich Klaus-Peter Lüdke bedeckt. Hier bleibt der sonst so Auskunftsfreudige noch vage. Er möchte im neuen Amt ankommen, die Menschen kennenlernen, die Ergebnisse der Immobilienstudie Oikos der Landeskirche abwarten. Im Kirchenbezirk Esslingen sei auch schon viel Vorarbeit geleistet worden. Beim Aufbau neuer Strukturen ist Vertrauen sein Baustein. Zusammenarbeit auf Augenhöhe sein Zement.
Gebaut wird auch im praktischen Sinn. Die Dienstwohnung beim Dekanatamt in der Augustinerstraße in Esslingen muss noch hergerichtet werden. Das wird wohl bis weit in den Sommer hinein dauern, sagt Christoph Bäuerle als stellvertretender Dekan. Dann wird Klaus-Peter Lüdke seinen bisherigen Posten in Altensteig verlassen und sein neues Amt in Esslingen antreten. Die drei Kinder sind erwachsen. Seine Ehefrau, mit der er sich bisher die Pfarrstelle geteilt hat, werde sich in der Region Esslingen eine neue Tätigkeit suchen. Das eheliche Jobsharing habe sich bewährt. Natürlich würde es verschiedene Haltungen innerhalb der Kirchengemeinde geben: Der eine könne mit ihm besser, der andere mit seiner Ehefrau. Aber: „Das muss man aushalten können.“
Der neue Dekan studierte in Tübingen
Er hat ein breites Kreuz – und Rückgrat. Lüdke setzt bei anstehenden Maßnahmen zwar auf Vertrauen, doch auf Gottvertrauen allein will sich der Seelsorger nicht verlassen. Seine Kanzel scheint mitten im Leben zu stehen. Sein Weg in den Pfarrberuf war klassisch: Ein Seelsorger in seiner Umgebung erwies sich als wegweisendes Vorbild ohne erhobenen Zeigefinger. Das Abitur am Schönbuch-Gymnasium in Holzgerlingen mit seiner mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausrichtung brachte auch Nachteile. Die für das Theologiestudium nötigen Sprachnachweise in Latein, Griechisch und Hebräisch musste er nachholen. In eineinhalb Jahren sei es geschafft gewesen, sagt er.
Studiert hat er in Tübingen und Greifswald, sein Vikariat brachte ihn in den Kreis Esslingen nach Köngen. Die erste Pfarrstelle war in Neuweiler im Schwarzwald. Dann folgte Altensteig. Doch nach 13 Jahren wolle er nun noch etwas anderes angehen, sagt er. Kein Abschied von der Basis. Auch als Dekan werde er Gottesdienste halten und nahe bei den Menschen sein.
Dekan und Autor
Sein Ausgleich ist das Schreiben. Gerade sitzt er an seinem fünften Buch. Es handelt vom biblischen Josef, der von seinen eifersüchtigen Brüdern in die Sklaverei nach Ägypten verkauft wurde: „Es geht um Versöhnung.“ Klaus-Peter Lüdke tritt in große Fußstapfen: Thomas Mann hat sich des Stoffes in „Joseph und seine Brüder“ auch angenommen. Doch Klaus-Peter Lüdke passt eben in keine Schublade.
Kirchenbezirk Esslingen
Bezirk
Zum Kirchenbezirk Esslingen gehören 21 Gemeinden, 44 Pfarrer und etwa 48 000 Gemeindeglieder. Teile des Bezirks sind die Gesamtkirchengemeinde Esslingen, Aichwald, Altbach, Baltmannsweiler, Hohengehren, Berkheim, Deizisau, Denkendorf, Hochdorf, Köngen, Lichtenwald, Plochingen, Reichenbach und Wernau.
Vorgänger
Seit 2010 war Bernd Weißenborn evangelischer Dekan in Esslingen gewesen. Doch zu Ende Februar 2025 hatte er seinen Dienst vorzeitig beendet. Es zog ihn zurück zu seinen Wurzeln. Seit 1. März ist er mit der Vertretung der geschäftsführenden Pfarrstelle in der Kirchengemeinde Waldenbuch im Dekanat Böblingen beauftragt.
Wahl
Die Esslinger Dekan-Stelle wurde im Herbst 2024 ausgeschrieben. Laut Ulrike Sämann, der Vorsitzenden der Bezirkssynode, war das Bewerberinteresse groß. Aus dem Bewerberfeld wurden drei Kandidaten ausgewählt, die sich dem 42-köpfigen Wahlgremium, dem auch Mitglieder des Stadtkirchengemeinderats, des Kirchenbezirksausschusses, der Gesamtkirchengemeinderats und der Bezirkssynode angehörten, stellen mussten.