Florian Bollacher leitet das Amtsgericht in Waiblingen. Foto: Gottfried Stoppel

Ein spontaner Hörsaalbesuch entscheidet über seine Karriere: Heute führt Florian Bollacher das Waiblinger Amtsgericht – und steht dabei manchmal auch vor ganz praktischen Problemen.

Die Tür steht offen, das Gespräch läuft, die Themen sind groß: Recht, Verantwortung, Gesellschaft. Dann räuspert sich jemand. Ein Polizist steckt den Kopf herein. Ein Unfall draußen, ein Auto ist gegen die Mauer des Amtsgerichts gefahren. Florian Bollacher entschuldigt sich, steht auf, unterbricht, geht nachsehen. Es ist ein ganz normaler Arbeitstag, des neuen Direktors, der zeigt, was sein Job ist: Theorie und Praxis, Paragrafen – und manchmal auch Putzschäden.

 

Florian Bollacher hat die Nachfolge von Michael Kirbach als Direktor des Amtsgerichts Waiblingen angetreten, der sich Ende vergangenen Jahres in den Ruhestand verabschiedet hat. Zuvor leitete der promovierte Jurist das Amtsgericht Backnang. Nun also der nächste Schritt – größer, komplexer, mehr Verantwortung.

„Nach fünf Minuten wusste ich: Das ist mein Ding“

Warum Jura? Bollacher zögert nicht lange. „Ich habe da eine gewisse familiäre Prägung – und habe es letztlich nicht geschafft, aus dieser auszubrechen.“ Dann lacht er, korrigiert sich, halb im Ton, halb im Ernst: „Nein, ehrlich: Ich war mit einem Freund in einer Juravorlesung. Nach fünf Minuten wusste ich: Das ist mein Ding.“

Drei Jahre lang war Bollacher zuvor Amtsgerichtsdirektor in Backnang. Foto: Gottfried Stoppel

Es ist diese Mischung aus Zufall und Klarheit, die sich durch seine Laufbahn zieht. Jura, sagt er, sei mehr als Paragrafenreiterei. Es gehe um das Fundament des Zusammenlebens. „Regeln sind überall wichtig, das fängt schon beim Einkaufen an. Eine Gesellschaft ohne Regeln ist nicht vorstellbar.“ Wer Jura mache, wirke daran mit, diese Regeln zu gestalten – und dafür zu sorgen, dass sie eingehalten werden.

Neutral urteilen und führen: Bollachers Weg nach Waiblingen

Als Richter reizt ihn dabei vor allem eines: die Perspektive. „Ich kann das Recht anwenden aus neutraler Sicht.“ Keine Interessenvertretung, kein taktisches Lavieren, sondern ein Abwägen. Ein Urteil.

Doch Bollacher ist längst nicht nur Richter. Als Direktor verwaltet er, organisiert, führt. Und genau das hat ihn nach Waiblingen gezogen. „Es war gewissermaßen der nächste Schritt“, sagt er. Das Gericht sei größer, die Personalverantwortung deutlich umfangreicher. Und fremd ist ihm der Ort nicht: Zwei Jahre war er hier bereits Richter, kennt rund ein Drittel der Belegschaft.

Was ihn an der Verwaltung reizt? „Mit Menschen arbeiten, deren Entwicklung mitgestalten, fördern, verbessern – das ist spannend.“ Es gehe darum, vor Ort dafür zu sorgen, dass Rechtsprechung funktioniert. Klingt abstrakt, wird aber schon konkret, wenn plötzlich ein Schaden am eigenen Gebäude begutachtet werden muss.

Der Direktor als Organisator, Entscheider, manchmal auch als Krisenmanager im Kleinen – siehe Mauerschaden.

Der Neubau des Justizzentrums: Dringend nötig, aber kompliziert

Eine echte Herausforderung wartet ohnehin: der geplante Neubau des Justizzentrums auf dem alten Klinikareal. Ein Projekt, das seit Jahren stockt, schrumpft, wieder diskutiert wird. „Das wird eine Herausforderung, ist aber dringend nötig“, sagt Bollacher.

Derzeit ist das Amtsgericht über mehrere Standorte verteilt – schlecht für die Abläufe, schlecht für das Miteinander. „Und der Bürger fragt sich: Wo muss ich hin?“ Ein zentraler Bau könnte vieles lösen. Doch die Realität ist kompliziert: abgespeckte Pläne, schwieriger Baugrund, begrenzte Mittel. „Ich würde es sehr begrüßen, wenn es klappt“, sagt Bollacher.

Recht sprechen – trotz Leitung

Ganz loslassen will Bollacher die richterliche Arbeit nicht. „Ganz ohne würde ich etwas vermissen.“ Deshalb bleibt er im kleineren Rahmen tätig, unter anderem im Schöffengericht und im Betreuungsrecht.

Es ist der direkte Kontakt zu den Fällen, zu den Menschen, der ihm wichtig ist. Verwaltung allein reicht nicht. Der Blick in die Praxis bleibt.

Ein Ziel: Vertrauen in den Staat

Was will er erreichen? Keine großen Worte, eher klare Leitlinien. „Bedingungen schaffen, dass qualitativ gute Arbeit gemacht werden kann.“ Und: dass Bürger „in angemessener Zeit zu ihrem Recht kommen“. Ohne Angst. Mit Vertrauen.

Das klingt schlicht, ist aber ein Anspruch, an dem sich die Justiz messen lassen muss.

Zwischen Familie, Justiz und Fußball

Privat ist Bollacher Vater von drei Kindern, seine Frau ebenfalls Richterin. Viel Zeit bleibt nicht. Ein bisschen Fußball aber schon: Ehrenamtlich engagiert er sich im Vorstand des Württembergischen Fußballverbands. Selbst gespielt hat er auch. „In der Abwehr“, sagt er. Und schiebt hinterher: „Da kommt es nicht so sehr auf die Technik an.“ Ein Satz, der typisch für ihn zu sein scheint – irgendwo zwischen Selbstironie und Realitätssinn.

Und vielleicht auch ein kleines Leitmotiv für diesen Job: nicht immer glänzen müssen, aber zuverlässig stehen. Wenn es darauf ankommt.