Am Montag wurde bekannt, dass die S-Bahn-Station Flughafen wegen der S-21-Arbeiten für ein Jahr nicht angefahren werden kann. Foto: dpa

Das Land setzt dem Plan, den Flughafen ein Jahr lang von der S-Bahn abzuhängen, eine eigene Forderung entgegen: Die S-Bahn soll bis wenige hundert Meter an die Messe heranfahren. Doch das will die Bahn nicht.

Stuttgart - Bei den S-21-Projektpartnern Land und Region gibt es nach Informationen unserer Zeitung Bestrebungen die mindestens einjährige Unterbrechung des S-Bahnverkehrs zum Flughafenund zur Messe für die Fahrgäste abzumildern. Dafür ist ein Interimshalt geplant, der westlich der Parkhäuser in Richtung Echterdingen eingerichtet werden soll. Von dort wären es nur wenige Hundert Meter zum Messeeingang West und zu den bestehenden und leicht zu verlängernden Personenförderbändern zu den Terminals. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bestätigte entsprechende Pläne. Er wies aber auch darauf hin, dass die Bahn dagegen sei und den dafür fälligen einstelligen Millionenbetrag nicht übernehmen wolle.

Die S-21-Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm nahm dazu auf Anfrage unserer Zeitung keine Stellungund verwies auf die Pressekonferenz am Mittwoch um 13 Uhr. „Die optimierte Planung gewährleistet während der gesamten Bauzeit eine leistungsstarke ÖPNV-Anbindung des Flughafens Stuttgart“, sagte ein Sprecher.

Das dritte Gleis am Flughafen steht nicht in der Finanzierungsvereinbarung

Zwei Stunden später wird sich am Mittwoch von 15 Uhr an der Verkehrsausschuss der Regionalversammlung in einer nichtöffentlichen Sitzung unter anderem mit den Plänen befassen. Der Verband Region Stuttgart als Aufgabenträger der S-Bahn wollte sich ebenfalls nicht äußern. Allerdings war es der Verband, der einst darauf pochte, dass nach Inbetriebnahme von S 21 gewährleistet sein müsse, dass für die S-Bahn weiterhin zwei Gleise an der Haltestelle Flughafen vorhanden sind. Am Flughafen wird die S-Bahnstation nun um ein Gleis erweitert, um mehr Kapazität für die Fern- und Regionalzüge Richtung Schweiz, Bodensee und Schwarzwald zu schaffen.

Dieses dritte Gleis war nicht Bestandteil der ursprünglichen S-21-Planungen. Es wurde nach zähem Ringen der Projektpartner im März 2015 beschlossen. Der Bau ist nicht Bestandteil der Finanzierungsvereinbarung von Stuttgart 21 und wird gesondert finanziert. Die Erweiterung der S-Bahnstation sowie die Verknüpfung mit den bestehenden Strecken machen die S-Bahnunterbrechung notwendig. Zudem gilt das dritte Gleis als eine Voraussetzung, dass die S-Bahn eines Tages vom Flughafen ins Neckartal verlängert werden kann. Die Region zahlte neben 100 Millionen Euro für Stuttgart 21 für die Flughafenanbindung nochmals extra 20 Millionen Euro.

Die U6 könnte einen dichteren Takt fahren

Nahverkehrsexperten aus der Region setzen ebenfalls darauf, dass eine vollständige Unterbrechung des Schienenverkehrs zum Flughafen und zur Messe verhindert werden müsse. Busersatzverkehre allein könnten niemals genügend Plätze anbieten. Sollte die Stadtbahnlinie U 6 rechtzeitig bis zum Flughafen verlängert sein, könne sie mit einem dichteren Takt aber die Fahrgäste aufnehmen, sagt ein Kenner der Materie, der nicht genannt werden will. Er weist aber auch daraufhin, dass der Verband Region Stuttgart als Verantwortlicher für den S-Bahnverkehr „derartige Nachteile“ für sein Verkehrssystem nicht akzeptieren dürfe. Öffentlich hatte der Verkehrsausschuss auch immer darauf gepocht, dass der S-Bahnverkehr trotz der S-21-Arbeiten möglichst reibungslos laufen müsse. Aber bereits die Arbeiten am Tiefbahnhof und in Feuerbach haben immer wieder zu Beeinträchtigungen geführt. Auch Anfang 2019 wird es im Hauptbahnhof massive Einschränkungen im S-Bahnverkehr an mehreren Wochenenden geben.

Unmut herrscht auch in Filderstadt. Die 45 000-Einwohnerstadt im Landkreis Esslingen wäre neben dem Flughafenund der Landesmesse am stärksten von der Unterbrechung betroffen. In den im Stadtteil Bernhausen gelegenen Bahnhof würden keine Bahnen fahren. OB Christoph Traub (CDU) will schnellstens Informationen über die Überlegungen von den Planern bekommen. „Wir müssen da schnell ins Gespräch kommen“. Zudem stimmt er eine gemeinsame Haltung des Gemeinderats ab. Das Gremium tage zwar nicht mehr vor Weihnachten, „aber ich bin mit den Fraktionsvorsitzenden in engem Austausch“.

Filderstadt ist bei den Planungen außen vor

Traub ärgert sich über die Art und Weise, wie er von den Plänen erfahren hat. „Mein Modelleisenbahnclub in Filderstadt hat da eine bessere Kommunikationsstrategie“. Das Vorgehen werde der Dimension des Projekts nicht gerecht. Man könne nicht auf der einen Seite stets die Bedeutung des Öffentlichen Nahverkehrs betonen und dann auf der anderen Seite so tiefgreifende Einschnitte vornehmen. Da der betreffende Planabschnitt von Stuttgart 21 nicht auf Filderstadter Gemarkung verlaufe, sei die Stadt auch nicht eng ins Genehmigungsverfahren eingebunden.

Verärgerung herrscht auch bei Matthias Gastel vor, dem Verkehrsexperten und Bundestagsabgeordneten der Grünen aus Filderstadt. Lange sei behauptet worden, dass die S-Bahn zum Flughafen und nach Filderstadt für den Bau von Stuttgart 21 „nur für wenige Wochen und an einigen Wochenenden unterbrochen“ werden müsse. Dass nun von einem ganze Jahr die Rede sei, überrasche ihn nicht. „Wir hatten dies bereits vor der Volksabstimmung befürchtet. Ärgerlich bleibt es trotzdem“, sagt er. Er sei auch verärgert, dass der S 21-Projektsprecher nichts dazu sagen wolle. „Aber das kennen wir ja“, so der Grüne: „Es wird nicht informiert, wenn es neue Erkenntnisse gibt, sondern erst dann, wenn es sich nicht mehr aufschieben lässt.“ Einmal mehr zeige sich, dass „Stuttgart 21 rein politisch motiviert war und wider jeglichen verkehrspolitischen Sachverstandes durchgedrückt wurde“. Gastel rechnet damit, dass es auch Probleme im Betrieb geben wird, wenn Fern- und Regionalzüge zusätzlich zu den S-Bahnen durch Leinfelden-Echterdingen rollen werden. Die beiden Städte auf den Fildern müssten nun massiv gegen die Betriebsunterbrechung intervenieren. „Wenn sich diese Unterbrechung nicht vermeiden lässt, sollten dicht getaktete Schnellbusverbindungen nach Stuttgart gefordert werden“, so Gastel.

Schutzgemeinschaft Filder fordert den Ausstieg aus Stuttgart 21

Auch die Schutzgemeinschaft Filder ist empört. „Wir gehen davon aus, dass diese Planung schon lange bekannt ist“, so Steffen Siegel, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft: „Man muss im Wissen um den schleppenden Baufortschritt von S 21 kein Prophet sein, um heute schon zu erkennen, dass aus einem Jahr S-Bahn-Stopp auf den Fildern am Ende zwei oder mehr Jahre werden.“ Er befürchtet ein Verkehrschaos auf den Fildern, insbesondere dann, wenn damit auch die Kreisstadt Filderstadt vom S-Bahn-Verkehr abgehängt werden muss.

Die Forderung der Schutzgemeinschaft lautet: „S-21-Stopp statt S-Bahn-Stopp“. Siegel: „Wann hört man endlich auf, gutes Geld der Steuerzahler schlechtem hinterher zu werfen? Die Zumutungen durch die Bahn werden immer unverfrorener.“

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