Seine Berufstätigkeit geht zur Neige: Günter Fehrenbach muss seine Weinhandlung schließen. Das Gebäude auf dem ehemaligen Schlachthof-Areal wird für die Neue Weststadt abgerissen. Das sorgt für zeitweilige Katerstimmung.
Esslingen - Der neue Kunde im Laden wirkt forsch, autoritär, Respekt einflößend. „Bauer“, nennt er militärisch-zackig seinen Namen. „Macht nichts. Landwirt ist doch ein ehrenwerter Beruf. Den habe ich auch erlernt“, erwiderte Günter Fehrenbach. Der Gag kam bei dem strammen Herrn nicht wirklich gut an. Doch geflunkert hat Günter Fehrenbach nicht. Er hat eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert und im Anschluss Agrarbiologie in Stuttgart-Hohenheim studiert. Danach machte er beruflich ein neues Fass auf und wurde Weinhändler. Fast 30 Jahre lang hat er in Esslingen den edlen Rebensaft verkauft. Dann musste er einen bitteren Trank schlucken. Seine Weinhandlung auf dem ehemaligen Schlachthof-Gelände wird abgerissen, um Platz für die Wohnbebauung der Neuen Weststadt zu machen. Daher gibt er sein Geschäft auf: „Bis Samstag, 15. Januar, muss ich raus sein.“
Eine Jugendflamme hilft
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Dabei ist sein Beruf immer ganz nach seinem Geschmack gewesen. Oldtimer hatten ihm diesen neuen Lebensabschnitt beschert. Nach dem Studium und einer nicht abgegebenen Doktorarbeit wollte Günter Fehrenbach Schlafwagenschaffner oder Weinhändler werden. Ein Zufall diente als Entscheidungshilfe. Er habe in Stuttgart an einem alten Auto herumgeschraubt, erinnert sich der 62-Jährige. Da tropfte etwas Öl auf seine Lippen und ganz Weltmann kommentierte er: „Das schmeckt wie ein Bordeaux.“ Der Schrauber neben ihm, der ebenfalls mit seinem Grufti-Auto beschäftigt war, hörte das Statement und meinte, er könne jemanden mit einem Faible für Weine gebrauchen. Für eine Weinhandelskette mit einer Filiale in der Plochinger Straße in Esslingen werde noch ein Verkäufer gesucht – und Günter Fehrenbach schien der Richtige für den Posten sein. Also ließ er den Traum vom Schlafwagenschaffner einschlafen und konzentrierte sich auf das Weingeschäft. Damit kannte er sich ohnehin aus. Eine Jugendflamme aus Strasburg, verrät er, hatte einen Vater mit einem gut sortierten Weinkeller. So ging nicht nur die Liebe, sondern auch der Rebensaft durch den Magen.
Zeitweilige Katerstimmung
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Die Liebe zu Frankreich ist ebenfalls geblieben. „Wer trinkt, um zu vergessen, muss im Voraus bezahlen“, ist eines von vielen französisch sprachigen Bonmots in seinem Ladengeschäft. Die Sprüche hängen noch da. Doch die Waren sind wegen der nahenden Geschäftsaufgabe etwas ausgedünnt. Wenn er die halb leeren Regale sehe, meint Günter Fehrenbach, könne er heulen. Die Kunden merken ihm diese zeitweilige Katerstimmung aber nicht an. Ein Mann mit Mund-Nasen-Schutz und dadurch beschlagener Brille kommt herein. „Ja, ja, der Corona-Nebel“, witzelt Günter Fehrenbach.
Die Sprache des Weines
Einen flotten Spruch hat er immer auf den Lippen – berufsbedingt aber auch manches Gläschen Wein. Man müsse die Versuchung bekämpfen, meint der Vater von erwachsenen Zwillingen. Ganz zu Anfang seiner Tätigkeit hatte er zu den vielen Flaschen in seiner Umgebung gesagt: „Ich kann euch alle haben. Aber ich bestimme, wann das passiert.“ Passiert ist es immer wieder. Ein gutes Glas Wein mag er schon von Berufs wegen. Drei Arten gibt es, hat er in langen Jahren im Job herausgefunden – guten, schlechten und belanglosen. Das ist der schlimmste. Belangloser Wein, meint er, sei nichtssagend und würde keine Aussagen treffen. Was aber sagt ein nicht belangloser Wein zu ihm? Sehr viel, meint Günter Fehrenbach. Der Wein hat ihm einiges mitzuteilen. Etwa: „Ich bin in erdigem Boden gereift.“ Oder: „Ich habe eine feine Note.“ Und: „Mein Winzer hat sich viel Mühe mit mir gegeben.“
Tendenz zum Ruhestand
Diesen Sprüchen hat Günter Fehrenbach viele Jahre zugehört. Zuerst als Mitarbeiter der Weinhandelskette in der Plochinger Straße, dann als Selbstständiger an der Schlachthausstraße 13 in Esslingen. Als er von dem Abriss seines Geschäftsgebäudes erfuhr, wollte er zuerst weitermachen und nach einem alternativen Standorten suchen. Doch in seinem Wohnort auf der Schwäbischen Alb, so sagt er, leben viele Senioren. Und alle klopften ihm auf die Schulter und sagten: „Warum hörst du nicht einfach auf und genießt deinen Ruhestand?“ Das möchte Günter Fehrenbach nun machen. Zumindest zum Teil. Ein neues Geschäft packt er nicht mehr an. Aber ein Online-Handel mit Weinauslieferungen könnte ihm schon gefallen. Das habe während der Corona-Lockdown ja auch funktioniert.
Urlaub vom Job
Denn seine selbstständige Tätigkeit hatte auch Nachteile. Mehr als eine Woche Urlaub am Stück sei nie drin gewesen. Aber diese Ferien verbrachte er auf Weingütern im Ausland? Da muss er herzlich lachen. Nein, im Urlaub macht er um Weingüter einen großen Bogen. Nicht aber um ein gutes Glas Wein. Es darf nur keinen belanglosen Inhalt haben.
Günter Fehrenbach und die „Neue Weststadt“
Zur Person
Günter Fehrenbach wurde 1959 in Hornberg im Schwarzwald geboren, besuchte das Gymnasium in Hausach und absolvierte seinen Zivildienst in Offenburg. Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung studierte er Agrarbiologie. Denn Biologie allein war ihm zu wissenschaftlich, Landwirtschaft zu rustikal – darum entschied er sich für eine Kombination aus beidem. Nach einer nicht abgegebenen Doktorarbeit sattelt er auf Weinhändler um und betrieb auch ein Ladengeschäft an der Schlachthausstraße 13 in Esslingen.
Die Neue Weststadt
Das Stadtwerke-Schlachthof-Areal in der Esslinger Weststadt mit einer Größe von etwa zwei Hektar wird bisher noch gewerblich genutzt. Auch Günter Fehrenbach betreibt hier noch seine Weinhandlung. Doch die Stadtwerke Esslingen werden ihren dortigen Verwaltungssitz bis Ende 2022 in das Esslinger Gewerbegebiet Neckarwiesen verlegen. Ein Großteil des Areals wird von der Stadt übernommen. Das nördlich angrenzende ehemalige Schlachthof-Areal ist im Besitz eines privaten Eigentümers. Auf dem gesamten Gelände wird eine Neubenutzung und Neubebauung mit Schwerpunkt Wohnen angestrebt.