Der Sohn ist vier und war noch nie in der Kita. Eine Böblinger Mutter beschwert sich – wie viele andere – über die Vergabe von Betreuungsplätzen in Böblingen. Die Stadt will deshalb die Vergabekriterien anpassen. Derzeit spielen andere Kriterien als das Alter der Kinder eine Hauptrolle.
Immer wieder melden sich dieser Tage frustrierte Eltern zu Wort, deren Kinder bereits vier oder gar fünf Jahre sind, jedoch noch nie die Chance bekommen haben, eine Kita zu besuchen. So auch der Sohn einer Böblingerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Vier Jahre ist ihr kleiner Sohn mittlerweile alt und war noch nie in der Kita. Die Stadt Böblingen ist sich dem Problem bewusst und will nun die Vergabekriterien überarbeiten. Derzeit spielen andere Kriterien als das Alter der Kinder eine Hauptrolle.
Direkt nach der Geburt habe die Familie das Kind für einen Kitaplatz in Böblingen angemeldet. Den Eltern war dies besonders wichtig, weil bei ihnen zu Hause kein Deutsch gesprochen wird. „Daher war es uns sehr wichtig, dass er einen Kita-Platz erhält, um mit anderen Kindern zu interagieren, die Sprache zu lernen und sich in das deutsche Leben und die deutsche Kultur zu integrieren, um gut vorbereitet in die Schule zu kommen“, erzählt die Mutter. Drei Jahre lang folgte eine Absage auf die nächste. In der gleichen Zeit bekamen laut der Böblingerin jedoch jüngere Kinder einen Platz in derselben Kita, für die ihr eigenes Kind eine Absage erhalten hatte. Dadurch entstand die skurrile Situation, dass Kinder, die bei der Anmeldung ihres Sohnes noch gar nicht auf der Welt waren, trotzdem vor ihm einen Kita-Platz bekamen.
Warum bekommen jüngere Kinder einen Platz, ältere aber nicht?
Dies löste bei der Familie viel Frustration aus und warf Fragen auf: Warum bekommen jüngere Kinder einen Platz, ältere aber nicht? Vielerorts ist in Elternkreisen immer wieder zu hören, dass jüngere Kinder den Älteren ihren Platz „wegschnappen“ würden.
Marliese Mayer, die Leiterin der Abteilung Kindertagesbetreuung im Amt für Soziales bei der Stadt Böblingen, erklärt, wie dieser Eindruck unter Eltern entsteht. Die Situation ist – wie immer – gar nicht so einfach. Sowohl für jüngere Kinder (U3) als auch für Kinder ab drei Jahren (Ü3) besteht in unterschiedlichen Umfängen in Deutschland der Anspruch auf einen Betreuungsplatz. In Böblingen sind 18,3 Prozent der verfügbaren Plätze für Kinder unter drei Jahren vorgesehen und 81,7 Prozent für Kinder ab drei Jahren. So weit, so gut. Es ist allerdings nicht möglich, bei Bedarf einfach einem vierjährigen Kind einen Platz anzubieten, statt einem Einjährigen, erklärt Marliese Mayer auf Nachfrage unserer Zeitung.
Denn: Die Umwandlung einer U3-Gruppe in eine Ü3-Gruppe bedinge eine Änderung der Betriebserlaubnis, sagt die Abteilungsleiterin. Nicht in jeder Kita seien die Räume so ausgerichtet, dass eine Umwandlung möglich sei, denn in der Regel seien die Krippenräume für jüngere Kinder kleiner und würden somit nicht den Vorgaben für ältere Kinder entsprechen. In einer Kita prüft die Stadt Böblingen momentan, ob eine U3-Gruppe in eine Ü3-Gruppe umgewandelt werden könnte. Doch das ginge nicht von einem Tag auf den anderen, da dort beispielsweise auch Richtlinien im Hygienebereich geprüft werden müssten; mitunter muss umgebaut werden. „Leider haben sich die Vorgaben in den letzten Jahren verändert. Früher reichte ein Waschbecken für 12 bis 14 Kinder, heute sind es zehn Kinder“, erklärt die Abteilungsleiterin.
Momentan spielt das Alter des Kindes eine untergeordnete Rolle bei der Vergabe
Was zusätzlich zum Problem beiträgt: Momentan spielt das Alter bei den Vergabekriterien eine untergeordnete Rolle. „Da dies bei dem vorherrschenden Platzmangel jedoch immer mehr zu Problemen bei der Versorgung von bereits älteren Kindern führt, werden die Satzung und die dort verankerten Aufnahme- beziehungsweise Vergabekriterien gegenwärtig überarbeitet“, sagt Marliese Mayer. Die neue Fassung solle dann ab dem Platzvergabeverfahren für das kommende Kitajahr 2024/2025 angewendet werden. Bisher habe vor allem die Erwerbstätigkeit von Sorgeberechtigten eine hohe Berücksichtigung bei der Vergabe gefunden. Dies soll auch weiterhin ein wichtiges Kriterium bleiben. Doch bei der hohen Anzahl an Familien, denen zum gewünschten Aufnahmewunsch kein Platz angeboten werden kann, müsste zukünftig auch das Alter des Kindes eine Rolle spielen, erklärt Marliese Mayer. Ziel sei es, möglichst jedem Kind vor der Einschulung die Betreuung in einer Kita zu ermöglichen. Der Böblinger Gemeinderat soll über die Satzungsänderung im Herbst beraten und entscheiden.
Die Familie aus Böblingen, deren Sohn selbst mit vier Jahren noch nie in der Kita war, hat sich mittlerweile anders beholfen. Zuerst organisierte die Familie eine Spielgruppe, um ihrem Kind den Kontakt zu Gleichaltrigen zu ermöglichen, dann nahmen sie einen Platz in einer privaten Kita außerhalb von Böblingen an.
Die Situation in Böblingens Kitas
Personalmangel
In Baden-Württemberg fehlen derzeit über 57 000 Kita-Plätze und 41 000 Fachkräfte. Die Stadt Böblingen hat circa 50 offene Vollzeitstellen in ihren städtischen Einrichtungen. Dazu kommen noch offene Stellen in den Kitas unter freier Trägerschaft.
Bedarf
Bis Ende März lagen der Stadt Böblingen 499 Anmeldungen von Kindern vor, die nicht aufgenommen werden konnten. Davon entfielen 173 auf die Warteliste im U3-Bereich und 326 auf die Warteliste im Ü3-Bereich.
Beschwerden
Die Unzufriedenheit bei den Familien ist groß. Jede Woche hat es die Stadt Böblingen mit rund 50 Beschwerde-Mails zu tun und rund 25 Anrufen über die Hotline.
Klagen
Neben den Beschwerden gibt es mittlerweile auch mehrere Klagen gegen den Landkreis, mit denen Eltern ihren Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz einfordern.