Metastasierter Brustkrebs ist oft unheilbar. Aber es gibt gute Therapieoptionen, die das Überleben verlängern. Welche das sind, erklärt der Leiter des Brustkrebszentrum an der Ulmer Uniklinik.
Ulm - Krebs erweist sich oft als hartnäckiger Gegner. Insbesondere bei Mamakarzinomen ist die Diagnose metastasierter Brustkrebs für die Betroffenen ein schwerer Schlag: Die Erkrankung geht bei den meisten Patientinnen nicht mehr weg, ihre Lebenserwartung ist verringert. Aber es gibt gute Therapien, auch wenn diese den metastasierten Brustkrebs nicht heilen können. Aber ein neuer Behandlungsansatz kann immerhin beim schwerwiegenden triple-negativen Brustkrebs das Überleben verlängern.
Wie hoch ist das Risiko, dass der Brustkrebs streut und Metastasen bildet?
Jährlich erkranken 70 000 Frauen an Brustkrebs. Fünf Prozent der Betroffenen erhalten bereits bei der Erstdiagnose den Befund metastasierter Brustkrebs. Bei weitere 20 bis 25 Prozent kommt der Krebs nach Jahren zurück. „Wir versuchen dann, die fortgeschrittene Brustkrebserkrankung für eine lange Zeit in eine Art chronische Erkrankung mit möglichst viel Lebensqualität zu überführen“, sagt Jens Huober, Professor für gynäkologische Onkologie und Leiter Brustzentrum und konservative gynäkologische Onkologie an der Uniklinik Ulm. „Inwieweit das gelingt, hängt im einzelnen Fall vom Tumortyp ab.“
Welche Tumortypen gibt es?
Man unterscheidet hormonsensitiven, HER2-Rezeptor-positiven und triple-negativen Brustkrebs. Letzterer tritt oft bei jüngeren Frauen auf. Für Frauen mit metastasiertem HER2-Rezeptor-positivem Brustkrebs gibt es sehr wirksame Therapien, die mit durchschnittlich 50 bis 60 Monaten ein erheblich längeres Überleben als früher ermöglichen.
Wann spricht man von metastasiertem Brustkrebs?
Metastasierter Brustkrebs bedeutet, dass sich Tumorzellen aus dem Zellverbund des Primärtumors abgelöst haben. Diese sind über die Blut- und Lymphbahnen in andere Organe gelangt und haben dort Tochtergeschwülste gebildet. Hormonempfindliche Tumorzellen nisten sich vor allem in den Knochen ein, insbesondere in der Wirbelsäule, und bilden dort Metastasen. Diese können zu schmerzhaften Wirbelbrüchen führen. Beim aggressiven dreifach negativen Brustkrebs bilden sich Metastasen häufig in Lunge, Leber oder im Gehirn.
Was kann eine Therapie bewirken?
Der Primärtumor in der Brust wird zumeist nicht herausoperiert. „Wir setzen ganz darauf, das Tumorwachstum möglichst zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen, um eine möglichst lange Überlebenszeit zu erreichen“, so der Ulmer Spezialist Huober. „Dafür ist es wichtig, Eigenschaften der Tumorzellen im Primärtumor und in den Metastasen genau zu kennen, um eine auf die Patientin abgestimmte Therapie zusammenzustellen.“ Zudem bemühen sich die Ärzte, die Nebenwirkungen der Therapie zu minimieren, damit die Lebensqualität so wenig wie möglich beeinträchtigt wird. Beispielsweise werden die Metastasten bestrahlt: Bei Knochenmetastasen hat sich das sehr bewährt, zumal die Behandlung auch den Schmerz lindert. Bei Lungenmetastasen kann eine hoch dosierte Strahlentherapie ebenfalls helfen. „Mitunter ist es möglich, Lebermetastasen chirurgisch zu entfernen oder mittels Hitze oder Laser zu zerstören“, sagt Huober.
Wie sieht die Therapie bei metastasiertem hormonsensitivem Brustkrebs aus?
„Primär setzen wir beim hormonsensitiven Brustkrebs auf eine Antihormontherapie“, so Huober. „Nach der Menopause setzen wir Aromatasehemmer ein, vor der Menopause ist Tamoxifen das Mittel der Wahl, oft kombiniert mit Medikamenten, die künstlich zur Menopause führen.“ Die Antihormontherapie ist meist relativ gut verträglich, kann aber die Knochendichte verringern. Leider lässt ihre Wirksamkeit innerhalb eines Jahres nach. Daher wird die Antihormontherapie mit sogenannten wachstumshemmenden Cdk4/6 Hemmern kombiniert. „Dadurch verdoppelt sich die Zeit, in der die Erkrankung nicht fortschreitet, von durchschnittlich 14 auf 28 Monate“, sagt Huober. Eine Chemotherapie muss häufig erst später eingesetzt werden. Das ist aber eine sehr individuelle Entscheidung, so der Ulmer Krebsexperte.
Wie geht man beim HER2-positiven metastasierten Brustkrebs vor?
„Da die Tumorzellen HER2-Rezeptoren auf ihrer Oberfläche tragen, ist es möglich, die Rezeptoren mit zielgerichteten Antikörpern zu blockieren. Wachstumssignale können dann nicht mehr auf diese Zelle übertragen werden“, sagt Huober. Normalerweise wird die Antikörpertherapie mit einer Mono-Chemotherapie kombiniert. Im Durchschnitt verlängert sich das Überleben auf 56 Monaten.
Welche Therapieoptionen gibt es beim dreifach negativen Brustkrebs?
„Beim triple-negativen Brustkrebs steht die Chemotherapie an erster Stelle. Eine weitere Option stellen die sogenannten PARP-Inhibitoren dar“, sagt Huober. Sie stören die Reparaturmechanismen in den Tumorzellen und führen zum Zelltod. Eine weitere Option könnte die Immuntherapie sein: Sogenannte Checkpoint-Inhibitoren helfen Immunzellen dabei, Krebszellen zu erkennen und anzugreifen. Die Ergebnisse einer alleinigen Immuntherapie sind jedoch bislang eher bescheiden. Eine Chemotherapie kann das Immunsystem zusätzlich aktivieren. Erst kürzlich wurde der Erfolg dieses Vorgehens mittels einer internationale Studie beim Kongress der European Society für Medical Oncology in München belegt. So erhielten 900 Patientinnen mit triple-negativem Brustkrebs und Metastasen sowohl eine Chemotherapie mit dem Arzneistoff Nab-Paclitaxel als auch eine Immuntherapie mit dem Checkpoint-Inhibitoren Atezolizumab. Zumindest bei Brustkrebspatientinnen, die einen speziellen Marker auf ihren Krebszellen tragen, konnte das Überleben um zehn Monate verbessert werden. Bei Patientinnen ohne diesen Marker allerdings zeigte diese Kombi keine dieser Verbesserungen.