Im September präsentierte Daimler-Chef Dieter Zetsche in Stockholm den Mercedes-Benz EQC, dem eine ganze Familie von E-Autos folgen soll. Foto: AFP

Bis 2030 könnte nach einer neuen Studie bereits jedes zweite in Europa verkaufte Auto ein Stromer sein. Der Verbrennungsmotor verliert seinen Kostenvorteil.

Stuttgart - Die Landesagentur E-Mobil BW hat eine Studie zur Entwicklung der Elektromobilität vorgelegt, die genau zur richtigen Zeit kommt. Denn 2019 wird ein Schlüsseljahr. Bei Audi, Daimler, Porsche und VW läuft die Produktion von Elektroautos an, denen eine ganze Familie von E-Mobilen folgen soll. Zugleich wächst in der Antriebstechnik die Verunsicherung in der Belegschaft. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum schrittweisen Abschied vom Verbrenner.

Wie sehen die Absatzziele aus?

Die Ziele sind ehrgeizig. Bei Porsche soll schon 2025 jedes zweite verkaufte Auto elektrifiziert sein, also einen reinen Elektroantrieb oder einen Plug-in-Hybridantrieb haben. Bei Daimler sollen bis zum gleichen Jahr bis zu 25 Prozent der verkauften Wagen rein elektrisch fahren. VW hat schon angekündigt, dass ab 2026 kein neuer Verbrenner mehr entwickelt wird.

Was treibt die Autobauer an?

Die Autobauer geraten gleich von zwei Seiten mächtig unter Druck: In Europa gelten immer schärfere Grenzwerte für den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids. Wer die Ziele nicht erreicht, muss empfindliche Strafen zahlen. Zudem schreibt China von diesem Jahr an wachsende Absatzanteile für E-Autos vor.

Wie entwickelt sich der Markt?

Ob die Verkaufsplanungen der Autobauer aufgehen, ist offen. In der Studie werden zwei Szenarien untersucht, eine eher moderate und eine progressive Entwicklung der Rahmenbedingungen. Im progressiven Szenario, bei dem insbesondere die Batteriekosten deutlich sinken und das Netz der Ladestationen eine Flächenabdeckung von 75 Prozent erreicht, könnten im Jahr 2030 rund 51 Prozent aller Neuwagen in Europa reine Elektroautos sein. In der moderaten Variante der Modellrechnung sind bis dahin dagegen nur 15 Prozent aller verkauften Neuwagen E-Mobile.

Wie entwickeln sich die Kosten?

Während ein konventionelles Fahrzeug mit Verbrenner nach dieser Untersuchung 2015 noch einen Kostenvorteil von 10 000 Euro gegenüber einem E-Mobil aufweist, ist es 2030 im progressiven Szenario 1000 Euro teurer als ein batterieelektrisches Fahrzeug. Das liegt daran, dass die Abgasreinigung wegen immer schärferer Grenzwerte immer aufwendiger und der Verbrenner damit immer teurer wird.

Wie viele Beschäftigte arbeitenin der Autoindustrie?

Knapp elf Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten hängen nach dieser Studie von der Automobilwirtschaft ab. Fast 470 000 Beschäftigte können nach Angaben der Autoren dem sogenannten Automobilcluster zugeordnet werden, das nicht nur Hersteller und Zulieferer, sondern auch Unternehmen rund um diesen Kern, wie etwa das Kfz-Gewerbe umfasst. Bei den Fahrzeugherstellern arbeiten danach 121 000 Beschäftigte, bei Zulieferern 151 500 Beschäftigte und bei Entwicklungsdienstleistern 15 500 Beschäftigte. Alle Basiszahlen beziehen sich auf das Jahr 2016.

Wie reagieren die Mitarbeiter?

Nach der Studie sind bis 2030 unter dem Strich je nach Szenario zwischen rund 20 Prozent und 45 Prozent aller Stellen in der Antriebstechnik im Südwesten durch den Strukturwandel bedroht. Eine im vergangenen Jahr vorgelegte Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) kam zu dem Ergebnis, dass bis 2030 in ganz Deutschland jeder zweite Arbeitsplatz in der Antriebstechnik von Pkw direkt oder indirekt von der Elektromobilität betroffen sein könnte. Die Beschäftigten in diesem Bereich zeigen sich zunehmend beunruhigt. In der vergangenen Woche gingen Bosch-Mitarbeiter des Standorts Feuerbach auf die Straße, weil die Fertigung von Komponenten für Dieselmotoren nicht ausgelastet ist. Bereits im vorletzten Jahr gab es heftige Auseinandersetzungen im Daimler-Werk Untertürkheim, wo Motoren, Achsen und Getriebe produziert werden. Die Mitarbeiter verlangten, dass dort auch Komponenten für E-Autos produziert werden und hatten damit Erfolg. In diesem Jahr laufen Gespräche über die Fertigung weiterer Komponenten.

Wie wird der Wandel gestaltet?

Die Autoren der Studie fordern, dass Baden-Württemberg zum Leitmarkt und zum Leitanbieter für eine nachhaltige Mobilität werden muss. Dafür müssten alle an einem Strang ziehen: Die Unternehmen, die Politik, die Wissenschaft und auch die Mitarbeiter. Die Landesregierung hat im Mai 2017 den sogenannten Strategiedialog Automobilwirtschaft Baden-Württemberg gestartet, der genau dieses Ziel verfolgt. In dem auf sieben Jahre angelegten Projekt der Landesregierung soll gemeinsam diskutiert werden, wie der Wandel gestaltet und wie Innovationen gefördert werden können. Die Wissenschaftler schlagen in ihrer Studie ein ganzes Bündel von Maßnahmen vor, wie etwa der Ausbau der Lade-Infrastruktur, Finanzierungshilfen für Schnellumsteiger zur Elektromobilität, die Förderung neuer Batterietechnologien, spezifische Aufbaustudiengänge für Beschäftigte in Forschung und Entwicklung sowie Qualifizierungsangebote für Beschäftigte in der Produktion.

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