Bestens gerüstet: Xenia Busam als Marie Schäufele Foto: Benjamin Stollenberg

Bruddler, Schaffer und Viagra: Xenia Busam wirft bei einer ungewöhnlichen Stadtführung neue Blicke auf Ludwigsburg. Dabei beweist sie Mut zur Hässlichkeit.

Ludwigsburg – - An Damen in barocken Kostümen und Herren mit Perücken ist man im Ludwigsburger Stadtbild gewöhnt. In der Regel führen sie Touristen durch die sehenswerte Stadt. Von diesem Jahr an wird das vertraute Bild aufgemischt: Xenia Busamverkleidet sich als Marie Schäufele und geht der schwäbischen Seele auf den Grund – als Putzfrau.

Frau Busam, Sind Sie noch ganz sauber?

Noi, i ben net ganz sauber. Mit wildfremden Leuten durch die Stadt laufen und denen erklären, was wirklich schwäbisch ist. Das ist eine Aufgabe, die man eigentlich nicht wirklich erfüllen kann. Weil das Schwabentum selbst unbegreiflich ist.

Sie versuchen es trotzdem?

Weil ich das Schwäbische sehr liebe. Viele kommen mit Vorurteilen ins Schwäbische, und – die haben manchmal tatsächlich recht. Aber das, was diese Leute zu wissen glauben, ist halt nur ein Ausschnitt dessen, was das Schwäbische ausmacht.

Wie erklären Sie einem Flensburger, dass der Schwabe mehr drauf hat als Kehwoch’?

Der Schwabe isch Kehrwoch’. Und er isch ein Bruddler. Aber der Schwabe ist auch ein Schaffer – und das ist das, was das Schwäbische ausmacht: Wir sehen, was zu tun ist, und dann machen wir das auch. Das fängt mit den Kleinigkeiten wie der Kehrwoche an, geht aber weit darüber hinaus. Wir Schwaben schaffen nicht nur körperlich, wir schaffen auch geistig. Und wir haben viele tolle Geistesblitze.

An was denken Sie?

Also abgesehen davon, dass Schiller und einige andere große Literaten hier gelebt haben, ist in Ludwigsburg auch viel erfunden worden. Die Technik des Streichholzes zum Beispiel wurde hier vollendet. Aspirin ist hier erfunden worden und das Klopapier. Und Viagra wäre hier erfunden worden, wenn Karl Pfitzer nicht ausgewandert wäre. Der Daggl, der halbherige.

Sapperlottich, machen Sie mal halblang!

Ich liebe schwäbische Schimpfwörter. Halbherig, korrekt: halbhirnig, ist eines meiner liebsten. Kann man schöner ausdrücken, dass jemand dumm ist?

In der Ankündigung zu Ihrer Führung steht, dass Marie Schäufele auch lästert. Worüber kann man denn in Ludwigsburg lästern?

Natürlich über die Putzphobie der Schwaben. Und über unseren Herzog Eberhard Ludwig, und über den Carl Eugen auch. Die waren ja beide nicht so astrein, heidenei.

Es heißt auch, dass Marie Schäufele gründlich Staub aufwirbelt. Wie das?

Das ist wörtlich zu nehmen. Die Teilnehmer kommen zu mir als Anwärter auf einen Putzjob bei der Stadt Ludwigsburg. Marie Schäufele ist die Hygienebeauftragte der Stadt, und es ist nicht einfach, gute Fachleute zu kriegen. Die Teilnehmer kriegen von mir Staubwedel, Besen und Kutterschaufel, und dann nehme ich Arbeitsproben. Wir stauben zum Beispiel den Marktplatzbrunnen ab, gucken, ob die Mülleimer akkurat stehen oder kontrollieren, ob die Klingelschilder schön glitzern.

Sie werden mit Kittelschürze und Kopftuch unterwegs sein. Ist Ihnen das nicht peinlich?

Aber hallo: Das ist meine Arbeitskleidung als Hygienebeauftragte. Und im Ernst: Es ist mir saumäßig peinlich. Andererseits macht es mir auch sehr viel Vergnügen in so eine Rolle zu schlüpfen. Die Führung ist ja keine wirkliche Stadtführung, sondern eher eine humorvoll informative Theatervorstellung unter freiem Himmel. Ich verknüpfe sehr fantasievoll Dinge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, und zwischenrein erzähle ich passende Märchen und Geschichten. Ich will die Leute in ihr eigenes Kopfkino entführen.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet – oder sind Sie Marie Schäufele?

Nein, ich bin nicht Marie Schäufele! Ich wünschte, ich wäre es, aber ich habe keinerlei Leidenschaft, was das Putzen anbelangt. Ich bin ja hauptberuflich Erzählerin, und als solche habe ich ein breites Rollenrepertoire. Mal schlüpfe ich beim Erzählen in die Rolle eines Prinzen, mal bin ich Drache, mal Hexe. Oder eben Marie Schäufele.

Ist es nicht frevelhaft, das barockstolze Ludwigsburg mit Schwabenklischees zu verbinden? Üblicherweise wandelt man hier auf den Spuren des Herzogs oder einer Hofdame.

Ich muss doch bitten! Ich bin sozusagen in direkter Linie eine Nachfahrin derer, die im Schloss geputzt haben. Hat denen jemals jemand Ehre erwiesen? Die Leute mussten damals schuften: 16 Stunden am Tag und mehr, und wenn sie mitten in der Nacht gebraucht wurden, mussten sie auch zur Stelle sein. Freie Tage, Wochenende, Urlaube – nix da! Für diese Menschen muss einmal eine Lanze gebrochen werden. Insofern bin ich eine stolze Putzfrau und sage: Ohne mich und meinesgleichen wäre Ludwigsburg damals im Dreck versunken!

Eine Frau mit vielen Gesichtern

Person
Xenia Busam, 50, verdankt ihren hierzulande seltenen Vornamen der Profession ihres Vaters, der Griechischlehrer war. Xenia bedeutet, je nach Wortstamm, die Gastfreundliche oder die Fremde. Fremd ist Xenia Busam indes nicht. Für die Ausbildung zur Spiel- und Theaterpädagogin kam sie nach Ludwigsburg, blieb und machte sich als Erzählerin vor allem von Märchen einen Namen.

Aktion
Als Marie Schäufele fegt Xenia Busam zum ersten Mal am Freitag, 3. Mai, durch die Stadt. Davor kann man sich noch anschließen, wenn sie als „Geisterfrau“ durch den Schlosspark spukt (7. Februar) oder wenn sie zu einer „Gruselführung“ bei Nacht durch Ludwigsburg zieht (15. März). Alle Touren dauern 60 Minuten und kosten 8 oder 10 Euro. Eine Anmeldung ist erforderlich und möglich unter der Nummer 0 71 41/9 10 22 52 oder bei der Tourist Information Ludwigsburg in der Eberhardstraße 1.

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