Vor zehn Jahren hat Beata Schneidereit eine Krebserkrankung überstanden, die für ihre Ärzte ein Todesurteil war. Jetzt gründet sie mit zwei weiteren Betroffenen eine Selbsthilfegruppe für berufstätige Frauen mit Krebs – und erzählt, was ihr damals Hoffnung gab.
Beata Schneidereit spürt 2014 einen Knoten unter ihrer rechten Achsel. Nach einer vorherigen Krebserkrankung lässt sich die gelernte Krankenschwester zur Codier-Fachkraft umschulen und ist zu der Zeit mitten in der Prüfungsphase. Danach, denkt sie, danach kümmere ich mich drum. Bis sie träumt, dass ihr alle Haare ausfallen und sie einen beigen Chihuahua bekommt mit der eindrücklichen Aufforderung, gut darauf aufzupassen. Ihre Frauenärztin diagnostiziert einen Abszess und gibt ihr das Gefühl, sie nicht ernstzunehmen. Krebs? Fangen Sie nicht an, hysterisch zu werden.
Doch Beata Schneidereit ist keine Person, die hysterisch oder hypochondrisch ist. Also macht sie Druck, um einen Termin in der Radiologie zu bekommen. Nachträglich betrachtet, rettet sie sich mit ihrer Entschlossenheit das Leben. Der Knoten entpuppt sich als zehn mal zehn Zentimeter große Metastase – so groß wie eine Kompresse. Brustkrebs. „Meine Leber war ein Streuselkuchen, komplett zersetzt“, sagt Schneidereit. Im Brustzentrum Stuttgart fordert sie die harten Fakten ein. Was sagt das Krankheitsbild? Wie stehen ihre Chancen? „Damit kann ich als Krankenschwester umgehen“, sagt sie.
„Meine innere Krankenschwester hat mich gerettet“
Dort heißt es, sie bekommt lebensverlängernde Maßnahmen, mehr könne man aufgrund der besonders aggressiven Form, unter der sie leidet, nicht für sie tun. Ihre erste Reaktion: „Ich habe keine Zeit zu sterben.“ Während in ihrer Familie Panik ausbricht, schält Beata Schneidereit in einen nüchternen Modus. Problem, Lösung. Wobei es hier keine Lösung zu geben scheint – aber doch zumindest Strategien, damit umzugehen. „Meine innere Krankenschwester hat mich gerettet“, sagt sie heute. Sie habe den medizinischen Fall gesehen und nicht das Todesurteil. An ihrem 40. Geburtstag startet sie ihre erste Chemotherapie. Von ihrer Schwester bekommt sie einen beigen Chihuahua geschenkt.
Mit dem Tod setzt sie sich erst auseinander, als die erste Runde Chemo bei ihr keine Wirkung zeigt. „Aber meine Oma hat mir beigebracht: Glaube versetzt Berge“, sagt die 51-Jährige. Heute erinnert sie sich kaum mehr an das Jahr. Nach jeder wöchentlichen Sitzung sei sie fünf Tage in einen Dämmerzustand gedriftet, erzählt sie. Dennoch schafft Beata Schneidereit es durchzuhalten, macht es sich bei jedem Chemo-Termin möglichst angenehm. Bücher, Kissen, Häkelsachen. An ihrem Spiegel klebt ein Zettel: Ich bin gesund und finde meinen Weg aus der Krankheit. „Das Manifestieren hilft zwar nicht dem Körper – das tut die Medizin – aber es half mir, damit umzugehen“, sagt Schneidereit.
Niemand kann immer optimistisch sein – nicht einmal Beata Schneidereit
Einmal im Monat habe sie „Bombentage“ gehabt. Und weil manche Menschen in ihrem Umfeld nicht verstanden hätten, was dann passiert, hätte sie ein altes Namensschild aus ihrer Zeit als Krankenschwester mit einer kleinen Bombe bemalt und angesteckt. „An den Tagen hatte ich die ganze Weltlast auf meinen Schultern“, sagt Schneidereit. Ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Scheiß Leben. Diese Auszeiten, in denen sie von niemandem etwas wissen, und schon gar nicht diskutieren wollte, habe sie sich lange nicht gewährt. Nicht jammern, anderen geht es schlechter. Auch heute hat sie solche Tage noch. Seltener, ein Mal alle drei bis vier Monate. Niemand kann immer optimistisch sein, nicht einmal Beata Schneidereit.
2015 teilen ihr die Ärzte mit, dass sie den Krebs überstanden hat. Zumindest diesen Krebs. Von ihrer Mutter und Großmutter, die sie gepflegt hat und immer noch pflegt, weiß sie: Krebsfrei sein heißt nicht für immer gesund sein. Heute hat sie zehn chronische Erkrankungen, darunter das Fatigue-Syndrom, das anhaltende Erschöpfung mit sich bringt. An manchen Tagen kommt sie nicht aus dem Bett, an manchen Tagen braucht sie einen Rollator, um gehen zu können und schafft es nicht allein in die Badewanne.
Frauen gründen neue Selbsthilfegruppe in Ludwigsburg
Die Mitteilung nach ihrer Krebserkrankung, dass sie Rentnerin wird, die habe sie fast stärker getroffen als die Diagnose. „Ich fühlte mich nutzlos“, sagt sie. Durch Zufall stößt sie auf die Coaching-Ausbildung der Frauenselbsthilfe (FSH). Über den Landesverband findet sie zwei andere Frauen, mit denen sie jetzt eine eigene Selbsthilfegruppe in Ludwigsburg für Frauen im Berufsleben gründet. Aus der eigenen Betroffenheit richtet sich das Angebot in erster Linie an Frauen mit Brustkrebs oder gynäkologischen Krebserkrankungen – aber auch Betroffene anderer Krebserkrankungen sind willkommen. Einmal im Monat wollen Christine Fischer, Claudia Sauer und Beata Schneidereit Betroffene begleiten, bestärken – und nützliche Informationen liefern. Nur Ärzte und Methoden wollen sie nicht empfehlen.
„Am Anfang wollen wir auch herausfinden, welche Bedürfnisse die Frauen haben“, sagt Schneidereit. Sie kann sich neben Gesprächsrunden und Vorträgen von Referenten auch Ausflüge, Spaziergänge, Yoga-Stunden oder Malabende vorstellen. „Man kann auch nur zwei, drei Mal kommen und dann nicht mehr“, erklärt sie. Die Selbsthilfegruppe ist Beata Schneidereits Weg, etwas zurückzugeben. „Das wichtigste bei so einer Krankheit ist Hoffnung und die will ich anderen Frauen mit meiner Geschichte machen“, sagt sie.
Infos zur Selbsthilfegruppe
Vorstellung
Die Gründerinnen der Selbsthilfegruppe stellen sich am Mittwoch, 26. März, im RKH Klinikum Ludwigsburg vor. Um 18 Uhr geht es im Hörsaal los, die Frauen sind nach der Informationsveranstaltung für Fragen da. Beata Schneidereit ist zudem unter der Mail-Adresse beataschneidereit@web.de und der Nummer 017 2 / 28 88 237 erreichbar.
Termin
Ab dem 31. April trifft sich immer am letzten Mittwoch des Monats um 18.30 Uhr in der Königsallee 43 Ludwigsburg die Selbsthilfegruppe. Die Betroffenen treffen sich für 1,5 bis 2 Stunden. Das Angebot ist für sie kostenfrei und wird von der Stiftung Deutsche Krebshilfe finanziell gefördert.