In Anbau seines Hauses röstet Andreas Terschawetz seine Bohnen, seine mobile Bar parkt nur zu Vorführzwecken dort. Foto: factum/Granville

Andreas Terschawetz hat seine Festanstellung bei Daimler gekündigt, um sich selbstständig zu machen – mit einer mobilen Kaffeebar und einer Rösterei. Jahrelang hat er an seinen Maschinen getüftelt, nun soll sein Geschäft Fahrt aufnehmen.

Grafenau - Früher hat Andreas Terschawetz vor allem an seinem El Camino herumgeschraubt. Der Pick-up von Chevrolet ist Baujahr 1978. Jetzt konzentriert er sich ganz auf den Kaffee. El Coffeino hat der 41-Jährige aus dem Grafenauer Ortsteil Dätzingen sein neues Betätigungsfeld in Anlehnung an den Oldtimer genannt. „Jetzt ist der Startpunkt“, sagt er über seine Selbstständigkeit. Fast drei Jahre lang tüftelte er den Maschinenpark für eine mobile Kaffeebar und eine Rösterei aus – und beste Qualität. Dafür hat der Schlosser vor elf Monaten eine Festanstellung bei Daimler in Sindelfingen aufgegeben – nach einem Vierteljahrhundert Betriebszugehörigkeit.

„Die Schwaben sind immer komplett aus dem Häuschen, wenn ich davon erzähle“, sagt Andreas Terschawetz und lacht: Kündigen beim Daimler? Das geht doch nicht! Seit seiner Lehre hat er Limousinen kugelsicher gemacht. Schön sei es gewesen, bis auch in seiner Abteilung die Maschinen die meiste Arbeit übernahmen. Die angebotene Abfindung hat er als Chance begriffen. Die Idee für eine mobile Kaffeebar geisterte da schon seit drei Jahren durch seinen Kopf, nachdem er am Bodensee ein Kaffeefahrrad gesehen hatte. Sein Ausschank ist eine reine Marke Eigenbau aus Holz und Metall, betrieben von einer Autobatterie und Gas. „Mein Oldtimer ist allerdings in die Knie gegangen“, erzählt er: Damit El Coffeino auf die Ladefläche von El Camino passt, musste er dem Chevrolet erst ein spezielles Fahrwerk verpassen.

Kaffe ist wie Medizin

„Kaffee trinke ich schon immer“, sagt Andreas Terschawetz, natürlich sei auch viel schlechter dabei gewesen. Bestimmt stundenlang kann er über Kaffeevollautomaten schimpfen. Im Prinzip ist das Heißgetränk für ihn wie Medizin: Weil ihm als Kind beim Autofahren immer schlecht wurde, bekam er auf Anraten des Hausarztes im Alter von acht Jahren seine erst Tasse verabreicht. Er mochte es gleich. Mit der Zeit kam eines zum anderen: Auf den Vollautomaten folgten eine Siebträgermaschine und eine Mühle. Als Nächstes beschäftigten ihn die Bohnen. „Ich habe mich so ­hineingearbeitet“, sagt er über sein Hobby, das zum Beruf wurde. Als ihn ein Bandscheibenvorfall niederstreckte, kaufte seinen Frau „einen Röster-Tröster“.

Andreas Terschawetz hat zwar keine Ausbildung als Barista oder Röster, aber ­Seminare absolviert. Von einem Weltmeister in Latte Art ließ er sich zeigen, wie man Bilder in den Cappuccino-Milchschaum malt. Rund 50 000 Euro hat der Dätzinger in sein Geschäft investiert, einen Anbau ans Einfamilienhaus finanzierte er damit ebenso wie eine von ihm aufgemotzte Röstmaschine. Mittlerweile hat er 14 Kaffee- und Espressosorten im Programm. „Ich ­habe meine Geschmacksnerven trainiert“, sagt er und hält einen Kurzvortrag über die floralen Noten des äthiopischen Kaffees, den beerigen Karimkui aus Kenia und die Süße der brasilianischen Bohne. Alle drei hat er zu einer Mischung zusammengefügt, „Freitagmorgen“ nennt er sie.

Zwölf Tonnen im Jahren machen das Geschäft rentabel

Die mobile Kaffeebar will der Schlosser vor allem einsetzen, um seine Rösterei bekannter zu machen. Den Espresso macht eine rund 50 Jahre alte Gaggia Americana, die er erst mühsam in Gang bringen musste. Zur Ausrüstung gehört außerdem eine Aeropress: Für die Filtermaschine hat er eine Holzkonstruktion mit einem Scheunengewicht gebaut, das das Pulver gemächlich durch das heiße Wasser presst. Beim Dätzinger Kreativmarkt vor zwei Jahren hatte der Wagen seinen ersten Auftritt. „Die Resonanz war spitze“, erzählt er. Rund eine Tonne Kaffee hat er seit seinem Abschied vom Daimler vor einem Jahr verkauft. Verzwölffachen muss er die Menge, damit er mit seiner Frau und den beiden Töchtern davon leben kann. Nun will er Restaurants und Firmen in der Region als Kunden gewinnen. „Ohne Leidenschaft geht es nicht“, sagt er und stellt den nächsten Kaffee zum Probieren auf die Bar.

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