Seit zehn Monaten prangt der Scientology-Schriftzug an einem großen Gebäude gegenüber des Einkaufszentrums Milaneo. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Im vergangenen September hat die vom Verfassungsschutz beobachtete Scientology-Organisation ihre neue Repräsentanz an der Heilbronner Straße eröffnet. Jetzt versucht man von dort aus, neue Mitglieder zu gewinnen.

Stuttgart - Der Fragebogen, den Tausende Stuttgarter in den vergangenen Wochen in ihren Briefkästen gefunden haben, hat es in sich. Man könne sich mit dem kostenlosen Persönlichkeitstest „selbst erkennen“, heißt es darin. Die Methode wird Oxford Capacity Analysis genannt – was auf den ersten Blick sehr wissenschaftlich klingt. Schaut man genauer hin, sieht man, von wem die Flyer stammen: von Scientology. Die Organisation bezeichnet sich selbst als Religion, wird von Aussteigern und Kritikern aber eine Sekte genannt. Der Verfassungsschutz beobachtet Scientology seit Langem.

200 Fragen werden in dem Papier aufgelistet. Wer sie beantwortet, wird eingeladen, zum Gespräch vorbeizukommen. Vorher gilt es, einiges zu klären. So heißt es da zum Beispiel: „Blättern Sie einfach zum Vergnügen in Eisenbahnfahrplänen, Telefonbüchern oder Wörterbüchern?“ Oder: „Würden Sie ein zehn Jahre altes Kind körperlich züchtigen, wenn es sich weigerte, Ihnen zu gehorchen?“ Starker Tobak.

Die Flyeraktion gehört zu einer neuen Offensive von Scientology. Denn die Organisation hat im vergangenen Jahr nach jahrelangem Stillstand ihre neue Stuttgarter Repräsentanz an der Heilbronner Straße eröffnet. Eine sogenannte Ideale Org, ein großer Hochglanz-Komplex, der die seit Jahren eher schwächelnde Gemeinschaft wieder ins Blickfeld rücken soll. Auf einer Fläche von 7200 Quadratmetern gibt es ein Informationszentrum mit über 500 Filmen, einen Buchladen, eine Akademie, Kapelle, Café, dazu ein „Reinigungszentrum“ mit Fitnessstudio, Sauna und Ernährungsprogramm.

Das Weltoberhaupt reist an

Zur lange geheim gehaltenen Eröffnung mit Hunderten Anhängern im vergangenen September reiste sogar David Miscavige an, das sogenannte kirchliche Oberhaupt von Scientology. Er sprach in seiner Rede von „Deutschlands größter Scientology-Kirche“ und „einem Zuhause, das zu diesem Anker der Nation passt“.

In der Tat gilt Baden-Württemberg als eine Region, in der Scientology noch relativ stark aktiv ist. Das Landesamt für Verfassungsschutz geht davon aus, dass es im Südwesten rund 800 Anhänger gibt, davon lebt der Großteil im Stuttgarter Raum. Die Organisation selbst spricht immer von deutlich höheren Zahlen und einem stetigen Wachstum seit 1972. Zuletzt war sie laut den Behörden aber eher im Schrumpfen begriffen. Die Verfassungsschützer werten das neue Gebäude deshalb auch als ein Versuch, dieser Entwicklung gegenzusteuern.

Dazu gehört, jetzt in die Offensive zu gehen. „Den Eindruck, Scientology sei in den vergangenen Monaten verstärkt aktiv, können wir bestätigen“, sagt ein Sprecher des Landesamts für Verfassungsschutz. Seit Eröffnung der Idealen Org in Stuttgart habe es schon verschiedene Aktivitäten gegeben. So betreibe die Organisation neben der Flyer-Aktion regelmäßig Informationsstände im Stadtgebiet, zuletzt offenbar verstärkt auch in Bad Cannstatt.

Angebliche fünf Mal so viele Besucher

Im Internet wirbt Scientology mit den neuen Räumen. Dort werden Interessierte eingeladen, zur kostenlosen Führung in das Gebäude zu kommen. Dazu gehören „interaktive Multimedia-Displays“ und zur letzten Überzeugung auch „Erfrischungen“. Auf der Homepage heißt es, man wolle von hier aus „unsere Hilfe und unsere Mittel auf ganz Baden-Württemberg ausdehnen“. Mancher versteht das als Drohung.

Laut Scientology wirkt diese Werbung an prominenter Stelle. „Die Zahl der Besucher, die sich bei der Scientology-Gemeinde Baden-Württemberg informieren und dann auch Einführungsdienste belegen, ist um das Fünffache gestiegen“, sagt Hubert Kech, Präsident der Stuttgarter Organisation. Auch „Personen aus der Öffentlichkeit“ kämen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Viele Besucher seien positiv überrascht, die Einführungsvideos im Erdgeschoss fänden reges Interesse. Eine regelrechte Offensive will er freilich nicht bestätigen: Flyer habe man in Stuttgart schon seit jeher verteilt.

Beschwerden über die Faltblätter liegen bei der Stadt bisher nicht vor. Sie könnte auch gar nicht dagegen einschreiten. Allerdings gibt es immer wieder Ärger bei Bürgern wegen der Infostände. Die werden dann auf Einhaltung der Regeln überprüft. Verbieten kann die Stadt aber auch sie nicht. Und falls das jemanden betrübt, gibt es auch dazu eine passende Frage in den Faltblättern: „Können Sie eine Niederlage leicht hinnehmen, ohne Ihre Enttäuschung hinunterschlucken zu müssen?“

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