Trifft Cancel Culture, die Ächtung alter Helden, nun den Stuttgarter Zauberer Kalanag? Als „Hofmagier der Nazis“ führt ihn die ARD am nächsten Montag in einer Dokumentation vor. In der Zauberbranche herrscht schon jetzt Unruhe.
Stuttgart - Mit Wohlstandsbauch, Glatzkopf und lustigen Augen hinter dicker Brille verkörperte der 1903 in Stuttgart geborene Helmut Schreiber alias Kalanag in den Fünfzigern all das, wonach sich die Deutschen nach dem Krieg sehnten. Der frühere Kickers-Torwart sah immer älter aus als er war. Nach dem Krieg war der Nachholbedarf an Märchen und Magie enorm. Endlich durften wieder Wunder geschehen – mit dem Wirtschaftswunder auch Wunder in der Zauberei.
Die Tricks des Schwaben, der sich nach der Schlange aus dem „Dschungelbuch“ benannte, gingen um die Welt. Die Simsalabim-Revue mit einer bis zu 80-köpfigen Truppe und sexy Tänzerinnen war eine perfekt inszenierte Mischung aus Entertainment, Großillusionen und Orchester, die alle Sinne ansprach. Der weltweit erfolgreichste Magier der Nachkriegszeit setzte sogar künstliche Gerüche ein. Beim Zersägen einer Dame roch es plötzlich nach Krankenhaus.
Für Kalanags Sekretärin ist „eine Welt zusammengebrochen“
Am nächsten Montag, 23.35 Uhr, zeigt die ARD in der Dokumentation „Verzaubert und verdrängt – die Karriere des Magiers Kalanag“ Fotos aus dem Leben des 1963 gestorbenen Zauberkünstlers, die selbst dessen Sekretärin Liselotte Littobarski hart getroffen haben. „Ich muss ehrlich sagen“, so kommt sie in den Film zu Wort, „als ich das Bild sah, die Gloria auf der einen Seite, Kalanag auf der anderen, in der Mitte Adolf Hitler – da ist für mich eine Welt zusammengebrochen.“
Rolf Aurich von der Deutschen Kinemathek in Berlin zweifelt 58 Jahre nach dem Tod von Kalanag an dessen Moral: „Ist Moral ein Empfindungsbereich, den er überhaupt zur Verfügung hatte? Da wäre ich sehr am Zweifeln.” Die Dokumentation von Oliver Schwehm schildert mit „bisher nie veröffentlichtem Archivmaterial“ die Karriere des Stuttgarters, der es immer wieder geschafft habe, zu den Gewinnern zu zählen. Von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis in die junge Bundesrepublik habe sich Schreiber in drei Systemen nahtlos angepasst und sich immer wieder durchgesetzt.
Topas hält die „Aufarbeitung von Kalanags Nähe zum Nazi-Regime“ für wichtig
Als „Hofmagier der Nazis“ sei der gebürtige Stuttgarter mehrfach vor Hitler auf dem Obersalzberg aufgetreten und habe vor Goebbels‘ Tischgesellschaften gezaubert, so wird die ARD berichten. Gleichzeitig habe er hauptberuflich nationalsozialistische Propaganda- und Durchhaltefilme verantwortet, zunächst bei der Tobis, später bei der Bavaria, wo er 1942 sogar zum Produktionschef und Mitglied der Geschäftsführung aufgestiegen ist. Nach 1945 – als die Amerikaner ihm untersagen, weiter im Filmgeschäft zu arbeiten – habe er sein Hobby zum Beruf gemacht und die Welt mit ganz neuen Tricks bereist.
„Die Aufarbeitung von Kalanags Nähe zum Nazi-Regime ist für unsere Branche wichtig“, sagt der Magier Topas alias Thomas Fröschle, der mit verbundenen Augen – wie einst Schreiber – durch Stuttgart gefahren ist. Die Rückkehr dieses Themas begrüßt er, weil man auf diesen Weise einen Helden der Vergangenheit kritisch unter die Lupe nehmen könne. „Kalanag war ein Mitläufer wie viele andere auch“, erklärt Eberhard Riese vom Magischen Zirkel Stuttgart und fährt fort: „Es ist aber auch erwiesen, dass Schreiber etlichen Juden geholfen hat, unter anderem der Besitzerin eines Zauberladens.“ Nach dem Krieg sei Kalanag entnazifiziert worden.
Topas fordert eine klare „Haltung gegen Faschismus und deren Unterstützer“. Nur damit könnten neue rechtsradikale Tendenzen in der Gesellschaft verhindert werden. „Das magische Können und die Innovationen, die bei Kalanag zweifelsohne herausragend sind, von den politischen Aktivitäten der betreffenden Person zu trennen, ist sicher möglich“, findet der Stuttgarter Magier und sagt: „Ich bin sehr gespannt auf die Dokumentation!“
„Reine Heldengeschichten sind so was von verlogen!“
Welche Konsequenzen sollten der Magische Zirkel und die heutigen Magier, die sich oft auf Kalanag berufen und ihn als Vorbild bezeichnen, aus den neuen Recherchen ziehen? Malte Herwig, dessen Buch „Der große Kalanag – Wie Hitlers Zauberer die Vergangenheit verschwinden ließ und die Welt eroberte“ in wenigen Tagen beim Pinguin-Verlag erscheint, findet, den Stuttgarter zu verstoßen, sei nicht die Lösung. „Klar, wenn wir alle unliebsamen Personen und Ereignisse aus der Erinnerung tilgen, herrscht endlich Friede, Freude, Eierkuchen und wir wissen, dass wir in der besten aller Welten leben“, sagt er gegenüber unserer Zeitung. Selbstgerechtigkeit sei die „bequemste aller Tugenden“. Dennoch sollte man sich „gerade mit Leuten wie Kalanag beschäftigen, bei denen es Licht und Schatten gibt“, fordert Malte Herwig und bringt es auf den Punkt: „Reine Heldengeschichten sind so was von verlogen!“
Helmut Schreiber habe ein gutes Gespür dafür gehabt, was sein Publikum wollte, und sei ein „begnadeter Organisator“ gewesen, so der Buchautor. Im Dritten Reich habe er als Zauberfunktionär und Filmproduktionsleiter eine fragwürdige Rolle gespielt, sagt Herwig. Dennoch sei es falsch, „die Welt immer gleich in Schurken und Helden einteilen zu wollen“. Jeder wolle sich heute nur mit Helden identifizieren und sei überzeugt davon, selbst garantiert Widerstandskämpfer im Dritten Reich gewesen zu sein. „Wenn man tatsächlich aus der Geschichte für die Zukunft lernen wolle, dann sollte man sich gerade fragwürdige Gestalten wie Kalanag anschauen“, findet dessen Biograf.