Wendlingen setzt auf Innovation: Eine Lärmschutzwand an der A8 erzeugt nun Strom per Photovoltaik. Die Maßnahme gilt als Vorbild für die Region. Was steckt dahinter?
Erneuerbare Energien sind wichtiger denn je. Dessen ist sich auch die Stadt Wendlingen bewusst und geht neue Wege: Da eine marode Lärmschutzwand an der A8 ohnehin saniert werden musste, wurde sie zeitgleich einseitig nach Süden hin mit Photovoltaikmodulen belegt. Der Strom, der jetzt auf 700 Metern Länge produziert wird, deckt den Jahresverbrauch des Rathauses.
Die Gesamtinvestition beträgt zwar 900.000 Euro, die Mehrkosten für die PV-Module in Höhe von 300.000 Euro werden indes komplett vom Land übernommen – damit ist die energetische Sanierung kostenneutral für die Stadt.
„Zwei Fliegen mit einer Klappe“: Wendlingen punktet mit PV-Projekt
„Damit schlagen wir sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe“, lobte Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel beim Pressetermin zur offiziellen Einweihung der neuen Lärmschutzwand. Mit der Umsetzung musste schnell gehen – um in den Genuss der Fördermittel zu kommen, hatte die Maßnahme bis Ende November 2025 abgeschlossen zu sein. Denn dann läuft das Landes-Förderprogramm „Flächen doppelt nutzen – PV an Mobilitätsinfrastrukturen“ aus. Die Wendlinger haben eine Punktlandung hingelegt – nach dem Gemeinderatsbeschluss im Oktober 2024, flatterte Anfang 2025 der positive Förderbescheid ins Rathaus und die Arbeiten konnten zeitnah vergeben werden. Im August dieses Jahres erfolgte der Abriss der alten Wand, Anfang Oktober war die Montage der neuen PV-Module abgeschlossen. Nach der weiteren elektrischen Installationen konnte die Wand nun in Betrieb genommen werden. „Das ist alles in allem eine sehr erfreuliche Geschichte – zuweilen kann es bei innovativen Projekten mit der Umsetzung auch ganz schnell gehen“, sagte Verwaltungschef Weigel.
Insgesamt wurden im Rahmen der Landesförderung vier Projekte mit insgesamt 724.000 Euro vom Umwelt- und Energieministerium unterstützt. Mit 300.000 Euro ging der Löwenanteil an die Stadt Wendlingen, die mit ihrer innovativen Maßnahme Vorreiter in der näheren Umgebung ist. Vergleichbare Anlagen existieren laut Bianca Hermann, Pressesprecherin vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft, an der Lärmschutzwand an der B 29 zwischen Essingen und Aalen und der Lärmschutzgalerie Ost der Bundesstraße 31 in Freiburg.
Weitere PV-Projekte in Baden-Württemberg erhalten Förderung
Die drei weiteren Projekte, die jetzt in den Genuss der Landesförderung gekommen sind, sind PV-Anlagen an einer Lärmschutzwand entlang der Bundesstraße 33 Höhe Offenburg/Elgersweier im Ortenaukreis (160.000 Euro) und an einer Lärmschutzwand an der Bahnstrecke Ladenburg-Heddesheim im Rhein-Neckar-Kreis, bei der die Photovoltaikmodule wie eine Art Dach oben auf die Lärmschutzwand gesetzt werden. Diese Maßnahme wurde mit 120.000 Euro gefördert. Ebenfalls im Rhein-Neckar-Kreis wurde noch eine PV-Anlage auf dem Dach eines Betriebshofs für Wasserstoffbusse in Heidelberg mit 144.000 Euro bezuschusst.
PV-Anlagen an Lärmschutzwänden an Autobahnen, Bundesstraßen oder Bahnstrecken haben nach Einschätzung von Fachleuten viel Potenzial und sind konfliktarm, denn innerhalb von 200 Metern handelt es sich um sogenannte privilegierte Flächen, für die im Normalfall kein Bebauungsplan nötig ist. Dennoch ist das Interesse bei den Kommunen eher verhalten. Ein Grund dafür könnte laut Pressesprecherin Hermann sein, dass bei der Einrichtung von PV-Anlagen auf oder an Lärmschutzwänden besondere Aspekte wie Statik, Vermeiden von Blendwirkungen, Erhalt der Lärmschutzwirkung, Zuwegung oder Leitungsverlegung zu berücksichtigen seien. Dazu kommt: „Bereits länger bestehende Lärmschutzwände sind in den allermeisten Fällen nicht für ein zusätzliches Anbringen von PV-Anlagen ausgelegt, sodass hierfür zusätzliche Aufstellvorrichtungen erforderlich werden“, sagt Hermann. So scheiterten Projekte dieser Art oft an der Wirtschaftlichkeit, wenn die Flächen zu klein im Verhältnis zum Aufwand seien.
Was PV-Anlagen an Verkehrswegen bringen
Klimaneutralität
Der Ausbau von Photovoltaik auf Flächen im öffentlichen Raum spielt in Sachen Klimaneutralität bis 2045 in Deutschland eine wichtige Rolle – bereits 2022 ergab eine Analyse des Deutschen Wetterdiensts in Zusammenarbeit mit dem Eisenbahn-Bundesamt und der Bundesanstalt für Straßenwesen, dass mit PV-Modulen belegte Lärmschutzwände und -wälle entlang deutscher Autobahnen und Bahngleise pro Jahr bis zu 1 Million Tonnen CO2 einsparen könnten.
Fakten zu Wendlinger PV-Lärmschutzwand
Auf einer Gesamtlänge von 700 Metern wurden insgesamt 196 Elemente erneuert – davon wurden 122 Elemente mit PV-Modulen belegt, 33 sind transparent und 41 bestehen aus Aluminium. Die Stadt rechnet mit einem Jahresertrag von 77.000 Kilowattstunden, was in etwa dem Jahresstromverbrauch des Rathauses entspricht. Investiert wurden insgesamt 900.000 Euro, ein Drittel der Kosten (300.000 Euro) werden vom Land getragen.